Eason Jordans digitaler Angriff auf Kabelsender

Porträt17. Jänner 2013, 05:30
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Der ehemalige CNN-Vorsitzende Eason Jordan setzt beim Videonachrichten-Netzwerk NowThisNews auf MTV-Ästhetik und politisch unkorrekte Moderationen - Gesendet wird via Social Media und Mobile

New York - Eason Jordan sitzt lässig in dem kleinen Hinterzimmer des wenige Wochen alten Start-up NowThisNews. Der von Glühbirnen umrandete Schminkspiegel im Rücken lässt sein graumeliertes Haar glänzen, während er über sein Publikum spricht: "Unsere Zielgruppe schaut nicht den ganzen Tag Kabel-TV. Mit Sicherheit werden diese Leute in zehn Jahren tot sein und der Rest wird Nachrichten mobil und über Soziale Netzwerke konsumieren."

Starke Töne vom ehemaligen CNN-Vorsitzenden, der selbst schon die Fünfzig überschritten hat. "Eigentlich habe ich nach meinem Ausstieg bei CNN gedacht, ich will nie wieder mit Medien arbeiten. Aber ich liebe, was ich hier tue. Ich habe noch nirgends gearbeitet, wo so viel Enthusiasmus und Energie vorherrscht", schwärmt Jordan über den Neubeginn und sieht im Altersunterschied zwischen ihm, seiner Zielgruppe und den durchwegs jungen Mitarbeitern kein Hindernis.

Die Vermessung der Welt

Wie viele Journalisten, hat er das Smartphone und seine Möglichkeiten für sich entdeckt: "Letztens sah ich ein Interview mit Anderson Cooper von CNN und er wurde gefragt, mit welchen Medien er aufsteht und sich schlafen legt. Seine Antwort: 'Twitter und Twitter'. Das war unerwartet, aber so funktioniert es heutzutage."

Zwanzig Videoclips pro Tag

Das Konzept hinter dem neuen Videonetzwerk ist schnell erklärt. Die Nachrichten werden ausschließlich für mobile Endgeräte und soziale Netzwerke gefertigt. Die oberste Maxime: Nur was mit hoher Wahrscheinlichkeit geteilt wird, wird produziert. Derzeit sind das pro Tag an die zwanzig Clips in der Länge von dreißig Sekunden bis zu vier Minuten. "Gut verdaulich und in einem Stück zu konsumieren", bringt es Jordan auf den Punkt. Wenn sich alles nach Plan entwickelt, sollen es in einem halben Jahr schon doppelt so viele Beiträge sein.

Inhaltlich kann es sich um das pakistanische Taliban-Opfer Malala, fragwürdige Fans beim Bruce-Springsteen-Konzert oder die Rede des Präsidenten drehen. Die Grafiken und Animationen sind auf "jung" getrimmt, in der Neudefinition von "nachrichtenwürdig" wird nicht mit sarkastischen und politisch unkorrekten Elementen gespart.

 

Um auch seriöse Inhalte viral zu verbreiten, sei heutzutage eine ungewöhnliche Präsentation von Sachverhalten unumgänglich, ist der Nachrichten-Profi überzeugt. Das ist auch der Grund, weshalb vom Teleprompter ablesende Moderatoren kaum zum Zug kommen. Sobald die Clips fertig sind, werden sie über die iOS-App, die Social-Media-Kanäle Facebook, Twitter, Tumblr, Instagram und den Medienpartner Buzzfeed in Umlauf gebracht.

Beben in der US-Medienszene

"NowThisNews ist noch ein Baby", erzählt Jordan in unaufgeregtem Ton und zeigt auf die provisorisch eingerichteten Räumlichkeiten. "Wir stehen noch ganz am Anfang". Und doch hat seine Ernennung zum Geschäftsführer des digitalen Videonetzwerks ein mittleres Beben in der US-Medienszene verursacht. Grund dafür ist neben seiner steilen Karriere der Skandal, der 2005 zum unrühmlichen Abgang aus dem Medienkonzern führte.

