Kochshow mit Essen aus der Mülltonne

  • Ein "Dive" in Salzburg, bei dem etwa 40 Personen "mittauchten" und rund 
70 Kilo tipptoppe Lebensmittel aus dem Mist holten.
    foto: daniel samer

    Ein "Dive" in Salzburg, bei dem etwa 40 Personen "mittauchten" und rund 70 Kilo tipptoppe Lebensmittel aus dem Mist holten.

  • Showmaster David Gross und Koch Tobias Judmaier.
    foto: daniel samer

    Showmaster David Gross und Koch Tobias Judmaier.

Die "Wastediver" holen kiloweise einwandfreie Lebensmittel aus Mülltonnen - Eine Internet-Kochshow dokumentiert, wie daraus Essen wird

Wien - "Der springende Punkt war die eigene Erfahrung", erinnert sich David Gross im STANDARD-Gespräch. "Wenn man einmal erlebt, welche gewaltigen Mengen in den Mülltonnen gefunden werden, dann macht das etwas mit einem."

David Gross ist gelernter Koch, Journalist und Dokumentarfilmer - und vor rund einem Jahr machte er in Salzburg seinen ersten "Dive", der alles veränderte. Der erste nächtliche Ausflug zu den Mülltonnen bei den Supermärkten, in die tipptoppe Lebensmittel - mehr als die Hälfte sogar noch originalverpackt - weggeschmissen wurden. Und dann hat sich Gross auch noch ordentlich geärgert - "über all diese flachen TV-Shows, in denen doch nichts zählt außer dem Promi-Faktor".

Also hat der Salzburger all das einfach kombiniert: Das, was er tut - das Müllfischen - und das, was er gelernt hat - das Recherchieren und Filmen. Und daraus wurde die konsumkritische Kochshow wastecooking.com, die im Mai dieses Jahres erstmals präsentiert wurde. In den Episoden wird dokumentiert, welche Unmengen frischer Lebensmittel bei den nächtlichen Streifzügen gefunden werden und wie die vom "Showkoch" Tobias Judmaier ganz lecker verkocht werden.

Und so ganz nebenbei werden bei diesen Video-Shows dann auch noch teils verblüffende Details zum Thema mittransportiert. Dass beispielsweise je nach Quelle ein Drittel bis sogar die Hälfte aller weltweit produzierten Lebensmittel im Mistkübel landet - das wären bis zu rund 1,3 Milliarden Tonnen im Jahr. Und dass durch diese weggeworfenen Lebensmittel mehr CO2 ausgestoßen wird, als bei den Lebensmittel-Transporten mit Lkw.

EU-Normen: Gutes Gemüse bleibt am Feld

Und ein Gutteil der Lebensmittel bleibt überhaupt gleich auf dem Feld, weil beispielsweise das Gemüse nicht zu 100 Prozent den EU-Normen oder den Anforderungen des Handels entspricht. "Das ist vollkommen absurd", ärgert sich Gross - weil "eine Verformung oder Verfärbung die Qualität null beeinträchtigt".

Das sei auch "das eigentlich Ekelhafte: "Nicht dass das Essen aus dem Müll kommt - ekelig ist, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden." Denn bei den Dives und den Kochshows "legen wir den höchsten Wert darauf, dass die Qualität einwandfrei ist. Das ist sehr wichtig, dass man da sehr gewissenhaft vorgeht."

Gelegentlich tritt die Gruppe rund um Gross und Judmaier auch öffentlich auf - etwa beim jüngsten Frequency-Festival, wo auf der Bühne während des Auftritts der Band "Restmüll" vor Ort gefundene Restln verkocht wurden.

Diese Woche vernetzt sich die wastecooking-Crew mit der Wiener Szene. Erst wurde im Müll gefischt - und mit diesen Lebensmitteln wird heute, Donnerstagabend, das Catering bei der Eröffnung des Internationalen Filmfestivals der Menschenrechte this human world im Gartenbaukino bestritten. Die Lebensmittel aus der Tonne werden verkocht - und den geladenen Festgästen angeboten.

Kochen auf Müllwägen

Eine zweite Session folgt dann am Wochenende: Erst wieder ein nächtlicher Streifzug mit der Wiener Wastedivern - dann ein Auftritt am Samstag, 1. Dezember, ab 22 Uhr im Top-Kino: In der Topkino-Bar wird das "Ertauchte" live gekocht - auf Müllwägen, die der Künstler Andreas Strauss zu Kochnischen umfunktionierte. Um 23 Uhr wird drinnen im Kinosaal erstmals die wastecooking-Serie auf Leinwand zu sehen sein. Der Eintritt ist frei.

"Wir wollen mit diesen Aktionen dieses Thema einfach erlebbar machen", betont Gross. "Ziel ist es nicht, dass ganz Österreich Mülltauchen geht. Das ist nicht die Lösung. Ziel ist es, dass sich endlich etwas auf politischer und gesetzlicher Ebene tut - sei es bei Lebensmittelnormen oder im Kampf gegen die Spekulation mit Lebensmitteln." (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, 29.11.2012)

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