Europa ist mehr als die Krise

Gastkommentar | Michael Zichy
17. Dezember 2012, 10:22

Ein Plädoyer wider die ökonomistische Reduktion

Europa und die Wirtschaftskrise, das sind mittlerweile Synonyme geworden. Wann immer man dieser Tage Politiker und sonstige Experten über Europa sprechen hört, geht es um die Wirtschaftskrise - nur um die Wirtschaftskrise. Als ob Europa nichts anderes wäre.

Das ist äußerst riskant. Denn Europa wird so - und dies setzt sich in den Köpfen nachhaltig fest - auf die Wirtschaft reduziert. Damit aber wird Europa zu einer Zweckgemeinschaft, die nur dann berechtigt ist, wenn der Einzelne mehr von ihr profitiert, als er investiert, und wenn die Wirtschaft sich insgesamt erholt und wächst. Tritt beides nicht ein, muss - so die zwingende Folgerung - das Projekt Europa scheitern.

Es fehlt die kulturelle Dimension

Was Europa daher heute mehr denn je fehlt, ist die kulturelle Dimension. "Wenn ich nochmals mit dem Aufbau Europas beginnen könnte, dann würde ich mit der Kultur anfangen", so die rückblickenden Worte, die Jean Monnet, einer der Gründerväter der Europäischen Union, gesagt haben soll.

Was fehlt, ist die große kulturelle Erzählung, die das Projekt Europa in unsere Herzen trägt. Dabei wäre es so einfach, liegt die Erzählung doch klar auf der Hand, ist sie doch so gut bekannt. Nur: Um lebendig zu sein, um wirken zu können, um den Weg in unsere Herzen zu finden, muss sie erzählt werden - von Leuten, die sie tatsächlich im Herzen tragen, von Leuten, die an sie glauben.

Europa erzählen

Die Erzählung, das wäre die eines Kontinents, dessen Nationen sich in zwei Weltkriegen mit abgrundtiefem Hass bekämpft und beinahe ausgelöscht haben. Und die sich trotzdem, trotz all des unermesslichen Leids, das sie sich zugefügt haben, die Hände gereicht, um Versöhnung gebeten und sich auf die Beine geholfen haben. Und die sich geschworen haben, in Zukunft zusammenzustehen. Europa, das ist die fast mythische Geschichte einer unglaublichen Versöhnungstat.

Wie schal, wie lächerlich, wie beschämend muss da der Umgang mit der Wirtschaftskrise wirken. Das dumme Aufrechnen von vergangenen Fehlern, das engstirnige Pochen auf Leistung und Gegenleistung, das kleinkarierte Abwägen von Nutzen und Schaden. Das Fehlen jeder Großzügigkeit, so unabdingbar für jede Partnerschaft. Und vor allem das Fehlen jeder Bereitschaft, für den anderen einmal richtig einzustehen - auch dann, wenn es weh tut. Kurz: das Fehlen jeder Leidenschaft.

Europa ist mehr

Zu hoffen bleibt, dass wir uns irgendwann wieder an die Geschichte von der Versöhnung Europas erinnern und uns von ihr berühren lassen. Dann wird uns aufgehen, dass es nicht Europa ist, das mit der Wirtschaftskrise nicht umgehen kann, sondern Politiker, die sich anmaßen, im Namen Europas zu sprechen. Europa ist mehr als nur Wirtschaft, Europa ist auch mehr als europäische Politik. Europa ist die Idee einer Gemeinschaft, die wir zu verwirklichen haben. Eine Heimat, die wir uns nicht kaputt machen lassen sollten. (Michael Zichy, derStandard.at, 17.12.2012)

Michael Zichy (Jg. 1975) lehrt Philosophie an der Universität Salzburg.

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Krise durch Zockerei mit Steuergeld

Aus der Bundesverfassung ergibt sich laut Verfassungsjuristen (z. B. Funk, Merli) aus dem Gebot einer sparsamen, wirtschaftlichen und zweckmäßigen Gebarung bereits ein Zockerverbot mit Steuergeld. Folgt man dieser Argumentation, dann sind z. B. auch die Hilfen an Griechenland, da es sich dabei eindeutig um Hochrisikospekulationen handelt, verfassungswidrig. Wird somit auf Bundesebene noch viel mehr gezockt als es die Länder tun?

http://www.wienerzeitung.at/meinungen... litik.html

Zunächst ist die Politik der EU noch von demokratischen Defizite bestimmt und insgesamt institutionell wegen mangelnder Integration zu undurchsichtig.

Sehe ein Problem auch darin, daß das Kultubewußtsein der Europäer nach wie vor zu sehr mit der nationaen Identität verknüpft ist. Wegen der kulturellen Vielfalt wird die Klammer nicht gesehen, die etwa im Vergleich den USA und China betrachtet, sofort auffällt.

