"Wir werden wieder auf die Straße gehen"

Reportage27. November 2012, 18:25
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In Maribor demonstrierten Tausende gegen Stadtchef Franc Kangler, dem Korruption vorgeworfen wird

Es steht in der Innenstadt von Maribor an fast jeder Ecke: "Gotof je!" Mit "f" statt "v" am Schluss - das ist die steirisch-slowenische Schreibweise. Der Satz, der auf Hauswände, und Denkmäler gesprüht wurde, bedeutet: "Er ist fertig!" Gemeint ist der rechts-konservative, mehrmals wegen Korruption angeklagte Bürgermeister Maribors, Franc Kangler. Auch Kanglers mit Schablonen aufgemaltes Konterfei taucht immer wieder mit "Gotof je" auf.

Sonst erinnert am Dienstag nicht mehr viel an die wilden Szenen, die sich hier, vor allem am Freiheitsplatz rund um das Partisanen-Denkmal und vor dem Magistrat am General-Maister-Platz, abspielten.

Laut Polizei demonstrierten hier am Montagabend 7000, laut Einschätzungen lokaler Medien über 10.000 Menschen gegen Kangler. Mehrheitlich friedlich, wie Videos, die im Internet kursieren, belegen. Familien mit Kindern, ältere Leute, aber auch eine Reihe prominenter Künstler waren durch den Aufruf einer anonymen Facebook-Gruppe, die den Rücktritt des Stadtchefs fordert, auf die Straße gegangen. Plakate mit dem besagten Konterfei wurden verbrannt, auch Puppen, die Kangler darstellen sollten.

Als am späteren Abend einzelne "Autonome" Steine in Richtung der mit Helmen, Schilden und Schlagstöcken ausgerüsteten Polizisten warfen, eskalierte die Situation. "Es waren nur 15 Gewaltbereite unter den Demonstranten", berichtet der Journalist Boris Jaušovec von der Tages zeitung Vecer dem Standard bei einem Stadtspaziergang. Er sei selbst mit seinen vier- und achtjährigen Töchtern auf der Demo gewesen. "Die Polizei reagierte unverhältnismäßig", betont Jaušovec.

Die Polizisten gingen mit Hunden, Schlagstöcken, Tränengas und Pfefferspray gegen die Bevölkerung vor. Auch auf Pferden seien sie in die Menge geritten, um die Leute auseinanderzutreiben. Menschen, die nur auf dem Boden saßen, um passiv Widerstand zu leisten, wurden mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt - wie auch ein Youtube-Video beweist.

So etwa auch Jure Pahernik von Artkamp, der beim Kulturfestival Lent in Maribor die Kinderprogrammschiene organisiert.

"Ich habe gesehen, wie ein Polizist einem Mann auf den Kopf trat und ihm die Nase brach. Ich saß unweit mit anderen auf dem Boden, als ich Pfefferspray in die Augen bekam. Da waren etwa 30 Polizisten um uns drei. Da ich nichts mehr sehen konnte, packten sie mich einfach und führten mich ab", erzählt er dem Standard.

Zorn und Stolz

Pahernik war einer von 31 Verhafteten. Auf der Polizeiwache habe man sich aber korrekt verhalten: "Nach Mitternacht, als sie sicher waren, dass die Straßen und Plätze leer waren, ließen sie uns gehen." Ob er Angst gehabt hat? Pahernik überlegt kurz, dann sagt er mit einer Mischung aus Zorn und Stolz in der Stimme: "Nein. Und wir werden wieder auf die Straße gehen."

Schon das vierte Mal gingen die Marburger gegen den 47-jährigen Bürgermeister, der vor seiner Politkarriere selbst Polizist in einem Vorort von Maribor war, auf die Straße. Erst vor einer Woche, als Kangler von 25 von 38 Wahlmännern in den Staatsrat, die zweite Parlamentskammer in Ljubljana, gewählt wurde, gingen Hunderte auf den Hauptplatz vor das Rathaus in Maribor. Kangler konnte stundenlang das Gebäude nicht verlassen. Grund für die Empörung der Bevölkerung: Durch seine Wahl in die Kammer erlangt Kangler, der mittlerweile von seinen eigenen Partei, der SLS, ausgeschlossen wurde, Immunität.

Das Fass zum Überlaufen brachte aber ein 30 Millionen teures Radarsystem, das Kangler für die Stadt anschaffte. Fünf Millionen sollte es ursprünglich kosten, und ein Großteil der Geräte funktioniert nun nicht.

Die Polizei sieht das alles anders: Sie spricht von 500 Gewaltbereiten und 20 verletzten Demonstranten und sieben verletzten Polizisten. Innenminister Vinko Gorenak kündigte an, die Organisatoren der besagten Facebook-Seite "aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen". (Colette M. Schmidt aus Maribor /DER STANDARD, 28.11.2012)

  • Bürgermeister Franc Kangler: Die jüngste Demonstration gegen ihn artete in gewaltsame Zusammenstöße mit Polizeiübergriffen aus. 
    foto: stadt maribor

    Bürgermeister Franc Kangler: Die jüngste Demonstration gegen ihn artete in gewaltsame Zusammenstöße mit Polizeiübergriffen aus. 

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