Der Frank als Wille zur Vorstellung

Kolumne |

Stronachs Problemlösungsstrategie kennen Asterix-Leser von Häuptling Majestix: "Alesia? Ich kenne kein Alesia!"

Die Möglichkeit zur Flucht aus der Realität des grauen Alltags in bizarre Fantasiewelten ist in unseren Tagen zu einem menschlichen Grundbedürfnis geworden, von dem Computerspieleentwickler, Experten für europäische Adelshäuser und Pornofilmer gleichermaßen profitieren. Nun hat dieser Trend auch die österreichische Innenpolitik erreicht und manifestiert sich in beständig guten Umfragewerten für Frank Stronach.

Hat man diese Zahlen anfangs ausnahmslos als unübertreffbare, das etablierte heimische Politik-Personal in den Dreck ziehende Demütigung bewertet, die selbst vom hämischsten Kritiker als überzogen empfunden wurde, so bietet sich nun parallel dazu ein zweites Erklärungsmodell an, dessen Grundlagen wir ein paar heißen Spuren verdanken, die der Selfmade- Milliardär selbst gelegt hat.

Zum einen mit seinem "Presseformular", auf dem sich Journalisten dazu verpflichten müssen, dass sie im Falle einer Nicht-Autorisierung ihres Interviews nicht einmal die bloße Tatsache des stattgefundenen Gesprächs mit Stronach erwähnen dürfen. Ein fast schon rührendes Ansinnen, aus dem die Wunschvorstellung, Geschehenes wieder ungeschehen zu machen, in kindlicher Unschuld hervorstrahlt. Wenn etwas passiert ist, dessen Ergebnis dem Frank nicht gefällt, dann beschließen wir einfach, dass es nie passiert ist.

Diese unter Erwachsenen eher selten gewählte Problemlösungsstrategie kennen Asterix-Leser von Häuptling Majestix, der mit den legendären Worten "Alesia? Ich kenne kein Alesia!" die Tatsache der gallischen Niederlage gegen die Römer konsequent ignoriert. Wenngleich Stronach nicht nur aufgrund seiner Vorliebe für attraktive Blondinen eher an den streitsüchtigen Aktiv-Greis Methusalix erinnert, so scheint ihn doch die Realitätsverweigerung à la Majestix mehr beeindruckt zu haben. Offensichtlich hat sie sogar seinen Ehrgeiz geweckt, den Dorf-Chef der tapferen Gallier darin noch zu übertreffen.

Mit Erfolg, wie wir aus den nun vorliegenden Vernehmungsprotokollen des parlamentarischen Eurofighter-Untersuchungsausschusses schließen dürfen. Dort leugnet der ehemalige Magna-Boss mit faszinierender Hartnäckigkeit das längst erwiesene Profitieren seines Konzerns von den äußerst dubiosen "Eurofighter-Gegengeschäften" und vertritt dabei die für einen überzeugten Marktliberalen erstaunliche Ansicht, dass "Profiteur" ein " abscheuliches Wort" sei.

Doch damit nicht genug: Im Weiteren stellt er auch völlig neuartige erkenntnistheoretische Thesen auf, die das allgemein akzeptierte Wahrnehmungsmodell "Realität" in seinen Grundfesten erschüttern. Mit seinen Ausführungen diametral widersprechenden Zeugenaussagen konfrontiert, erklärt Stronach: "Die Aussagen können richtig sein, aber in der Realität ist es anders. Aber sollte es so sein, dass diese Aussagen stimmen, hat es in der Realität gar nichts zu sagen."

Auf diese Art kann man als Politiker kandidieren und dabei behaupten, man sei kein Politiker. Potenziellen Stronach-Wählern geht es also nicht nur um einen verzweifelten Protest gegen die Realität der heimischen Politik, sie halten es auch für möglich, diese Wirklichkeit gleich ganz abzuschaffen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 29.11.2012)

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