Das zweite Problem ist, daß die Entwicklung des postmodernen Kapitalismus wie die philosophischen Folgen der Dominanz des naturwiswnschaftlichen in allen Bereichen des Denkens die große Erzählung ihrer Wirsamkeit beraubt hat (Loytard: Pluralismus als Polytheismus), was zwar die nationalen Erzählungen wünschenswerterweise abgeschwächt hat, aber eben auch das kulturelle Verständnis insgesamt geschwächt hat.

Schließlich gibt zwar mehr Ausbildung, aber weniger Bildung.

...

stimmt die koennen auch oesterreich verklagen, aber selbst das funktioniert nicht... ich will das aber, dass endlich klar wird was sich die verwaltung und justiz routinemaessig leistet! dass solche korruptionsmaerchenstunden und missbracuhsveraeppelungen der opfer und das mobben von antragstellern nicht nur migrantischen so streng bestraft wird wie das die menschenrechte vorsehen.

Ein sehr euphemistischer Aufruf nach flächendeckender Propaganda...Ich habe es schon immer gesagt: Ein Massenkollektiv wie Europa kann nur durch eine "große Idee",

...ergo durch künstlichen EU-Nationalismus und eine Leitidee zusammengehalten werden. Massenkollektive brauchen immer irgendeine Lüge an die sie glauben können und die ihnen Idenität verschafft. Es war der große Fehler der Europäischen Union, dass sie dachte, sie könnte einen Superstaat nur durch mehr oder weniger rationale Argumente begründen. So funktioniert das nicht. In einem anonymen Massenkollektiv gibt es keinen natürlichen Zusammenhalt - erst das Propagieren einer künstlichen Idee (perfekt wäre ein Wischi-Waschi aus "abendländischen" Werten und gesundgedeuteter europäischer Vergangenheit...ähnlicher Blödsinn wie das Germanentum bei den N*zis) und ein äußerer Feind für den inneren Zusammenhalt, kann Stabilität bringen.

Wozu finanzieren wir solchen Output?

wäre europa ein rechner

hätte man den schon lange neu aufgesetzt

alles voller bugs, trojaner, systemfehler, bewußt eingebauter fehlfunktionen die sich selbst schützen, usw.

es gibt einen zeitpunkt da ist man schneller wenn man neu aufsetzt - anstatt ewig am system herumzudoktern

da hilft auch keine gemeinschaftsphilosophie wenn systematisch dagegen gearbeitet wird

Europa ohne EU brächte Aufschwung

Mit EU steht der EURO-Zerfall bevor.
Erst danach kann es wieder bergauf gehen.

Europa = Krise

Wir befinden uns in einer Wirtschaftskrise, einer Rechtskrise (Rechtsnormen werden permanent gebogen). einer Politikkrise (die Machthaber haben vergessen die Bevölkerung ins Boot zu holen), einer Vertrauenskrise (die Märkte und die Bevölkerungen haben das Vertrauen in die Lösungskompetenz der der Verantwortlichen verloren). Die Machthaber haben Europa an den Rand des Abgrundes gesteuert, weil die politischen Entscheidungsträger keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhänge haben und die beigezogenen Berater Eigeninteressen verfolgen

http://www.wienerzeitung.at/meinungen... litik.html

das projekt europa ist ein schauspiel sondergleichen und voller trug und lug vor dem volke:

BRD: auszug aus dem bundesgesetzblatt 2006 Teil II nr. 7, artikel 1a: "die GRUNDRECHTE auf leben und der körperlichen unversehrtheit..., der freiheit der person.., der freiheit der versammlung.., des brief, post und fernmeldegeheimnisses und der UNVERLÄTZLICHKEIT der wohnung werden nach massgabe dieses gesetzes EINGESCHRÄNKT"

gez. Köhler/Merkel/Schäuble und konsorten

ihr deutschen werdet ein weiteres mal zu spät kommen, und das leben wird euch erneut bestrafen! ähnl. Gorbatschow

Und? Die Einschränkung von Grundfreiheiten passiert dauernd.

Wenn die Polizei einen Amokläufer erschießen darf, ist das eine Einschränkung des Rechts auf Leben.
Wenn die Polizei bei KHG eine Hausdurchsuchung machen darf, ist das eine Einschränkung der Unverletzlichkeit der Wohnung.
Wenn KHG sogar irgendwann ins Gefängnis muss, ist das eine Einschränkung des Rechts auf Freiheit der Person.

