Das Virus sind wir

27. November 2012, 17:18
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Aids, eine einst tödliche Erkrankung, ist durch vereinte Anstrengungen nach 30 Jahren beherrschbar geworden - Der US-Forscher Alexander Wlodawer erzählt von dessen Evolution, Erfolgen und Niederlagen

Forschungskrimis in der Medizin finden meist hinter verschlossenen Labortüren statt. Experimente, Patente, höchste Geheimhaltungsstufe. In den 1980er-Jahren war das anders. 1988 waren 75.000 Menschen an der Immunschwäche Aids gestorben, Ärzte waren ratlos, die Menschen panisch. " Wir hatten damals keine Ahnung, wie die Struktur und der Lebenszyklus des HI-Virus aussehen und wo wir ansetzen könnten", erinnert sich Alexander Wlodawer, damals wie heute Forscher am National Cancer Institute in Bethesda/Maryland. Im Rahmen eines Vortrags an den Max Perutz Laboratories (MFPL) in Wien erzählte er, welch wichtige Rolle Grundlagenforschung, sein Fachgebiet, in den ersten Jahren der HIV-Forschung spielte.

Wlodawer war in den 1980er-Jahren im Rahmen der Krebsforschung mit einer Reihe von Viren befasst. Das National Cancer Institute nutzte Wissen, das einst im Rahmen der Entwicklung biologischer Waffen in den USA zusammengetragen worden war. Präsident Nixon hatte das Programm 1969 eingestellt. Wlodawer und seine Kollegen versuchten, Viren wie HTLV (Humanes T-lymphotropes Virus) oder das Rous-Sarkoma-Virus zu verstehen. " Viren spielten bei der Krebsentstehung allerdings längst nicht die Rolle, die wir vermutet hatten", erinnert sich Wlodawer. Viele seiner Kollegen bezeichneten die Hypothesen damals als Flop.

Durch Aids wurden Wlodawers im Rahmen der Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse plötzlich höchst relevant. "Wir haben uns über Vergleiche mit anderen Viren an das HI-Virus angenähert", erzählt er.

In der Natur der Dinge

Weil man in den 80er-Jahren bereits einfache genetische Sequenzierungen vornehmen konnte, standen bald die Enzyme im Fokus der Forschung. Zur Erklärung: Enzyme sind Stoffe, die biochemische Reaktionen im Stoffwechsel steuern. Ganz besonders beforschte man am National Cancer Institute die Enzymgruppe der Proteasen, weil man vermutete, sie könnten bei der Vermehrung eine Schlüsselrolle spielen.

Auch die Forscher in der pharmazeutischen Industrie interessierten sich für Proteasen. Wenn Wlodawer vom Match zwischen seiner Forschungsgruppe und den Wissenschaftern des Pharmakonzerns Merck erzählt, leuchten seine Augen heute noch, weil damals zwar Wissenschafter aller Fachbereiche konkurrierten, aber durch den Druck der Betroffenen doch auch zusammenarbeiteten. Für keine andere Erkrankung seien in so kurzer Zeit so effizient Ergebnisse produziert worden, sagt Wlodawer. Grundlagenforschung und angewandte Forschung arbeiteten Hand in Hand.

Wenn Wlodawer erzählt, wie es schließlich gelang, das HI-Virus durch die Mittel der Kristallografie darzustellen, ist es tatsächlich ein Krimi, denn der Pharmakonzern Merck arbeitete parallel daran. Das Rennen darum, wer als Erster sein Paper in einem der wichtigen wissenschaftlichen Journale einreichte, welches dann als Erstes publiziert wurde, und wie man sich wechselseitig auf die Ergebnisse des anderen stürzte, macht klar, wie spannend Forschung sein kann. Draußen protestierten die Menschen, in den Labors war man dabei, nach möglichen Ansatzpunkten für Therapien zu suchen.

Trotz großer Erfolge gab es auch bittere Niederlagen. Als der charismatische Forschungsleiter von Merck, Irving Sigal, beim Lockerbie-Attentat 1988 ums Leben kam, war auch das HIV-Projekt gefährdet. Mittlerweile hatte Merck bei der Entwicklung von Proteasehemmern Konkurrenz bekommen, auch die Pharmakonzerne Roche und Abbott waren fieberhaft auf der Suche nach einem Medikament, das die Vermehrung des Virus stoppen und damit das Voranschreiten der Erkrankung eindämmen konnte.

