Vorwärts in Brasiliens Vergangenheit

28. November 2012, 16:19
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Trainerroutinier Scolari, der als Einspringer schon 2002 mit der Selecao triumphierte, soll Brasilien bei der Heim-WM zum Erfolg führen

Rio de Janeiro - Die größten Vorschusslorbeeren kamen von unerwarteter Seite. "Gott sei Dank lagen die Inkompetenten einmal richtig", jubelte Romario nach der Bestellung Scolaris zum Coach der Nationalmannschaft. Ausgerechnet der ehemalige Teamstürmer Romario (46), den Scolari, damals Nachfolger des glücklosen Leao, 2002 nicht zur WM nach Japan und Südkorea mitgenommen hatte, mit der Begründung, dass man bei einem Wettbewerb wie einer Weltmeisterschaft oftmals eher eine Mannschaft als einen einzelnen Star brauche.

Romario verpasste so seinen zweiten Titel nach 1994, ist aber heute guten Mutes, dass Brasilien im Sommer 2014 als Gastgeber zum insgesamt sechsten Mal triumphieren kann. Er zählte zu den härtesten Kritikern des gefeuerten Mano Menezes und des 80-jährigen Verbandspräsidenten Jose Maria Marin. Der bestellte neben Scolari in Carlos Albert Parreira einen weiteren Weltmeistertrainer, jenen Romarios von 1994, zum technischen Direktor.

Offiziell wollte sich Marin für die Neuordnung des Hauses Zeit nehmen, allerdings duldete die Beantwortung der wichtigsten nationalen Frage, nämlich wer die schwächelnde Selecao titelreif machen könnte, keine Verzögerung. Am Krankenbett seiner 89-jährigen Mutter ereilte Scolari der Ruf des Präsidenten.

Er hat nicht lange gezögert und dankte "1001 Mal für diese Entscheidung" , wäre doch ein weitere WM-Titel die Krönung einer Karriere, die glanzlos zu enden drohte. Im September war Scolari durch seinen Rücktritt einer Entlassung bei Palmeiras zuvorgekommen, nachdem er den Klub aus Sao Paulo zwar zur Copa do Brasil, aber nicht aus der Abstiegszone führen konnte. Davor hatte er in einem obskuren Engagement beim usbekischen Klub Bunyodkor Taschkent für sein grandioses Scheitern bei Chelsea Vergessen gesucht. Die Londoner hatten ihn wiederum engagiert, nachdem Scolari Portugal ins Finale der Heim-EM 2004 geführt hatte. Das 0:1 gegen Griechenland war eine der schlimmsten Niederlage für den Mann aus Passo Fundo im Süden Brasiliens.

Scolaris Risiko, mit der Selecao zu scheitern, ist nach Ansicht von Zico, einem ihrer ehemaligen Kapitäne, überschaubar. "Er wird nicht bei Null anfangen. Es gibt schon eine Gruppe, die sich herausgebildet und Qualität gezeigt hat." Immerhin gewann Vorgänger Menezes von 40 Spielen 27 und verlor nur sieben. Nun besteht die Hoffnung, dass Scolari wieder eine familiäre Atmosphäre schaffen kann wie 2002, als er Stars wie Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo nicht nur unter einen Hut brachte, sondern auch durch seine Persönlichkeit nach außen hin abschirmte. Schließlich wird die Hysterie, je näher die WM rückt, immer größer werden.

Fünf Partien, beginnend mit dem Test am 6. Februar im Londoner Wembleystadion gegen England, hat er vor der Generalprobe, dem Confed-Cup 2013. Die Sehnsucht der Fans nach dem schönen Spiel, nach dem Jogo bonito, wird Scolari eher nicht stillen. "Wenn der Ball zu ihm kommt, lacht er. Wenn der Ball zu mir kommt, dann weint er", sagte der gelernte Verteidiger einst über sich und den großartigen Franzosen Zinedine Zidane. (sid, lü, DER STANDARD, 29.11.2012)

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    Luiz Felipe Scolari und Carlos Alberto Parreira haben ein Ziel vor Augen: den WM-Titel für Brasilien in Brasilien.

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