Jordan arbeitete von 1982 bis 2005 bei CNN und reiste neben seiner Tätigkeit als Manager und Vorsitzender immer wieder als Reporter in Krisengebiete. In Folge soll Jordan, der zu dieser Zeit auch dem Komitee zum Schutz von Journalisten vorstand, 2005 bei dem prestigeträchtigen World Economic Forum in Davos die Anschuldigung erhoben haben, das US-Militär hätte während der Irak-Einsätze absichtlich Journalisten getötet. Das Ende seiner Karriere bei CNN.

Danach wurde es ruhig um den erfahrenen Reporter. Einige Jahre bei Praedict, einem Unternehmen das sich mit Prognosen von und zu Krisenregionen befasst, später Manager der von ihm gegründeten Marktforschungs-Firma Poll Position mit dem Fokus auf hybride Nachrichten und Social Media. Bis zu seinem Engagement als Geschäftsführer von "NowThisNews" im Herbst 2012.

Einzigartige Freiheiten

"Digital ist für Kabelfernsehen, was Kabelfernsehen für Rundfunkübertragung war", erklärt der vierfache Emmy-Preisträger sein mediales Geschichtsverständnis, "unser durchschnittlicher Zuseher ist dreißig Jahre alt und will seine Nachrichten auf witzige Weise präsentiert bekommen. Wir können ihm das bieten, denn wir genießen derzeit einzigartige Freiheiten: Wir müssen uns nicht überlegen, was unsere Werbepartner sagen, denn wir haben keine. Wir müssen keine Rücksicht auf die Kabelbetreiber nehmen, denn wir sind nicht Kabel. Wir machen einfach was wir wollen und das für ein ganz neues Publikum."

 

Tatsächlich müssen sich die Mitarbeiter des Manhattaner Büros in der 37. Straße derzeit keinen Kopf über Geld machen. Das Unternehmen erhielt in einer ersten Finanzierungsrunde im April 2012 fünf Millionen Dollar von den Angel-Investoren Lerer Ventures, Bedrocket Media Ventures und Oak Ventures. Lerer Ventures unterstützt unter anderem auch die gehypte Nachrichtenseite Buzzfeed, passenderweise der erste Vertriebspartner von "NowThisNews". Buzzfeed stellt dabei sein stark wachsendes Netzwerk zur Verfügung, "NowThisNews" hilft mit seiner Expertise bei politischen Debatten.

Geschäftsmodell: Werbeeinnahmen

Geschäftsmodelle werden laut Eason erst spruchreif, wenn genug Reichweite aufgebaut wurde. Eines ist für ihn jedoch schon jetzt klar: "Wir wollen unser Geld nicht mit traditionellen Werbemaßnahmen wie Pre-Rolls verdienen. Es wird andere Möglichkeiten wie gesponserte Inhalte oder Produktplatzierung geben. Auf keinen Fall sollen unsere Zuseher zuerst dreißig Sekunden Werbung eingespielt bekommen, bevor sie sehen, was wir können."

Dass es bei diesem Projekt nicht in erster Linie um Geld geht, betont Eason auch im Hinblick auf seine Mitarbeiter. "Keiner ist wegen des Geldes hier", unterstreicht er den Start-Up-Mythos im Gespräch, "es geht um den Reiz unerforschter Welten, um den Aufbau von etwas Neuem." Dass es den Teammitgliedern nicht an alternativen Karrieremöglichkeiten gemangelt hat, glaubt man nach einem Blick auf die Referenzen gerne. Chefredakteur Ed O'Keefe leitete die Digitale Nachrichtenabteilung bei ABC News, Redaktionsleiterin Katharine Zaleski hatte dieselbe Position bei der "Washington Post" inne. Auch die ehemaligen Arbeitgeber der übrigen Teammitglieder können sich sehen lassen: Huffington Post, Vice Media, AllThingsD, NBC News, New York Times, Newsweek/Daily Beast, Fox News, PBS, NPR, Al Jazeera, Slate, MTV und HBO.

