Rettung Athens dauert Jahrzehnte

Kommentar27. November 2012, 18:57
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Euroländer müssen im Klein-klein weitermachen, vor allem wegen Deutschland

Fast 30 Stunden intensiver direkter Verhandlungen der Eurofinanzminister bei drei Sondertreffen in Brüssel in nur zwei Wochen: So lange dauerte es seit der Vorlage des Troikaberichts Mitte November, bis die seit Mai 2010 inzwischen bereits dritte Nachbesserung des internationalen Hilfsprogramms für Griechenland beschlossen war. Allein diese kleine Statistik zeugt eindrucksvoll von der Schwierigkeit und der Komplexität, die die Bewältigung der Krise für die Eurozone bedeutet.

Die unzähligen Telefonate von Regierungschefs, die Tage (und vor allem Nächte), die die Euro-Arbeitsgruppe unter der Führung des Österreichers Thomas Wieser seit Monaten durchmacht, um Pleite und Dominoeffekt für ganz Europa abzuwenden, sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

Das sollte man im Auge behalten, wenn man das Ergebnis beurteilt oder verurteilt. Die Einschätzungen reichen von "schleichender Insolvenzverschleppung", wie die üblichen verdächtigen Eurohardliner in Deutschland beckmessern, bis hin zum Stoßseufzer des griechischen Premiers Antonis Samaras vom "Neustart".

Beides ist falsch. Die griechische Regierung hat seit Sommer hart gearbeitet. Der Reformstart ist längst erfolgt. Aber die vielen Jahre, die nun an Sanierungsarbeit durch Samaras und seine Nachfolger geleistet werden müssen, werden wohl eine Art "permanenter Neustart" sein müssen, eine gewaltige Umbauarbeit der griechischen Gesellschaft, die gut ein Jahrzehnt dauern wird. Ein Premierminister wird dafür kaum reichen.

Ob Griechenland die Wende schafft oder in einigen Jahren ökonomisch (in der Folge politisch und gesellschaftlich) untergeht, das kann heute aber kein Mensch voraussagen. Gewiss: Die wirtschaftlichen Prognosen sind nicht nur an der Akropolis, sondern in ganz Europa nicht gerade rosig. Das hat der jüngste OECD-Bericht just am Tag der Einigung zum Griechenpaket deutlich gemacht. Aber dem steht eben der feste politische Wille der Euroländer gegenüber, diesen Fall auf unabsehbare Zeit keinesfalls eintreten zu lassen, sondern im Fall des Falles Maßnahmen zu treffen, die das Land weiter in der Währungsunion halten. Man wird also sehen, wer diese Wette auf die Zukunft eines EU-Landes gewinnt.

Dass aber ausgerechnet die üblichen verdächtigen Eurogegner in Deutschland jetzt ihrem Finanzminister den Vorwurf machen, er wolle wider besseres Wissen eine sichere Pleite Griechenlands vertuschen, habe nur Zeit gewinnen wollen, und selber so tun, als hätten sie nichts als die Reinheit des deutschen Haushalts im Auge, entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie. Es ist nämlich vor allem Deutschland, das in der Eurozone jede raschere und tiefergehendere Sanierung in Griechenland verhindert - Stichwort Schuldenschnitt und Verweis auf Verfassung und EU-Vertrag.

Würde Wolfgang Schäuble sich auf echt europäische Lösungen einlassen, seine Kritiker wären die Ersten, die mit Klage zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe laufen würden. Also muss man im Klein-Klein weitermachen.

Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. "Wie solide ist das alles jetzt?", fragte IWF-Chefin Christine Lagarde nächtens in Brüssel in den Saal, um gleich selber die Antwort zu geben: Alle Beteiligten müssten noch sehr lange sehr hart arbeiten, ihre Verpflichtungen einhalten, Geber wie Nehmerländer, damit die Rettung der Griechen gelingt. Wie wahr. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 28.11.2012)

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