Ökonom sieht in jedem Haus ein Kraftwerk

29. November 2012, 13:08
3 Postings

Sonnen-, Windenergie und Erdwärme werden sich "auf jedem Quadratzentimeter finden", meint US-Ökonom Jeremy Rifkin

Wien - Die Energieversorger der Zukunft werden sich nicht mit der Produktion von Strom aufhalten, sondern die von anderen aus ihrer Umwelt aufgelesene Energie managen und damit umso mehr verdienen je effizienter der von ihnen vermittelte Strom verwendet wird. Diese Botschaft überbrachte der US-Ökonom Jeremy Rifkin (67) europäischen Energiemanagern in Wien. Seine Philosophie der dezentralen Energieproduktion ist mittlerweile offizielle EU-Doktrin geworden.

Lanze für Erneuerbare

Die Lösung sieht Rifkin weder in einem Rohstoffimperialismus noch bei der zentralisierten Energieproduktion, sondern in einer dritten industriellen Revolution, in der Transport von Strom und die IT-Technik/Internet zusammenwachsen.

Die erneuerbare Energie aus Wind und Sonne sieht Rifkin bei der sogenannten Nettoenergie der Kohle und dem Gas als ebenbürtig bzw. fast ebenbürtig an - eine Ansicht, die nur wenige Branchenbeobachter teilen. Unter Nettoenergie wird jener Überschuss verstanden, der den bei der Produktion verwendeten Energie-Input übersteigt.

Öko kann teuer werden

Dass Erneuerbare aber auch Gefahren für die Verbraucherpreise bergen, zeigt die deutsche Offshore-Windenergieproduktion. Im Nachbarland müssen die Verbraucher künftig über eine neue Umlage auf ihrer Stromrechnung für einen beschleunigten Ausbau von Windkraftanlagen auf hoher See zahlen. Der Deutsche Bundestag beschloss am Donnerstag, dass Entschädigungen für fehlende Anschlüsse von Windparks vor der Küste künftig zu einem Teil auf den Strompreis umgelegt werden. Die Netzbetreiber haften demnach je nach Grad ihres Verschuldens bei Verzögerungen mit einem Höchstbetrag von 110 Millionen Euro. Ziel der Maßnahme ist es, Investitionen in Windparks auf hoher See zu sichern.

Beim aktuellen Strompreis führe die Haftungsumlage allerdings maximal zu einem Anstieg des Preises von einem Prozent, hieß es im Gesetzentwurf.

Vorbild Internet

Dass das Maximum der konventionellen weltweiten Ölproduktion (Peak Oil) 2006 erreicht worden ist, sieht der Theoretiker Rifkin nicht als Grund zur Sorge an - eher im Gegenteil. Energiearmut droht seiner Meinung nach deswegen nicht, weil sich als Sonnen-, Windenergie oder Erdwärme "buchstäblich auf jedem Quadratzentimeter finden", sagte Rifkin.

Je billiger die Technik um diese Energie nutzbar zu machen, desto niedriger würden auch die Grenzkosten der Produktion. Wie heute beim Datenverkehr im Internet würden in 20 Jahren die zusätzlichen Kosten für eine weitere Einheit Energie gegen Null gehen, glaubt er. "Wenn einmal die Infrastruktur dafür da steht, ist die Sonnenenergie praktisch gratis."

Rifkins Zukunftsvision trifft in der Europäischen Union auf eine Staatengemeinschaft, die in den kommenden Jahren immer weniger Primärenergie produzieren wird. Während sich die USA dank Schiefergas zum Nettoexporteur entwickelt, wird Europa immer stärker von Öl und Gas aus dem Mittleren Osten und Russland abhängig, prophezeit z.B. der Energiekonzern BP in seinem Ausblick 2030. (APA/red, derStandard.at, 29.11.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schon im Handel erhältlich: Programme wie man seinen Energieverbrauch steuert, Licht dimmt usw.

Share if you care.