Das große Problem von Anfang an: Resistenzen, die zu Beginn eine Unzahl von möglichen therapeutischen Angriffspunkten schon in den ersten Testphasen im Keim erstickte. "Wer das HI-Virus beobachtet, sieht Evolution in voller Aktion", so sieht es Wlodawer. Und die Evolution sei keineswegs abgeschlossen, sagt er und warnt, dass die Industrie aus ökonomischen Gründen ihr Engagement einstellen könnte. Merck jedenfalls, erinnert er sich, zog sich seinerzeit kurz aus den Entwicklungen zurück.

Erkenntnisdynamik

Den ersten Proteasehemmer namens Saquinavir brachte dann 1995 Roche auf den Markt. Zwischen der Entschlüsselung der Struktur des HI-Virus und einem einsatzfähigen, sicheren und gut verträglichen Medikament waren trotz aller Anstrengungen fast neun Jahre vergangen. Den großen Durchbruch brachte erst die Kombinationstherapie. Mithilfe von 28 Medikamenten lässt sich das HI-Virus bislang in Schach halten.

Generell, so Wlodawer, habe HIV/Aids auch gezeigt, wie wichtig Grundlagenforschung für die Pharma-Industrie wäre. Dass die großen Unternehmen zunehmend nur mehr angewandte Forschung betreiben und bei Nichterfolg sämtliche Projekte einstellen, sieht der Viren-Experte mit Besorgnis. "In der Wissenschaft gibt es keine Fehler oder Fehlschläge, denn jede einzelne Studie ist für sich gesehen immer auch ein neuer Erkenntnisgewinn, selbst dann, wenn sich Hypothesen nicht bestätigen", so Wlodawer. Nach 30 Jahren Forschung wisse man zwar, wie das HI-Virus entstanden ist, wie es vom Affen auf den Menschen übergesprungen ist und sich dann verbreitet hat, doch niemand weiß, wie es mit HIV weitergeht.

Die großen Fronten in den Industrienationen sind die Resistenzen. Noch besorgniserregender ist die HI-Virus-Dynamik in den Entwicklungsländern, wo nicht genügend Medikamente verfügbar sind. Was Wlodawer biologischen Laien immer wieder erklärt, ist, dass das HI-Virus - hat es einmal die Hürden in die Zellen des Menschen geschafft - ein fixer Bestandteil des menschlichen Genoms geworden ist. Methoden, herauszufinden, in welche Zellen es sich integriert, geschweige denn es auszuschleusen, gibt es nicht. "Das Virus ist dann Teil unserer DNA", sagt er, deshalb sei die Aussicht auf Heilung auch gering.

Wlodawer ist sich sicher: Die Resistenzen, die durch Virusmutationen entstehen, müssen die Forscher weiter beschäftigen. "Wenn wir hier aufhören, werden wir die Rechnung in ein paar Jahren präsentiert bekommen", sagt er. Das sei keine Vision, sondern schlichte Mathematik. " Viren sind clever, es gibt viele verschiedene Stränge, und deshalb ist es besser, extrem vorsichtig zu sein", fasst Wlodawer zusammen und meint damit nicht nur Patienten, sondern auch all jene, die meinen, dass Problem HIV/Aids sei unter Kontrolle. (Karin Pollack, DER STANDARD, 28.11.2012)

  • Alexander Wlodawer war Zeuge eines Forschungskrimis bei der Suche nach Therapien.
    foto: standard/fischer

    Alexander Wlodawer war Zeuge eines Forschungskrimis bei der Suche nach Therapien.

  • Der Kampf von HIV-Positiven hat in der Entwicklung von Medikamenten schon immer 
eine wichtige Rolle gespielt. In Afrika geht er heute noch weiter.
    foto: apa/epa

    Der Kampf von HIV-Positiven hat in der Entwicklung von Medikamenten schon immer eine wichtige Rolle gespielt. In Afrika geht er heute noch weiter.

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