Bum-Bum Kalaschnikow - Kriegsg'schicht'ln, Teil 1

Glosse28. November 2012, 11:41
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Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'

Die einzige Antwort, die mir damals wie heute einfällt, ist einfach: Ich will nicht zulassen, dass alles, was schön, gut und wahr an meiner Kindheit und Jugend ist, durch diesen unendlich dummen Krieg ausgelöscht sein soll.

Und, vielleicht noch wichtiger, will ich daran glauben, dass die Menschen in Sutivan, die mich seit dreißig Jahren kennen, mich auch in Zeiten des Krieges nicht anders sehen als davor. Naiv?

"Levo" oder "Lijevo"?

In Split angekommen, ist an der Oberfläche alles wie immer: Der Hafen stinkt, die Mülltonnen am Markt beim Diokletianpalast saft´ln, die Fähren landen und legen ab. Einzig der Bahnhof verrät, dass eben nicht alles ist wie üblich. Der Bahnverkehr über Knin, nun das Zentrum einer selbsternannten autonomen serbischen Krajina ist unterbrochen. Einige Dieselloks, immer noch grün mit gelben Streifen gestrichen und dem Akronym JŽ, für "Jugoslovenske Žel(j)eznice" versehen, stehen verlassen zwischen den Bahnsteigen, die von Gras umwuchert sind. Ich fliege von Zagreb über Rijeka und der Adria, den Bahnhof besichtige ich nur aus Nostalgie, weil er in meiner Kindheit das Ankommen in Dalmatien bedeutet. Mit Mühe halte ich die Tränen zurück.

Weil auch einige Busstationen verlegt sind, frage ich einen Mann nach dem Autobus, der mich zu Josip, meinem Freund, in den Stadtteil Blatine bringen soll. Ich wiederhole die Wegbeschreibung, deren Lexik bis auf eine Kleinigkeit im Serbischen und Kroatischen unterschiedslos ist. Die Kleinigkeit ist das Wort für "links". Kaum spreche ich es serbisch aus, verfinstert sich die Mine des Mannes, er wiederholt das Wort fragend, drohend langsam. Ich grinse nur und sage schnell: "Kleiner Scherz! Danke! Auf Wiedersehen!". So rasch ich mit meinem Rucksack kann, gehe ich in die angegebene Richtung.

Serben und Hunde

Josip verabschiedet mich am Fährhafen mit dem Ratschlag, vorsichtig zu sein. Er selbst versteht unter Vorsicht, mir seine Llama 9mm und eine Hand voll Kugeln anzubieten, was ich dankend ablehne und was mich zum ersten Mal auf dieser Reise überlegen lässt, einfach umzukehren, das nächste Flugzeug nach Zagreb zu nehmen und den Rest des Krieges in Wien abzuwarten. Aber ich bin noch nicht einmal in Sutivan angekommen und denke, falls es so schwarz ist, wie Josip vermutet, werde ich es bald wissen. Dann ist immer noch Zeit aufzugeben.

Als ich zwei Jahre zuvor in Sutivan bin, sprüht jemand auf die Hafenmauer, Serben und Hunden sei das Baden hier verboten. Nun ist davon nichts zu sehen, obwohl der damals noch kalte Krieg der Worte inzwischen heiß ist und mit Feuerwaffen geführt wird. Das ist für mich ein Zeichen der Hoffnung auf jene, die diese Kritzelei beschämend genug finden, sie mit weißer Farbe zu übermalen. Bis heute weiß ich weder wer für deren Anbringung noch für deren Übermalung verantwortlich ist, außer dass für Ersteres wohl nur die Dummen in Frage kommen und für Zweiteres jene, die als Klügere nicht nachgeben wollen, damit nicht am Ende die Dummen regieren.

Angst kann ertrinken

Die erste Todesdrohung kommt schon am Ende meiner ersten Woche in Sutivan in Gestalt eines freundschaftlich gemeinten Ratschlags. Es ist der Ehemann von Ines, einer Freundin aus Kindertagen, der sie mir überbringt. Er rät mir abzureisen, weil es Leute in Sutivan geben soll, die meine ethnische "Blutgruppe" stört, weswegen die Rede von einer Lösung mittels Kalaschnikow geplant sei. Ich antworte ihm, dass seine Frau mich mit seinem Kind fast jeden Tag auf dem Weg zum Strand besucht, sodass die Möglichkeit besteht, dass außer dem "richtigen" Blut auch falsches vergossen würde. Seitdem bleiben die Besuche von Ines aus. Ich beschließe einige Nächte bei Josips Eltern zu schlafen und in meinem Bett eine Attrappe aus Polstern, deren "Haare" der Besen sind, aufzubauen. Nach fünf Tagen geschieht nichts, ich kehre in mein Haus zurück und besaufe mich.

