Siemens-Züge machen ÖBB unrund

27. November 2012, 18:51
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Während der Sanierungskurs der ÖBB-Gütersparte RCA tiefer in die schwarzen Zahlen führt, dürften sich im Personenverkehr Probleme anbahnen

Wien - Der Sanierungskurs der ÖBB-Gütersparte Rail Cargo Austria (RCA), der heuer "trotz miserabler Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal deutlich über Budget liegt", wie die ÖBB betont, bringt auch ein paar kleinere Deals mit sich, die RCA dauerhaft entlasten sollen. So wird die RCA ihrer Schwester, dem für Bahnbau und -Betrieb, Bahnhöfe und Verschub zuständigen Teilkonzern ÖBB-Infrastruktur, 33 Verschub-Loks verkaufen.

RCA bekommt dafür laut Standard-Recherchen 24 Millionen Euro. Und die ÖBB eine Bündelung im Verschub, die allen Kunden zugute komme, wie man in der Bahn vorrechnet: Abgesehen vom einmaligen Aufwand habe nämlich auch die überwiegend von der öffentlichen Hand finanzierte ÖBB-Infrastruktur Vorteile. Ihr Nettoergebnisverbesserungseffekt belaufe sich bis 2018 auf rund 3,5 Millionen Euro.

Insgesamt präsentierte sich die ÖBB-Führung vor der Holding-Aufsichtsratssitzung am Dienstag sehr selbstbewusst: Man werde 2012 deutlich besser abschneiden als alle anderen Staatsbahnen, Güterverkehr operativ schwarze Zahlen schreibe.

Zugeknöpft

Deutlich zugeknöpfter gibt man sich zu der vom RCA-Vorstand Anfang November angekündigten "Vertriebsoffensive", mit der die zuletzt massive Kundenabwanderung gestoppt werden soll. Attraktive Gesamtangebote mit Gesamtpaketen für Einzelwagen-, Intermodal und Ganzzugverkehr gehören dazu ebenso wie "Aktiver Vertrieb", den RCA künftig auch bei sogenannten " C-Kunden im RCA-Zielnetz" betreiben will.

Für steigenden Druck ist gesorgt, 2013 werden die öffentlichen Mittel für Schienengüterverkehr gekürzt: Um fünf Mio. Euro oder 60 Prozent wird das Programm für den Kombinierten Verkehr Straße-Schiene-Schiff gekürzt. Um 7,5 Mio. Euro wird die Anschlussbahn-Förderung gekürzt. Die verbleibenden "gemeinwirtschaftlichen Leistungen" will RCA, wie berichtet, effizienter einsetzen (mehr Einzelwagen, weniger Rollende Landstraße).

Wiewohl vieles geschafft, einige wichtige Entscheidungen sind noch nicht in trockenen Tüchern. Bei RCA etwa die Ausgliederung und Verpartnerung der Kontraktlogistik (Stückgut mit 925 Beschäftigten) mit der Grazer JCL der Familie Jöbstl. Sie wird geprüft.

Unruhe

Unruhe ist auch beim Personenverkehr zu orten. Die Entscheidung, bei Siemens hundert Schnellbahnzüge des Typs Desiro ML zu kaufen (wird im Dezember im Aufsichtsrat beschlossen) sorgt für Nervosität. Nicht nur bei Siemens, weil der Preis "ans Limit" gedrückt worden sei, wie mit der Materie vertraute Personen beklagen. Vor allem die anderen Bahnausrüster sind in Aufruhr.

Der Grund: Die ÖBB will die Vergabe des 600-Millionen-Auftrags auf Basis eines Rahmenvertrags durchführen, der 2010 mit Siemens geschlossen wurde. Da nun ein Zweisystemfahrzeug für grenzüberschreitende Fahrten gekauft wird statt des damals für Bayern vorgesehenen Einsystemfahrzeugs, wittern Konkurrenten Verstoß gegen das Vergaberecht. Was die ÖBB bestreitet. Man habe Gutachten, laut denen sei eine Anfechtung unwahrscheinlich. Dass die ersten 35 Wagen aus dem Rahmenvertrag nie gekauft wurden sei kein Problem. Sie seien nur eine Option gewesen. Die Konkurrenz sieht das anders, ohne Erstauftrag sei der ganze Rahmenvertrag obsolet. Vom französischen Alstom-Konzern, der mit Siemens wegen eines Metro-Auftrags für die Stadt Lille im Clinch liegt, wird Einspruch erwartet. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 28.11.2012)

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    So ähnlich sollen die Desiro-Züge von Siemens - im Bild die Diesel-Variante - für die Wiener Schnellbahn und Niederösterreich aussehen.

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