Die Lust ist ein faules Tauschgeschäft

Dominik Kamalzadeh
27. November 2012, 18:08
  • Glückssucher, einmal in Kenia, einmal daheim in der Kirche: Margarethe 
Tiesel und ...
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    Glückssucher, einmal in Kenia, einmal daheim in der Kirche: Margarethe Tiesel und ...

  • ...  Maria Hofstätter aus Teil eins und zwei von Ulrich Seidls "Paradies".
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    ... Maria Hofstätter aus Teil eins und zwei von Ulrich Seidls "Paradies".

In seiner "Paradies"-Trilogie erzählt Ulrich Seidl von Frauen, die ihre Sehnsucht auf Irrwege führt

"Liebe" spielt in Kenia, wo es Männer gegen Bezahlung gibt, in "Glaube" wird Religion zur Ersatzbefriedigung. Zwei ungleich geglückte Teile eines imposanten Werks.

Wien - In den Ferien bleibt Zeit für die Pflege von Sehnsüchten. Die Urlaubspläne der beiden rund 50-jährigen Frauen aus den ersten beiden Teilen von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie fallen entsprechend ungewöhnlich aus. Teresa packt die Koffer und reist nach Kenia in eine Hotelanlage am Meer. Dort gibt es Beachboys, schwarze Männer aus der lokalen Bevölkerung, die den Besucherinnen Sex gegen Geld anbieten. Teresa freilich sucht anderes: die Liebe.

Anna Maria dagegen vertraut gleich zu Beginn einem Arbeitskollegen an, dass sie zu Hause bleiben wird. Das stimmt allerdings nicht ganz, denn die streng gläubige Katholikin hat ihr Eigenheim in Wien in eine Art Kapelle verwandelt, aus der sie mit einer Wandermuttergottes-Statue Ausflüge in die nähere Umgebung unternimmt. Bei Fremden klopft sie an die Tür, um sie zu einem sündenfreien Leben zu bekehren.

Ulrich Seidl ist fraglos der prononcierteste Vertreter eines österreichischen Miserabilismus im Kino. Wenn er von einer Glückssuche erzählt, ist das Scheitern schon gewiss. Das hat sich herumgesprochen; als in Cannes die erste, furiose Szene von Paradies: Liebe auf der Leinwand zu sehen war, in der eine Gruppe von Menschen mit Down-Syndrom Autodrom fährt und das ganz sichtbar genießt, war kaum jemand brüskiert - der Einstieg funktioniert wie eine Trademark, die amüsiertes Wiedererkennen hervorruft.

Die Trilogie sollte eigentlich ein einzelner Film werden, hat dann aber zunehmend den Rahmen einer solchen Produktion gesprengt. Nun lief ein Teil in Cannes, einer in Venedig (wo er den Spezialpreis der Jury bekam), Teil drei, Paradies: Hoffnung, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in Berlin gezeigt.

In Paradies: Liebe gelingt es Seidl, eine eigentlich recht starre Gegenüberstellung von Erster und Dritter Welt in eine Serie von Begegnungen aufzulösen, die von widersprüchlichen Gefühlen erzählen. Kamera und Mise en scène trennen die Sphären strikt - am Strand stehen die Männer außerhalb der Umzäunung, dahinter sonnen die Frauen auf ihren Liegen; doch es finden sich Räume, in denen die Verwandlung Teresas von einer naiv-schamvollen Person zu einer, die sich mit Ingrimm nimmt, wofür sie bezahlt hat, glaubwürdig Gestalt annimmt.

Dies ist nicht zuletzt die Leistung von Margarethe Tiesel, die ihrer Figur eine große Bandbreite gibt, sie mit Spontanität und Humor ausstattet, was die auf sie zurollende Enttäuschung vielschichtiger erscheinen lässt. Vor dem von ihr erwählten Beachboy Munga (Peter Kuzunga, wie alle seine männlichen Kollegen ein Laie) präsentiert sie sich als Lehrmeisterin, sie will ihm zeigen, wie er sie anzusehen und zu berühren hat. Die Bedingungen für einen Austausch auf Augenhöhe stehen allerdings denkbar schlecht.