Wenn Sie ein Problem mit dem

Gesetz zu dem Vertrag vom 2. März 2005 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich der Niederlande über die grenzüberschreitende polizeiliche Zusammenarbeit und die Zusammenarbeit in strafrechtlichen Angelegenheiten

haben, müssten Sie schon genauer sagen, inwiefern die Einschränkung der Grundfreiheiten hier unverhältnismäßig ist.

was sollen sich die europäer erzählen?

das sie sich seit Jahrtausenden bekriegen, frieden schliesse, bekriegen, frieden schliessen, ....

immer wieder mit der versicherung "nie wieder"

habe ich seit dem betritt ein anderes verhältnis zu den anderen Mitgliedsstaaten? nein

habe ich zu den mitgliedsstaaten ein anderes verhältnis als zu Nichtmitgliedern? nein

wer menschen nach Nationalitäten und mitgliedschaften definiert, hat ein gestörtes Verhältnis zu seinen Mitmenschen.

wer meint, unterschiedliche nationen durch eine gemeinsame Politik zu gemeinsamkeiten zwingen zu können, wird enttäuscht werden.

je mehr "zwang" die EU ausüben will (oder sollte, nach ansicht einiger), umso stärker wird meine Ablehnung gegenüber der EU.

ich mag manche menschen und manche nicht; mit/ohne EU

Wieder so ein Kischkommentar

der alles in rosaroten Farben malt. Der viel beschworene Frieden war eigentlich ein Tanz auf dem Vulkan der atomaren Vernichtung. Es hat nicht viel gefehlt und Europa wäre unbewohnbar gewesen. Nur durch Glück ist es nicht dazu gekommen.

Ich bin für ein europäisches Europa

wo alle zufrieden und glücklich leben.

Lasst uns alle an den Händen fassen und singen für den Weltfrieden.

Wenn es geht laut und falsch singen, bitte.

"Europa ist die Idee einer Gemeinschaft, die wir zu verwirklichen haben. " Zitat

Nettes Furchengänger - Mantra.

was für eine wirtschaftskrise?

für mich ist das immer schon eine systemkrise.

Jo, wie?

Sollen wir jetzt wirklich an die URSACHEN gehen? ;)

irgendwie witzig: Durch die redaktionelle Auswahl der Kommentatoren könnte man glauben, EU-kritische Meinungen kommen ausschließlich aus dem Eck der Philosophen, Esoteriker, Lebenskünstler, Astrologen, etc.

Alle ernstzunehmenden Stimmen sind natürlich 100% für die alternativlose EU!

Zuviel Pathos für meinen Geschmack.

Außerdem waren nicht die Nationen verfeindet sondern die Führungseliten, die ihre Untertanen zur Schlachtbank geschickt haben.

Und deren Nachkommen sind immer noch am Ruder.

kleinbürgerliche Illusionen helfen da nicht viel

die geschichte vom friedensprojekt europa bekommen wir doch ständig aufgetischt, gerade erst besonders laut mit dem nobelpreis. aber die erzählung ist halt unglaubwürdig, wenn es sich mehr um eine union der befriedung als des friedens handelt. die nach innen, in südeuropa die auftsändige bevölkerung befriedet, die demokratie aushöhlt, deren militärs sich überall auf der welt "engagieren" und an deren grenzen jedes jahr tausende migrant_innen den tod finden.

das staatsprojekt europa ist ein projekt des Kapitals: http://corporateeurope.org/blog/hand... tary-union

Hat nichts mit Europa jetzt ansich zu tun,

es ist und bleibt die Finanzkapitalismuskrise, egal ob Parteibonzen, neoliberale Zockerbanken oder Oligarchen zusammen mit den größten Banken, das Finanzkapital ins unendliche vermehrten, sodass es unendlichen Druck auf nicht globalisierte Selbstständige Unternehmer ausübte und die diesen Druck ihren Arbeitern weitergaben und die Politik ratlos war und zusah.

Lange Zeit dachte ich, dass China oder Asien dahintersteckt, weil die alle Schulden der Amerikaner und Europäer so schön brav bedienen und dauernd ihre eigene Bevölkerung enteignen und die Währung künstlich niedrig halten,

aber ich glaube, dass ist ein rein Systemischer Effekt mit der Normalwertverteilten Anzahl an Arschl...ern, die die Menschheit statistisch herausbringt, obwohl es oft dieselbigen gar nicht so wissen, dass sie es sind!

it's capitalism and class war stupid!

Teilweise Richtig

angenommen ein Unternehmen sagt es ist fair und transparent und zahlt den Oberen das 1,5 fache und dem Chef das doppelte wie den Arbeiter, wie Staudinger.
Jetzt kommt ein Konzern und sagt den Oberen:
"Ich zahle euch das 10-fache!"
Wie verhalten sich die Oberen in einer Kapitalismus Umgebung?

und das machen nicht nur Konzerne,

das machen die GÖDler mit ihren Pensionen,
die Politiker mit ihren Gehältern,
die Bankmanager, nachdem sie Kapital versetzt haben.

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