"Weiß gar nicht, was ethisch bedeutet"

28. November 2012, 17:31
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Eine neue Presse-Aufsicht kündigt der britische Premier David Cameron an - Donnerstag kommt der Untersuchungsbericht über Rupert Murdochs Medienskandale um abgehörte Telefone und bestochene Beamte

"Der Status quo ist nicht haltbar", sagte der konservative Regierungschef im Unterhaus. David Cameron wünscht sich einen von der Branche unabhängigen Presserat. Durch die konservativ-liberale Regierung und quer durch alle Parteien zieht sich der Streit über die Konsequenzen der Skandale.

Bisher unterliegen die Blätter der Kontrolle eines (wie in Österreich) von der Branche organisierten Kontrollorgans. Dieser Press Complaints Commission wird Versagen vorgeworfen: Seit 2006 wurden Vorwürfe illegalen Abhörens laut. Der Skandal eskalierte 2011: News of the World, ein inzwischen eingestelltes Blatt von Medienmulti Rupert Murdoch, hatte nicht nur Promis, sondern auch Verbrechensopfer abgehört und Nachrichten gelöscht.

Premier Cameron, selbst eng mit damals hohen Murdoch-Managern wie Rebekah Brooks befreundet, musste die unabhängige Medienkommission unter Lordrichter Brian Leveson einrichten, "Geschäftskultur, Praktiken und Ethik der Presse" zu untersuchen. In London wird erwartet, dass der Lordrichter Donnerstag eine gesetzliche Regelung empfiehlt.

Wider Zensur

Schon zuvor protestierten Medienkonzerne, allen voran Murdochs News Corp. wider Zensur und Eingriff in "300 Jahre alte Rechte" freier Presse. 86 Abgeordnete, darunter frühere Minister, warnen vor einem falschen Signal an junge Demokratien weltweit. Sie fordern eine neue Selbstregulierung der Presse, nun erzwungen durch zivilrechtliche Verträge. Guardian und Murdochs Times unterstützen die Initiative.

Die Opfer der Boulevardpraktiken und 79 Prozent der Bevölkerung befürworten einen von der Regierung unabhängigen Aufseher, wie es ihn für TV-Sender gibt. "Der Gesetzgeber muss nur erzwingen, dass alle Zeitungen teilnehmen", sagt der selbst abgehörte Schauspieler Hugh Grant. "Sonst korrigieren die Verleger auch zukünftig ihre Hausaufgaben selbst" - oder nehmen gar nicht erst teil an der freiwilligen Selbstkontrolle wie Richard Desmond (Daily Express, Channel Five). Dessen Konzern hat viel Geld mit Pornografie erwirtschaftet, kam mit seriösem Journalismus hingegen bisher selten in Berührung. "Ich weiß gar nicht, was ethisch bedeutet", sagte Desmond dem Leveson-Ausschuss. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 29.11.2012)

Zum Thema
guardian.co.uk: Live-Bericht zu Leveson-Ausschuss

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    Murdochs frühere Zeitungschefin Rebekah Brooks auf dem Weg zum Untersuchungsausschuss.

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