Mit wunden Knien

In Paradies: Glaube ist das Konstruktionsprinzip ähnlich: Anna Maria, von der Seidl-erfahrenen Maria Hofstätter mit einer unnachahmlichen Mischung aus Aufdringlichkeit und Verbitterung verkörpert, bewegt sich in offenbar lang eingeprobten Routinen, die ihre Ehrerbietung für Jesus Christus ausdrücken. Versucht Teresa ihre körperliche Lust zu befriedigen, so strebt diese Heldin nun danach, genau dies zu unterdrücken. Anna Maria geißelt sich selbst vor dem Kreuz oder rutscht so lange auf Knien durch die Wohnung, bis diese wundgescheuert sind. Ihre Liebe ist eine, die Abwendung vom Körper verlangt, und das lässt sie ihn paradoxerweise spüren.

Doch auch in Paradies: Glaube kommt erst durch die Konfrontation mit einem Mann die Nagelprobe. Seidl und seine Koautorin Veronika Franz haben sich in diesem Fall ein überspitztes Szenario ausgedacht, denn die bußfertige Katholikin wird von der Heimkehr ihres ägyptischen Mannes (Nabil Saleh) überrascht. Querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzend, gedenkt er nun, seine traditionell aufgefasste Rolle im Haushalt wieder auszufüllen. Die Jesus-Devotionalien, die die Artefakte aus der Ehe verdrängt haben, sind dem Muslim spätestens dann ein Dorn im Auge, als er erkennt, dass seine Frau von ihrem Glauben wie in Besitz genommen erscheint.

Obwohl Religionsthemen bei Seidl nicht erst seit Jesus, du weißt zum Repertoire gehören, wirkt Paradies: Glaube allzu ausgedacht. Die Dogmatik, mit der sich die Frau in die Ersatzliebe zu Jesus stürzt, mutet auf Dauer wie ein Stützwerk an, das der Film eben braucht, um den Rosenkrieg durchzuexerzieren. Auch wenn sich der streng inszenierte Film zu einprägsamen Analogien im Streit der Konfessionen aufrafft - auch der Mann muss sich (auf Händen) durch die Wohnung schleppen -, über die Verdeutlichung von Stereotypien geht das nicht hinaus.

Afrika erweist sich als das offenere Feld als die Vorstadt. Anna Maria bleibt vor allem die Gefangene ihrer selbst. Teresa wird zwar auch nicht das finden, was sie sucht. Aber sie durchlebt Erfahrungen, die ihre Welt um reale Schauplätze erweitern. Als trauriger Höhepunkt fungiert eine Orgie, in der die Geschlechterrollen verkehrt sind, aber das Machtgefälle weiter wirksam bleibt. Das Paradies ist bei Seidl auf irdischen Wegen jedenfalls nicht zu haben. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 28.11.2012)

"Liebe" läuft ab Freitag im Kino; "Glaube" startet am 11.1. 2013

derStandard.at-Chat mit Ulrich Seidl am Donnerstag, 29. 11., von 12 bis 13 Uhr.

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"Manfred Deix ist der Stift, mit dem Karl Kraus gezeichnet hätte" (Henryk M. Broder)

Ulrich Seidl ist die Kamera, mit der Ödön von Horvàth gefilmt hätte.

Dr. Heinz Anderle, von Zerrbildern und Schreckenszenen gepeinigter Freigeist

Seidl macht Filme über Kleingeister und Spießer für Kleingeister und Spießer, die sich seine Filme aber nicht ansehen. Also läuft er wie ein Gassenköter, der seine Liebste nicht findet im Kreis, und pinkelt an jeden Laternenmast und Hydranten der seinen Weg kreuzt, womit der Inhalt seiner Filme auch schon beschrieben ist.

Wenn sie wirklich wieder einen Typen will,soll sie ganz einfach abnehmen und in Form kommen.

Warum beschäftigt sich Seidl ausgerechnet mit dem PARADIES?

Vielleicht weil er sich immer noch mit seiner erzkatholischen Erziehung auseinandersetzen muss?

Warum macht sich Seidl als angeblich sozialkritischer Filmer über mittelalterliche Frauen (die Sex und Liebe wollen) lustig?

Vielleicht weil für einen Erzkatholiken Frauen nicht das menschliche Recht auf Sex, eigenen Glauben, Verschmelzung haben (Männer womöglich schon)?

Warum ahmt er - zwar in künstlerischerer Form, aber thematisch sehr wohl - das Trash-Privat-TV nach?

Warum bekommt man NIE eine Antwort (& erntet nur Attacken), wenn man nach den Gründen für den "Österreichischen Miserabilismus" fragt?

