Ramush Haradinaj: Urteil in Den Haag erwartet

28. November 2012, 11:10
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Kosovarische Öffentlichkeit rechnet mit Freispruch

Pristina - Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) wird am Donnerstag sein Urteil über den ranghöchsten angeklagten kosovarischen Funktionär, den ehemaligen Ministerpräsidenten Ramush Haradinaj und zwei Mitangeklagte verkünden. Dabei geht es um einen einzigen Prozess, der vor dem UNO-Gericht zum Teil wiederholt wurde.

Den Angeklagten wurden in sechs Punkten - die erste Anklage hatte 37 Punkte - Folterungen und Morde an mindestens acht Gefangenen in einem UCK-Gefangenenlager im westkosovarischen Dorf Jabllanica im Sommer 1998 zur Last gelegt. Unter den Opfern waren zwei Serben, die anderen waren Roma und Albaner.

Kosovaren rechnen mit Freispruch

Die kosovarische Öffentlichkeit, die offenbar mit einem Freispruch für einen der ehemaligen bekanntesten UCK-Befehlshaber rechnet, bereitet Medienberichten zufolge unterdessen bereits einen feierlichen Empfang für Haradinaj vor. "Mit leuchtenden Gesicht vorwärts", steht es auf den landesweit aufgestellten Plakaten. Das Innenministerium hat die Sicherheitsvorkehrungen vor allem in den von Serben bewohnten Gegenden erhöht.

Der 1968 im westkosovarischen Dorf Gllogjan geborene Haradinaj hatte erst wenige Monate das Ministerpräsidentenamt inne, als das UNO-Tribunal im März 2005 eine Anklage gegen ihn erhoben hatte. Er stellte sich sogleich dem Tribunal und wurde im April 2008 in erster Instanz von allen Kriegsverbrechenvorwürfen freigesprochen.

Die Berufungsinstanz beschloss zwei Jahre später allerdings die Wiederholung des Prozesses in sechs Punkten. Einer der Gründe dafür war auch die Einschüchterung von potenziellen Zeugen, über welche sich auch die damalige Chefanklägerin Carla del Ponte wiederholt beklagte.

"Türsteher" in Nachtlokalen

Sein Berufsleben hatte Haradinaj weit von den Ämtern in Prishtina entfernt begonnen. In der Schweiz, wohin er sich nach dem Mittelschulabschluss im Kosovo begab, war er unter anderem als "Türsteher" in Nachtlokalen beschäftigt. Dort schloss er sich auch der Levizja Popullore e Kosoves (LPK, Volksbewegung des Kosovo) an, aus welcher später die "Befreiungsarmee" (UCK) hervorging, die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gewaltsam für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte.

Mitte 1997 kehre Haradinaj in den Kosovo zurück und organisierte zusammen mit seinen Brüdern Angriffe auf serbische Sicherheitskräfte im Westen der damaligen Provinz. Ein Jahr später wurde er auch zum regionalen UCK-Befehlshaber.

Nach Kriegsende im Juni 1999, als der Kosovo unter UNO-Verwaltung kam, wurde Haradinaj zunächst stellvertretender Befehlshaber des Kosovo-Schutzkorpes (TMK), einer Auffangorganisation für ehemalige UCK-Kämpfer. Bald entschloss er sich zum Wechsel in die Politik. Im April 2000 gründete der nach eigenen Angaben diplomierte Jurist die Allianz für die Zukunft (Aleanca poer Ardhmerine e Kosoves, AAK), eine Partei, die er weiterhin anleitet.

Der amtierende AAK-Vorsitzende Blerim Shala wurde erst kürzlich als politischer Koordinator der laufenden Gespräche Prishtinas mit Belgrad bestellt. Dies erhärtete in Prishtina die Spekulationen, dass die AAK in Bälde zum Mitglied des Regierungsbündnisses um die Demokratische Liga (LDK) des Premiers Hashim Thaci werden dürfte.

Schmuggelvorwürfe

Dem AAK-Chef wurden im Kosovo nach dem Krieg auch dubiose Geschäfte nachgesagt. Der von ihm angeführte Clan soll im Westen des Kosovo den Zigaretten-, Benzin-, Waffen-, und Autoschmuggel kontrolliert haben. In einem Feuergefecht mit einem rivalisierenden Clan wurde Haradinaj im Juni 2000 schwer verletzt. Er kam zur Behandlung in ein deutsches Militärspital in Landshut.

Der Streit mit dem Clan der Familie Musaj dürfte allerdings auch einen politischen Hintergrund gehabt haben. Die Musajs waren im Westkosovo als Anhänger der Demokratischen Liga (LDK) des damaligen Präsidenten Ibrahim Rugova bekannt. Mehrere Angehörige des Musaj-Clans kamen in den darauf folgenden Jahren unter ungeklärten Umständen ums Leben. Auch ein Bruder Haradinajs dürfte 2005 Opfer der Blutrache geworden sein. Ein anderer Bruder - Daut Haradinaj- wurde 2002 wegen Entführung und Ermordung von fünf Kosovo-Albanern zu fünf Jahren Haft verurteilt. Diese hatten während des Kosovo-Krieges zur einer mit der UCK rivalisierenden bewaffneten Formation angehört. (APA, 28.11.2012)

  • Ein Unterstützer von Haradinaj auf einer Aufnahme aus dem Jänner 2011.
    foto: epa/valdrin xhemaj

    Ein Unterstützer von Haradinaj auf einer Aufnahme aus dem Jänner 2011.

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