Düstere Prognose: Wenn kein Hahn mehr nach Nachrichtenorganisationen kräht

Analyse29. November 2012, 16:37
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Zuckerbrot und Peitsche: Das Kapitel "Ökosystem" des Essays "Post-Industrieller Journalismus - Adaption an die Gegenwart"

"Es gibt keine Lösung für die aktuelle Krise", heißt es im Kapitel "Ökosystem" des im WWW stark rezipierten Essays "Post-Industrieller Journalismus - Adaption an die Gegenwart" von Clay Shirky, Emily Bell und C.W. Anderson. Hier wird nichts beschönigt, die Heilsverkündung über den einzig wahren Weg aus der Krise sucht man vergeblich. Was das neue Zeitalter verlangt: den Mut zur Veränderung, die Abrissbirne für die über 400 Jahre gewachsenen Strukturen.

Die Stärke des Textes liegt in der Kombination von Zuckerbrot und Peitsche. Zweitere bildet das Rückgrat des Essays, der Zucker tarnt sich geschickt als Aufforderung zu konkreter Innovationsleistung. 75 Quartale lang, wird da aufgerechnet, hatten Zeitungsmanager Zeit, um sich auf die neuen Herausforderung des digitalen Zeitalters einzustellen. Doch passiert ist seit 1994 wenig. Die Strukturen sind starr, wahre Innovation entstehe nur aus bedrohlichen Krisensituationen.

"Here comes everybody"

"Wir erleben keinen Übergang von A nach B, sondern den Übergang von Einem zu Vielen". Gemeint ist die explosionsartige Einmischung von Individuen, sich dynamisch bildenden Gruppen und Maschinen in die Nachrichtenproduktion. Drei Gruppen, die es nach den Autoren im neuen Nachrichtenumfeld zu definieren gilt. Die Erstellung von Nachrichten verläuft nicht mehr linear und im Geheimen, viele können daran beteiligt sein. Es gibt nicht mehr den einen Autor, jede Quelle soll und muss im Artikel erwähnt und verlinkt werden - ein Mindestmaß an Respekt gegenüber der Quelle und dem Leser.

Der Leser ist mündig geworden, kann sich artikulieren, andere Leser um sich scharen und Interessengruppen formieren, der Leser ist Spezialist in seiner Nische. Das alles steht für die Autoren in keinem Widerspruch zum Fortbestand ausgebildeter Journalisten, zur Notwendigkeit von Nachrichten an sich. Aber die Umstände haben sich geändert: das Zeitbudget, die Arbeitsweise, die Verweise und die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.

Grundübel: Organisationsstruktur

Daraus ergibt sich eine verzwickte Situation. Die Nachrichtenorganisationen und ihre Struktur werden in dem Text Schritt für Schritt als Grundübel identifiziert. Zu sehr verlasse man sich auf alte Einkommensstrukturen, an deren Stelle aufgrund der Diversifizierung keine neuen treten werden, so die Vorhersage. Abseits des Kapitalflusses halte man außerdem seine Journalisten an, Texte inhaltlich und stilistisch an die Institution anzupassen und entscheide über mögliche Kollaborationen mit.

Jetzt oder nie

Das Problem: nach Ansicht der Autoren wird ein Überleben in dem neuen Ökosystem nur über ein starkes Netz an Zusammenarbeit außerhalb der eigenen vier Wände funktionieren. Institutionen aber sind dafür prädestiniert, Veränderungen zu widerstehen und mit ihnen auch ihre Mitarbeiter. Um doch noch den Übergang zu schaffen, gelte es wichtigen Tatsachen ins Auge zu blicken:

  • Nachrichtenorganisationen kontrollieren nicht länger den Nachrichtenfluss. Bürger, Regierungen, kommerzielle Unternehmen und Plattformen mischen kräftig mit - darauf müssen sich die Institutionen einstellen.
  • Die Frage "Wer ist der Herausgeber und wer ist Quelle?" ist nicht mehr einwandfrei zu beantworten.
  • Nachrichtenorganisationen müssen sich auch den maschinellen Möglichkeiten öffnen und Programme einen Teil der Arbeit erledigen lassen - auch wenn sich dadurch Organisationsstrukturen verändern
  • Alles ist eine Nachrichtenagentur, weshalb Scoops nicht mehr von Nachrichtenorganisationen gelandet und verbreitet werden
  • Nachrichtenorganisationen können sich in Geschwindigkeit und Verbreitungsmöglichkeiten mit Sozialen Netzwerken nicht messen
  • Nischen: Inhaltlich kann nicht jeder alles abdecken. Es gilt sich auf seine Spezialgebiete zu konzentrieren
  • Um den Leserkreis zu erweitern, sollte jede Nachrichtenorganisation darüber nachdenken, Artikel in mehreren Sprachen zu publizieren und im Netz verfügbare Übersetzungssoftware (Google Translate) bzw. Übersetzung durch Crowdsourcing (dotSub, TedTalks translator) für fremdsprachige Quellen einzusetzen
  • Der Einzug der Maschinenkommunikation in die Redaktion ist nicht aufzuhalten. Es braucht offene Kommunikationssysteme für Maschinen (APIs), und eine Forcierung der Arbeit mit öffentlich zugänglichen Daten (Datenjournalismus)
  • Nachrichtenorganisationen sollten für gelungene Kollaborationen und Folgearbeiten Fonds und Preise einrichten, um erfolgreiche Projekte öffentlichkeitswirksam hervorzuheben

Kulturclash

Um diese hehren Ziele weltweit umzusetzen, müssen den Autoren zufolge neben Umstellungen in der Ausbildung primär kulturelle Hindernisse überwunden werden. Allem voran das "Wurde aber nicht hier erfunden"-Syndrom, die "Meins bleibt Meins"-Einstellung in Bezug auf Veröffentlichung eigener Daten und Archive sowie das Gefühl eine Produktionswerkstatt industrieller Prägung zu sein und vielmehr auf ein florierendes Export-Import-Modell umzustellen.

Unaufgeregt

Denn so der Text: "Wären Nachrichtenorganisationen nicht tatsächlich von so hoher zivilgesellschaftlicher Bedeutung, separiert von der Marktlogik betrachtet, würde ihre kommerzielle Vergreisung nicht mehr Unterschied machen als die Schließung lokaler Reisebüros." (Tatjana Rauth, derStandard.at, 29.11.2012)

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