Dieser Öst. Miserabilismus kann ja ruhig sein, aber warum gibt es so wenig anderes Differenzierteres (& nicht gleich Hochjubelndes)?

ganz ehrlich: es gibt so viele filme und dokus die sich mit männlichen freiern, sextouristen und zuhältern befassen (und in den wenigsten fällen wird dabei recht auf sex suggeriert). warum ist es dann so schlimm wenn jetzt EIN film ins kino kommt der sich mit frauen als sextouristinnen befasst?

Das stimmt, es gibt immer wieder Berichte und auch Dokumentationen über männliche Freier und Sextourismus.

Aber Spielfilme? In der Literaturverfilmung "The Quiet American" 2002 (dir. P. Noyce) kommt so eine Abhängigkeitsbeziehung vor, aber der Protagonist ist kein richtiger Freier, sondern ein länger in Vietnam lebender Auslandskorrespondent.

Über Frauen, die sich Liebe kaufen, gibt's da mehr, der Film mit Charlotte Rampling und jetzt diesen Seidl z.B.

Man muss schon dabei bleiben, bei diesem Thema werden die Frauen mehr in die Pfanne gehaut als die Männer.

Das macht die Selbstverständlichkeit

In wirklich vielen Filmen (etwa Anti-/Kriegsfilmen) gibt es Sequenzen, in denen Männer im Ausland zu Prostituierten gehen, man nimmt es nur nicht so wahr, weil es so selbstverständlich ist. Sogar deutsche Serien gibt es, in denen das ausgiebig dargestellt wird ("Im Angesicht des Verbrechens"). Filme haben das natürlich auch zum Thema, z. B. "Lilja4ever".

JA, selbstverständlich ist es die Selbstverständlichkeit (des Patriarchats)

Ich freu' mich aufrichtig, in Ihnen diesbezüglich eine ernsthafte Dialogpartnerin gefunden zu haben.

Mehrheitlich ist bei den Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den Menschen der Mann der Mächtigere und die Frau die Schwächere. Grund, das erwähnte Patriarchat (Wir kümmern uns jetzt einmal nicht um die wütenden Rotstrichler).

Sowohl im Film von Cantet wie bei Seidl wird die gesamtgesellschaftliche SELTENE Umkehrung (denn die meisten älteren europäischen Frauen haben ja nicht das Geld, sich einen Beachboy zu halten) dieser Situation problematisiert. & durch die Art der Darstellung werden diese (wohlhabenden) Frauen attackiert.

Bei Männern ist es "selbstverständlich", bei Frauen wird es kritisiert. Die Frage nach der Menschenwürde bleibt.

Ja und nein. Es gibt eine fragwürdige

Romantisierung des Freier/Hure - Verhältnisses im New Cinema der 70er Jahre ("Taxi Driver", "Pretty Baby" usw.); ein letzter Rest davon ist in "Leaving Las Vegas" (1995) zu begutachten. Ansonsten hat hat es eine eindeutige Wende dahingehend gegeben, die Selbstverständlichkeit des Gangs zur Prostituierten als etwas ausgesprochen Hässliches, Rohes, Gewalttätiges darzustellen (denken Sei nur an "Unforgiven" oder "Boogie Nights").

Männliche Freier?

Warum nicht gleich FreierInnen?

Gibt noch einen sehr guten Film

(wahrscheinlich sogar besseren): "In den Süden" von Laurent Cantet (mit Charlotte Rampling!).

Peinlich sind diese Frauen trotzdem!
Diese Frauen sind genauso schlimm, wie die Typen, die nach Thailand fahren.

Ganz großes Kino. Man sieht eine Welt, wie sie nicht ist, aber ohne weiteres sein könnte, und plötzlich weiß man, warum man gerne man selbst ist und niemand andereR. Und das alles ohne auf andere herabzusehen, denn eines ist klar: In jedem/jeder vom uns steckt etwas, das von Seidl verfilmt werden könnte.

So ist es

Ich denke damit haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.

Was viele Leute bei Seidl Filmen übersehen.

Es sind Spielfilme. Es sind KEINE Dokus.

Jeder Satz und jede Einstellung steht in einem Drehbuch. (so wie halt bei jedem Film).

Lediglich der Stil versucht dokumentarisch zu sein.

Diesbezüglich kann ich mich noch erinnern als vor 20 Jahren beim Film tierische Liebe Premiere in Graz dies immer die Hauptfrage war. "ist das jetzt echt? oder nicht echt?".

