Fremdbacken

  • Wer sich geschickt anstellt, kommt durch den ganzen Advent, ohne den eigenen Herd einzuschalten. Dagegen wäre nichts zu sagen, ginge damit nicht ein Stück Kultur verloren.
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    Wer sich geschickt anstellt, kommt durch den ganzen Advent, ohne den eigenen Herd einzuschalten. Dagegen wäre nichts zu sagen, ginge damit nicht ein Stück Kultur verloren.

Eine Offenbarung für den Gaumen oder doch nur eine vorweihnachtliche Schnorrtour?

Pro: FKK auf mostviertlerisch

Von Andrea HeiglDie Gäste waren ein wenig, sagen wir's mal so, baff. Man rechnet ja mit vielem in den Wochen vor Weihnachten, aber nicht mit einer Einladung zum ungenierten FKK. Ist das nicht ein bisserl kalt um die Jahreszeit?, fragten die verwirrten Wiener - und waren erleichtert, als sie erfuhren, dass es sich bloß um die schöne ländliche Tradition des "Fremde-Kekse-Kostens" handelte. In der Mostviertler Heimat der Gastgeberin ist der ganze Advent quasi ein einziger, kalorienreicher FKK-Bereich ganz ohne Nackerte.

Denn es ist doch so: Die eigenen Vanillekipferln und Kokosbusserln mögen zwar gut schmecken, aber halt, na ja, immer gleich. Aber wie die Tante Dings ihre Florentiner macht, eine Offenbarung! Und erst der Mandel-Marzipan-Mürbteig-Wahnsinn, den die Freundin unlängst fabriziert hat!

FKK mag Geschmackssache sein, bei der weihnachtlichen Variante gilt jedenfalls: je mehr, desto lustiger. Und wer sich geschickt anstellt, kommt so durch den ganzen Advent, ohne den eigenen Herd einzuschalten.

Kontra: Solidarisch backen

Von Wolfgang Weisgram

Na, so weit kommert's noch: backen lassen! Oder gar, wie offenbar im Mostviertel üblich, das Backwerk zusammenraffen auf vorweihnachtlichen Schnorrtouren, auf denen man sich von Tante zu Tante durchbettelt.

Dagegen wäre nichts zu sagen, ginge damit nicht ein Stück Kultur verloren. Üblich war und ist es, dass die unleugbare Fadheit von Geschmack und Tätigkeit elegant umschifft wird durch das solidarische In-die-Rean-Schieben. Weihnachtliche Kipferln und Schnitterln und Kekserln und Busserln gelingen am besten in entspannten, nachmittaglangen Runden. Man knetet und schlägt und rührt und schleckt und sticht aus und redet und redet und redet in einer Tour. Und wartet dann bei Prosecco und Eierlikör aufs Gelingen.

Glaub ich halt. Ich darf ja nicht dabei sein. Gender-Mainstream hin oder her: Die Männer werden ins Wirtshaus geschickt, wo sie traurig ihren Adventfantasien (Prosecco! Eierlikör!) nachhängen. Nur in Mattersburg nicht. Da denken sie an Fußball. Und ob's auch dafür ein Christkindl gibt. (Rondo, DER STANDARD, 30.11.2012)

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