Märkte außerhalb der USA

Derzeit sind die meisten Zuschauer noch in den USA beheimatet, doch im täglichen Tracking- und Analysebericht zeichnet sich ein unvorhergesehener Trend ab. "Unsere Inhalte wurden bereits in 189 Ländern abgerufen, einzig im Südsudan, in Tadschikistan, Usbekistan und Eritrea hat noch niemand ein Video von uns gesehen. Es war zwar nicht unsere Absicht, aber auch außerhalb der USA gibt es eine große Anzahl an Menschen, die der englischen Sprache mächtig sind. China und Indien sind sicher potentielle Märkte."

 

Auch bei CNN war es anfangs nicht geplant, zum globalen Nachrichtenplayer zu werden. Die Frage, ob NowThisNews ein Angriff auf seine ehemalige Senderheimat sei, verneint er. "Ich habe keine Rachegefühle", lautet die wohlüberlegte Antwort, "Ich will es allen zeigen, mein Engagement ist kein persönlicher Angriff auf CNN". Immerhin würden viele seiner besten Freunde nach wie vor dort arbeiten und der Sender sei immer noch sehr erfolgreich. "Die großen Nachrichtensender haben sich allerdings schon bei mir gemeldet und beobachten unser Handeln und unsere Fortschritte sehr genau. Ich glaube, derzeit ist noch Platz für beides", gibt sich Eason versöhnlich. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 17.1.2013)

  • Das Videonetzwerk NowThisNews setzt auf MTV-Ästhetik und politisch unkorrekte Moderationen.
    foto: nowthisnews

    Das Videonetzwerk NowThisNews setzt auf MTV-Ästhetik und politisch unkorrekte Moderationen.

  • Geschäftsführer Eason Jordan über flache Hierarchien bei dem Start-up: "Wenn ein Computer kaputt ist, bringe ich ihn zur Reparatur. Wenn Unterstützung im Studio gebraucht wird, bin ich da. Hier hilft jeder mit."
    foto: tatjana rauth/derstandard.at

    Geschäftsführer Eason Jordan über flache Hierarchien bei dem Start-up: "Wenn ein Computer kaputt ist, bringe ich ihn zur Reparatur. Wenn Unterstützung im Studio gebraucht wird, bin ich da. Hier hilft jeder mit."

  • Im TV-Studio werden die Beiträge mit Moderatoren aufgezeichnet. Bei genauem Hinsehen lassen sich deutliche Abnutzungsspuren an Teilen des Equipments erkennen, das gebraucht übernommen wurde.
    foto: tatjana rauth/derstandard.at

    Im TV-Studio werden die Beiträge mit Moderatoren aufgezeichnet. Bei genauem Hinsehen lassen sich deutliche Abnutzungsspuren an Teilen des Equipments erkennen, das gebraucht übernommen wurde.

  • Ingesamt gibt es drei Schneideräume in dem 150 Quadratmeter großen Büro.
    foto: tatjana rauth/derstandard.at

    Ingesamt gibt es drei Schneideräume in dem 150 Quadratmeter großen Büro.

  • 25 Leute arbeiten derzeit bei NowThisNews. Unabhängig vom Aufgabenbereich hat jeder Mitarbeiter sein Tweetdeck am Bildschirm geöffnet.
    foto: tatjana rauth/derstandard.at

    25 Leute arbeiten derzeit bei NowThisNews. Unabhängig vom Aufgabenbereich hat jeder Mitarbeiter sein Tweetdeck am Bildschirm geöffnet.

  • Ob Nachrichten aus dem Tech-Bereich, ....
    foto: nowthisnews

    Ob Nachrichten aus dem Tech-Bereich, ....

  • ... über Prominente, ...
    foto: nowthisnews

    ... über Prominente, ...

  • ... Stadtleben ...
    foto: nowthisnews

    ... Stadtleben ...

  • ... oder Politik:
    foto: nowthisnews

    ... oder Politik:

  • Produziert werden nur die Beiträge mit der höchsten Chance, mobil und in sozialen Netzwerken geteilt zu werden.
    foto: nowthisnews

    Produziert werden nur die Beiträge mit der höchsten Chance, mobil und in sozialen Netzwerken geteilt zu werden.

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