Stahlkocher Riva schließt Werk

Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand
27. November 2012, 17:43

5000 Jobs im süditalienischen Taranto in Gefahr

Zu Wochenbeginn wurde das größte Stahlwerk Italiens, Ilva in der süditalienischen Hafenstadt Taranto, stillgelegt. 5000 Beschäftigte werden arbeitslos. Für Süditalien, wo sich die Jugendarbeitslosigkeit auf 35 Prozent, die allgemeine Beschäftigungslosenrate auf zwölf Prozent beläuft, ist dies ein schwerer Schlag.

Auch für den Staat steht viel auf dem Spiel. Denn die Kosten der von der "Stahlfamilie" Riva beschlossenen Stilllegung werden auf neun Mrd. Euro, etwa acht Prozent der Wertschöpfung der süditalienischen Region Apulien geschätzt. Das ist nicht alles. Laut Berechnungen stellt die Schließung des größten italienischen Stahlwerks die Versorgung von 5,5 Mio. Tonnen Stahl, etwa 40 Prozent des gesamten heimischen Bedarfs, infrage. Und noch ist nicht sicher, inwieweit der Produktionsstopp Schatten auf die übrigen Riva-Stahlwerke in Norditalien mit weiteren 15.000 Beschäftigten wirft.

Regierungschef Mario Monti hat für Donnerstag eine Ministerratssitzung einberufen, um ein "Notdekret" zu verabschieden. Die Regierung steckt in einem Dilemma. Sollte die Stahlschmelze dauerhaft dicht gemacht werden, wäre dies ein herber Schlag für den Arbeitsmarkt. Andererseits geht es um die Umwelt und die Gesundheit der Bevölkerung. Dem Eigentümer des Stahlwerks, der Unternehmerfamilie Riva, wird vorgeworfen, nicht ausreichend gegen Staub-und Rauchemissionen vorgegangen zu sein. Schlimmer noch. Die Manager des Stahlwerks sollen Behörden bestochen haben, um die Emissionswerte zu verheimlichen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft wurde Dioxyn emittiert. Innerhalb der letzten 13 Jahre sollen 386 Angestellte an Krebs gestorben sein.

"Zwei Krebskranke mehr oder weniger im Jahr spielen keine Rolle", soll Konzerngründer Emilio Riva gesagt haben. Er steht ebenso wie Sohn Fabio, Vizepräsident des Stahlkonzerns, und sieben Manager unter Hausarrest. Sie stehen im Verdacht fahrlässiger Tötung und Korruption.

Stahlriese mit Problemen

Der Parteichef der "Grünen", Angelo Bonelli, fordert die Beschlagnahmung aller Güter der Unternehmerfamilie. "In Taranto gibt es keinen Kampf zwischen Gericht und dem Unternehmen. In Taranto herrscht ein sanitärer und ökologischer Notstand, der durch die Unverantwortlichkeit eines Unternehmers und die Absenz der Politik herbeigeführt wurde, begründet Bonelli seine Forderung.

Der Riva-Konzern zählt mit einem Umsatz von zehn Mrd. Euro und einer Produktion von 16 Mio. Tonnen zu den zehn größten Stahlköchen Europas. Allein 8,5 Mio. Tonnen entfielen dabei auf Ilva. Das entspricht etwa einem Drittel der gesamten Stahlproduktion in Italien. Seit 1995 hat Riva nach eigenen Angaben rund fünf Mrd. Euro in das Stahlwerk, davon 1, 2 Mrd. Euro in den Umweltschutz investiert. Die Regierung Monti hatte bisher bereits 335 Mio. Euro lockergemacht, um die Umweltschäden in Taranto zu beseitigen. Angeblich wurden bereits EU-Gelder angefordert. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 28.11.2012)

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4 Postings
jetzt wirds noch besser:

die regierung persönlich gibt ihnen 2 jahr aufschub der schließung! da soll saniert werden, man kann sich vorstellen, wie. in der zwischenzeit wird weiter gestorben. ein unglaubliches beispiel wie exekutive über judikative drüberfahrt!

da spielt es sich ab....

-> Taranto ist von der Kapazität das groesste Stahlwerk Europas;
-> Eigentümervetreter / Fabriksleiter sind nicht nur im Hausarrest sondern aktuell im Gefängnis
-> Auswirkungen werden auf Tausende andere Mitarbeiter anderer Werke von Ilva/Riva in ganz Italien erwartet....
-> die Situation hat sich in den letzten Monaten in Taranto immer mehr zugespitzt

.....aber die Sprachbarrieren sind anscheinend auch Informationsbarrieren, denn dies ist der erste deutschsprachige Artikel, der über dieses riesen Problem (Umweltverschmutzung incl. starker Gesundheitsgefährdung der Mitarbeiter/Einwohner Tarantos versus einäugiger Unternehmerinteressen) informiert.

Nicht ganz "der einzige Artikel"

im online-Standard gab es schon im Sommer 2 Berichte über diesen Fall:

http://derstandard.at/134516451... -Stahlwerk

http://derstandard.at/134374379... vorgezogen

Auch FAZ und FTD haben im August darüber berichtet:

http://www.faz.net/aktuell/w... 54745.html

http://www.ftd.de/unternehm... 77878.html

Aber ich bin voll bei Ihnen: was dort passiert, ist skandalös in jeder Hinsicht. Der Richterin, welche die Geschichte ins Rampenlicht rücken konnte, ist hohe Anerkennung zu zollen.

du hast völlig recht:

was interessiert uns das, wir fahren nach italien auf urlaub und so weit runter eh nicht! was die da unten aufgeführt haben, ist auf die schnelle gar nicht darstellbar und außerdem nur eines von zahllosen umweltverbrechen. hab leider auch nur einen link auf italienische seiten. erst eine mutige richterin hat dieses verbrechen abgedreht!

http://inchieste.repubblica.it/it/repubb... ref=HREA-1

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