Albanien blickt zum Jubiläum nach außen

28. November 2012, 18:00
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Spindelegger in Tirana - Unternehmer beklagen "unberechenbares" Steuersystem

Überall Flaggen mit dem schwarzen Adler auf rotem Grund - kaum eine Plakatwand, eine Auto-Heckscheibe oder ein Shoppingcenter war Mittwoch in Tirana nicht in die Landesflagge gehüllt. Auch viele der Bürger auf den Straßen der albanischen Hauptstadt trugen zum Anlass der Hundertjahrfeiern von Albaniens Unabhängigkeit die Nationalfarben. Unter den zahlreichen Gästen, die zu den Festivitäten anreisten, war auch Österreichs Außenminister Michael Spindelegger.

Dieser betonte in einem Interview im albanischen Fernsehen die enge historische Verbundenheit beider Länder - als der erste Regierungschef Ismail Qemali 1912 den unabhängigen Staat Albanien ausrief, habe er dies mit Unterstützung Österreich-Ungarns getan, das in der Region ein Gegengewicht zum von Russland unterstützen Serbien sowie möglichen italienischen Gebietsansprüchen bilden wollte. Heute sind etwa 50 österreichische Unternehmen im Land präsent.

Weiterer Berührungspunkt sind ein Schwert und ein Helm, die normalerweise im Kunsthistorischen Museum in Wien zu besichtigen sind. Sie sollen Albaniens Nationalhelden Skanderbeg gehört haben, der im 15. Jahrhundert gegen die Osmanen kämpfte. Für eine Ausstellung zum Jubiläum wurden sie an das albanische Nationalmuseum verliehen und befinden sich damit erstmals seit 400 Jahren im Ausland.

Gesamtalbanische EU

Die Feiern sind auch auf die albanische Diaspora ausgerichtet - etwa die Hälfte der Albaner lebt außerhalb der Landesgrenzen. In Tirana zeugen Graffiti und Flaggen mit den Namen der von Albanern bewohnten Gebiete in anderen Ländern von diesem Fokus. Premier Sali Berisha betonte jüngst im mazedonischen Skopje, in der EU sei das Projekt der nationalen Einheit aller Albaner in verschiedenen Staaten, etwa im Kosovo, in Mazedonien, Griechenland und Serbien, möglich.

Auch gute 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur ist das Land noch deutlich von einem Beitritt zur EU entfernt. Gespräche über einen Kandidatenstatus laufen - die Europäische Kommission empfahl in einem Bericht Mitte Oktober den baldigen Beginn von Verhandlungen, mahnte aber auch weitere Reformen bei Justiz, öffentlicher Verwaltung und demokratischen Verfahren ein. Wirtschaftlich gehört das Land immer noch zu einem der ärmsten Europas, das BIP pro Kopf lag laut Weltbank 2011 bei etwa 3000 Euro.

Zuletzt blockierte zudem ein Streit zwischen Berishas Regierung und sozialistischer Opposition den Beschluss der Reformgesetze, von denen die EU aber einen baldigen Verhandlungsstart abhängig macht. Vertreter österreichischer Firmen beklagten bei einem Treffen mit Spindelegger vor allem Mängel im "unberechenbaren" Steuersystem und bei der Unabhängigkeit der Justiz. (Manuel Escher, DER STANDARD, 29.11.2012)

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