Die nächsten 82 Tage verbleibe ich im Zustand permanenter Besäufnis. Bald esse ich nur noch symbolisch, meine Zähne beginnen zu wackeln, Wunden und Kratzer eitern und wachsen nicht mehr zu. Buba, die Krankenschwester aus der Nachbarschaft ist fasziniert, weil sie Skorbut nur aus Lehrbüchern kennt. Danach esse ich mehr, schlucke Vitamintabletten und lege einen Whiskeyvorrat an.

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Von unerwarteter Seite kommt Beistand. Ausgerechnet Jelko, damals Chef der örtlichen HDZ (Hrvatska demokratska zajednica), der Partei des Präsidenten Tudjman, scheut es nicht mich im Hafen und vor aller Augen freundlich zu begrüßen, meine Hand zu nehmen und mich zwei Mal, nach Art der Kroaten auf die Wangen zu küssen. Diese Geste, so denke ich, bremst zumindest einige jener, die es wichtig finden, ob jemand lupenreiner Kroate ist oder nicht.

In Supetar kann mich nichts beschützen, aber man kennt mich dort nicht, was zusammen mit meinem inzwischen perfekten Buchkroatisch doch eine Art Sicherheit bedeutet. Allerdings ist da ein Polizist, der aus mir unbekannten Gründen einer Horde kroatischer Soldaten, die frisch von der Front kommen und nun noch besoffener als ich im selben Lokal sitzen den Tipp gibt, am Nebentisch sitzt ein Serbe. Das genügt um einige Faustwatschen zu kassieren, bevor ich die "Beine in die Hand nehme". Die nächsten Tage esse ich gezwungenermaßen aus der Flasche, bis mein geschwollenes Gesicht feste Nahrung durchlässt.

Die Rocker von Milna

Eines Morgens gegen sechs Uhr warte ich vor dem Brotladen auf die frische Lieferung. Das ist das übliche Ende meines "Tages". Die Nächte verbringe ich inzwischen mit Saufen und Tanzen in der Disco "Citra", wo einfach zu viele Menschen sind um erschossen zu werden. Besonders nachdem jemand des Nachts einen Dynamitdetonator in meinem Garten zündet, als Warnung, nächstes Mal auch noch einen Dynamitstab daran zu hängen. Inzwischen prallen derartige Episoden an meinem von Alkohol getränkten Gehirn ab.

An diesem Morgen jedoch, so glaube ich zunächst, scheitert meine Taktik. Ich höre die Motorräder von weitem, plötzlich sind sie da: Lederjacken, vernarbte Gesichter, die allseits gefürchteten Rocker aus Milna. Einer fragt mich wann das Brot kommt und der Teufel der mich reitet und genug von Verstellungen hat antwortet ihm in breitestem Belgrader Slang. Der Höllenengel ruft seine Kumpel zusammen und als sie mich umkreisen sagt er: "Alter, den Spruch hab ich schon so lange nicht gehört, red‘ weiter!" Dann drückt er mir eine Flasche Whiskey in die Hand, wir kaufen Brot, sie setzen mich auf eine der Maschinen und wir fahren zur Livka-Bucht. Hier bekomme ich zu Essen, gutes Gras zu rauchen und jede Menge Whiskey. Ich muss nur die ganze Zeit "belgraderisch" reden. Danach bringt mich die wilde Horde zu meinem Haus, alle geben mir die Hand und fahren weg.

Teil 2 folgt nächste Woche. (Bogumil Balkansky, 28.11.2012, daStandard.at)

  • Michail Timofejewitsch Kalaschnikow mit  dem vollautomatischen sowjetischen Gewehr AK-47.
    foto: apa / stefan thomas

    Michail Timofejewitsch Kalaschnikow mit dem vollautomatischen sowjetischen Gewehr AK-47.

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