Ex-UÇK-Führer Haradinaj freigesprochen

29. November 2012, 18:14
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Das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen hat den Ex-Kommandanten der UÇK und Ex-Premier des Kosovo, Ramush Haradinaj, für unschuldig befunden. In Prishtina rechnet man mit seiner Rückkehr in die Politik

Den Haag/Prishtina - Wegen des kalten Regens waren nur wenige zum Public Viewing ins Zentrum von Prishtina gekommen. Als die Richter des UN-Kriegsverbrechertribunals den ehemaligen Kommandanten der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK gestern in der Früh für unschuldig befanden, begannen sie zu tanzen und zu weinen. Doch Ramush Haradinajs Freispruch löste keine Euphorie aus - er war ja erwartet worden. Bereits 2008 hatten die Haager Richter für "nicht schuldig" plädiert.

Auch wenn der kosovarische Premier Hashim Thaçi den Freispruch nun als Beweis dafür, dass der Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit "gerecht und heilig" war, interpretierte, gilt er vor allem als Niederlage der Anklage. Für viele war das nicht überraschend. So hatten drei erfahrene Strafverfolger Ex-Chefanklägerin Carla del Ponte bereits vor der Anklage (2005) gewarnt, dass Haradinajs Schuld nicht bewiesen werden könne. Tatsächlich begleiteten dann Angst und eine Atmosphäre der Unsicherheit den Prozess, wie das Tribunal später feststellte. Die Zeugen waren eingeschüchtert worden.

Folter und Mord

Deshalb beschloss man 2010, das Verfahren in sechs von 37 Punkten wieder aufzunehmen. Haradinaj, Lahi Brahimaj und Idriz Balaj wurden Folterungen und Morde an acht Gefangenen - Serben und Albaner, die mit dem Belgrader Regime kollaborierten - in einem UÇK-Gefangenenlager im Sommer 1998 vorgeworfen. Sie sollen demnach als Teil einer "verbrecherischen Unternehmung" versucht haben, den Westen des Kosovo unter ihre Kontrolle zu bringen. Tatsächlich verfügt Haradinaj und seine Familie bis heute in der Region Dukagjin über bedeutenden wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Die Haager Richter fanden aber - wie bereits im Fall des kroatischen Ex-Generals Ante Gotovina - keinen Beweis für eine gemeinsame "verbrecherische Unternehmung". Unter Experten wird dieses juristische Konstrukt nun ohnehin stark hinterfragt.

Die Anklage hatte es jedenfalls schwer, Zeugen zum Reden zu bringen. Der Zeuge Kujtim Berisha wurde 2007 in Podgorica von einem Auto überfahren. Shefqet Kabashi wurde 2011 sogar verurteilt, weil er sich geweigert hatte auszusagen. Ein Journalist wurde belangt, weil er den Namen eines Zeugen publizierte. Serbische Medien berichteten gar von Morden an Zeugen, was das Tribunal aber als falsch zurückwies.

Haradinajs Verteidiger, Ben Emmerson, kündigte nun nicht nur Haradinajs Rückkehr nach Prishtina für Donnerstagabend, sondern auch seine Rückkehr in die Politik an, "als einer, der eine Regierung führt, die alle Bürger des Kosovo vertritt". Der langjährige Protegé der Internationals könnte tatsächlich mit seiner Allianz für die Zukunft des Kosovo (AAK) in die Regierung zurückkehren. Von Del Ponte forderte Emmerson eine Entschuldigung. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 30.11.2012)

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  • Im Kosovo gilt Ramush Haradinaj als Held des Befreiungskampfs gegen das damalige Regime von Slobodan Milosevic. Haradinajs Antlitz ist auf Feuerzeugen wie Wandtattoos zu finden.
    foto: epa

    Im Kosovo gilt Ramush Haradinaj als Held des Befreiungskampfs gegen das damalige Regime von Slobodan Milosevic. Haradinajs Antlitz ist auf Feuerzeugen wie Wandtattoos zu finden.

  • Haradinaj weiß hier noch nichts von seinem Freispruch.
    foto: reuters

    Haradinaj weiß hier noch nichts von seinem Freispruch.

  • Diese Leute hier in Pristina dann schon.
    foto: epa/xhemaj

    Diese Leute hier in Pristina dann schon.

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