Heute nachdem jeder schon sehr viele "reality " formate im TV gesehen hat ist diese frage offenbar nicht mehr so drängend.

Dennoch sind und bleiben es keine Dokus sondern eben Filme darüber wie Ulrich Seidl sich vorstellt, dass etwas ist.

Aber manchmal sinds eben sehr gute Filme.

Jeder Satz und jede Einstellung steht in einem Drehbuch. (so wie halt bei jedem Film).

ist nicht bei jedem film so. und schon gar nicht beim seidl. da gibts kein vorgefertigtes drehbuch. es wird improvisiert!

da liegen sie glaub ich falsch - die sätze sind eben nicht festgelegt, sondern müssen von den schauspielern selber gefunden werden.
beim film über den horner ball wars ausserdem wirklich auch doku.
und der typ der seinen hund zungengeküsst hat - welcher schauspieler war das.
und die schwarzen bei alles liebe waren laien die den job callboy wirklich ausüben, oder?

Kennzeichen österreischischen Films:

1.) Komödien sind nie lustig
2.) Sex ist nie erotisch
3.) Krimis haben immer in irgend einer Form mit Nazis oder Menschenschlepperei zu tun
4.) In jedem Film geht es immer um Sozialkritik...ohne Sozialkritik darf kein österreichischer Film gedreht werden.
5.) Erziehung und Belehrung des Zusehers haben oberste Priorität.
6.) Niemand darf sich im Kino unterhalten - wenn doch: Hollywoodfilm = pfui !!
7.) das Ideal eines österreichischen Films: Stundenlange Interviews mit Hitlersekretärinnen in nur einer Kameraeinstellung in Großaufnahme..

...Danke, ich geh jetzt den neuen James Bond...

Und österreichische Filme sind oft auch richtig gut!
Ist das nicht schön.
ps: der Bond ist auch nicht so übel.

Sie haben wohl noch nie skandinavische "Krimis" gesehen:)

Da sind öst. Werke noch Gold.

Hab gestern Paradies - Liebe im Internet gesehen, da ich als "weit am Land draußen-Wohnender" leider nicht die Möglichkeit habe, den Film sonst innerhalb des nächsten Jahres irgendwo in der Nähe im Kino sehen zu können.
Seit Hundstage bin ich von Seidl sehr begeistert, wobei ich nicht jeden Film von ihn großartig finde.

Jedoch haben alle Filme von ihm etwas gemein:
Sie lassen einem nicht kalt. Egal ob man gerade lacht oder eine Minute später einfach nur mehr erschüttert und angewiedert ist. Was ohne Frage eine Leistung für einen Filmemacher ist.
// SPOILER// Paradies:Liebe ist hier keine Ausnahme und man fürchtet sich schon immer mehr, das wohl früher oder später etwas sehr Schlimmes passiert. Dies bleibt allerdings aus, wobei "schlimm"..

.. eh immer relativ ist //

auch die Hauptdarstellerin weiß absolut zu überzeugen und bildet eine sehr vertraute, sympatische und zugleich erschreckende, bemitleidenswerte Österreicherin.
Zudem ist der Film auch für alle Kenia-Reisende und Leute die Kenia-Besucher kennen, sehr empfehlenswert, da eigene Erinnerungen und Geschichten den Film zusätzlich spannend machen.

Fazit: Nit nur Seidl-Freunde können sich auf diesen Film freuen!

Bin beeindruckt

von U. Seidls Filmen (soweit gesehen), begeistert aber nur von den "Hundstagen", der für mich beste Seidl. Schon in "Good news" erweist er sich als aggressive Mimose, die gern Menschen, deren Tun sie nicht goutiert, desavouiert.
Leider gibt es kaum einen bedeutenden öst. Filmautor (Markovic vielleicht ausgenommen), der die Menschen wirklich verständnisvoll liebt wie z.B. die hervorragenden Belgier Dardenne.
Man kann bei seiner Haltung nur froh sein, dass Seidl Filmer und nicht Priester geworden ist.

Dardenne

Verstehen ja, aber lieben...ich weiß nicht, dafür scheinen mir eher Regisseure wie Ozon zuständig. Zutreffend ist, dass die Dardennes das Umfeld und die gesellschaftlichen Begleitumstände viel schärfer ins Auge fassen.

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