Haftbedingungen: Nachts keine Unterwäsche für Bradley Manning

29. November 2012, 10:18
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Erste Details über Untersuchungshaft des mutmaßlichen Wikileaks-Informanten: Soldat wegen Selbstmordgefahr unter Dauerbeobachtung

Im Rahmen einer ersten Vorverhandlung zum Prozess gegen den US-Gefreiten Bradley Manning wurde am Dienstag der pensionierte Oberst Daniel Choike, der ehemalige Kommandant der US-Marinebasis Quantico, einvernommen. Manning wurde von Juli 2010 bis April 2011 auf dem Stützpunkt festgehalten, er stand dort wegen angeblicher Selbstmordgefahr unter Dauerbeobachtung.

Der 25-Jährige soll zahlreiche Dokumente aus dem Secret Internet Protocol Router Network (SIPRNet) der US-Außen- und Verteidigungsministerien an die Aufdeckerplattform Wikileaks weitergegeben haben. Die Armee wirft Manning Verbrechen in 22 Punkten vor, darunter die unrechtmäßige Verbreitung von Geheimdokumenten über das Internet und die Unterstützung des Feindes.

23 Stunden Einzelhaft

In Quantico fiel Mannings Verhalten dem Wachpersonal auf: laut Choike soll er in seiner Zelle wirre Tänze vollführt und mit sich selber Verstecken gespielt haben ("peek-a-boo"), nächtens habe er oft an den Gitterstäben seiner Zelle geleckt. Wegen dieses auffälligen Verhaltens sei es erforderlich gewesen, ihn 23 Stunden am Tag in Einzelhaft zu halten. Außerdem wurden ihm alle persönlichen Gegenstände außer seiner Brille abgenommen, die Zelle wurde alle fünf Minuten überprüft, und das Licht musste auch in der Nacht eingeschaltet bleiben.

Psychiater sieht keine Selbstmordgefahr

In der Voranhörung zum Prozess ging ist es am Mittwoch um die Haftbedingungen des ehemaligen Soldaten.  Marineoffizier Robert Oltman, der zu Anfang mitverantwortlich für die Überwachung der Untersuchungshaft Mannings war, folgte nach eigenen Angaben nicht der Empfehlung eines Militärpsychiaters, die Haftbedingungen zu lockern.

Der Psychiater William Hoctor hatte den Verantwortlichen im Militärgefängnis Quantico bei Washington gesagt, Manning sei nicht selbstmordgefährdet und solle deshalb nicht mehr unter den höchsten Sicherheitsvorkehrungen festgehalten werden.

Selbstmordgefahr

Oberst Choike zufolge war es wegen akuter Selbstmordgefahr auch nicht möglich, Manning nachts Unterwäsche tragen zu lassen: der Verdächtige musste unbekleidet schlafen, statt normaler Bettwäsche erhielt er nur eine spezielle reißfeste Decke. Am Morgen musste er nackt vor seiner Zelle antreten.

Es wird erwartet, dass Mannings Verteidigung versuchen wird, unter Verweis auf die unmenschlichen Untersuchungshaftbedingungen, die bereits einer Bestrafung gleichkämen, eine Einigung mit den Anklägern zu erreichen. So könnten einige Anklagepunkte fallen gelassen werden, um genauere Nachforschungen über Mannings Untersuchungshaft zu vermeiden. Eine Anhörung des Angeklagten selbst ist für Mittwoch oder Donnerstag geplant. (red, derStandard.at, 28.11.2012)

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    Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft der US-Regierung "unmenschliche Behandlung" Bradley Mannings (hier am Dienstag auf dem Weg zum Gerichtssaal) vor.

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