Wie "Waren aller Art" auf dem Naschmarkt einziehen

29. November 2012, 05:30
352 Postings

Eine Facebook-Gruppe will mehr Auswahl, das Marktamt nicht

Wien - Das Übel, wenn man so will, hat seinen Ursprung in einer Änderung der Marktordnung im Jahr 2006: Damals wurde die Kategorie "Waren aller Art", in die Marktordnung aufgenommen - sozusagen das Sesam-öffne-dich für alles Verkäufliche, was nicht unbedingt auf einem Markt erwartet wird: Schneekugeln, Postkarten und Fan-Artikel mit dem Aufdruck "I love Naschmarkt".

Doch nicht nur das außergewöhnliche Sortiment der Souvenirgeschäfte ist Peter Jaschke, Gründer der Facebook-Gruppe "Rettet den Naschmarkt", ein Dorn im Auge: "An fast allen Ständen gibt es die identischen Oliven mit Schafkäse und Wasabinüsse," ärgert er sich. Einmal wollte er schwarze Nüsse kaufen, der Standler schickte ihn zum Merkur. "Das ist doch eine klare Fehlentwicklung und zielt nur noch auf Touristen ab." Der Test: Für ein Sackerl gefüllte Weinblätter, einige eingelegte Kürbisse, Humus und Fladenbrote will ein Verkäufer rund 32 Euro. Nach kurzer Verhandlung und einem Outing als Naschmarkt-Kenner ist er bereit, auf 20 Euro runterzugehen.

Der Salat mit den Oliven

Etwas über 200 Mitglieder hat die Gruppe mittlerweile. Neben Susanne Jerusalem (Grüne), Vizebezirksvorsteherin im sechsten Bezirk, hat sich auch die Standlerin Regina Vujadinovic der Initiative angeschlossen: "Was ich hier lese, höre ich jeden Tag von meinen Kunden. Ich kann nur sagen - es stimmt!" Ihre Familie verkaufe schon seit Jahrzehnten Oliven, mit der Zeit hätten das alle umliegenden Händler ideenlos nachgemacht, "jetzt haben wir den Salat", schreibt sie auf der Seite.

Jaschke wandte sich deshalb an die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger (SP); auch mit der Frage, warum sich die Gastro meile mehr und mehr auszubreiten scheint. Die Referentin rechnet ihm in ihrem Antwortbrief vor, dass von 123 Marktständen nur drei Souvenirs anböten, der Fokus jedoch weiterhin auf dem Handel mit Lebensmittel beruhen würde. Deswegen werde auch dem Wunsch nach Gastrovergrößerung nicht in dem Ausmaß stattgegeben, wie es von den Händlern an das Marktamt herangetragen werde.

123 Stände

Es gibt einen klaren Schlüssel für die Verteilung: Von den 123 Ständen sind 40 dem Gastrobereich zugeordnet, sechs Waren aller Art und 77 dem Handel mit Lebensmittel. Daran soll sich nicht viel ändern, "eine Fressmeile wollen wir nicht", sagt der Sprecher des Marktamts, Alexander Hengl. Eine Hintertür gibt es dennoch: Jeder Stand hat - ungeachtet seiner Größe - die Möglichkeit, Speisen auf acht Sitzplätzen anzubieten.

Das hartnäckige Gerücht, der Großteil der Stände gehöre einer Handvoll Familien, weiß Hengl zu entkräften: "Am Naschmarkt sind 70 Unternehmer vertreten." Verwandtschaftsverhältnisse könnten dennoch vorkommen, weil es ein Vorrecht auf die Pachtweitergabe innerhalb der Familien gibt.

Keine Quittung für Gebühr

Ein Lokalbetreiber erzählt, er müsse nach 18 Uhr, wenn er Tische und Sessel vor sein Geschäft stellt, einem Mitarbeiter des Marktamtes eine Gebühr in Bar entrichten, bekomme er aber keine Quittung. So gehe es auch den anderen Pächtern. Darauf angesprochen argumentiert Hengl, es sei praktikabler, wenn die Marktaufsicht täglich Gebühren sammelt. "Wer eine Quittung haben will, kann sie gerne bekommen."

Für die Stadt, der rund zwei Drittel der Stände gehören, sei der Markt ein Nullsummenspiel. Die Marktgebühr von 1,30 Euro pro m² am Tag sei so niedrig, dass die Reinigung die Einnahmen auffresse, sagt Hengl. Dass hauptsächlich Touristen durchschlendern würden, glaube er nicht: "Entweder man liebt den Naschmarkt, oder man hasst ihn. Aber wer ihn liebt, geht sowieso hin." (Julia Herrnböck/DER STANDARD, 29.11.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Von den 123 Ständen sind 40 dem Gastrobereich zugeordnet, sechs Waren aller Art und 77 dem Handel mit Lebensmittel.

Share if you care.