Stärken Sie Ihr Immunsystem für den Winter!

28. November 2012, 11:41
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Warum diese Botschaft umstritten ist und wie sehr Reiztherapie und immunstimulierende Mittel helfen

Wie ein Storch im Wasser stehen: ein Bein im eiskalten Nass, das andere hochgezogen und die Fußspitze etwas nach hinten gebeugt. Zieht die Kälte nach oben, dann verlässt der Kneipper nach einer halben Minute das Wasser, um sich wieder aufwärmen. 

Das Kneippen gilt als eine Reizmethode, die der Stärkung der Immunabwehr dient. Die Blutgefäße reagieren auf  Temperaturschwankungen sehr sensibel. Bei Kälte ziehen sich diese zusammen, bei Wärme erweitern sie sich. Insbesondere bei der Anwendung von Wechselbädern erhöht sich dadurch die Blutzirkulation. Der Abwehr von Infekten soll das ganze Procedere dienen.

Als Allheilmittel gilt es aber nicht. "Kneippen ist zwar gut, um die Durchblutung zu steigern, ob es aber hilft einen beliebigen Keim, den man gerade in sich trägt, auch abzuwehren, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden", sagt Gerhard Zlabinger, Leiter des Instituts für Immunologie der Medizinischen Universität Wien. 

Bakterienlysate schlucken

Wer also auf das Kneippen als immunstärkendes Mittel nicht vertraut, kann auf Präparate wie Broncho Vaxom, Luivac oder Ribomunyl zurückgreifen. Diese Bakterienlysate werden zum Teil über mehrere Monate hinweg eingenommen und ihre Wirkung wird mit jener von Impfungen verglichen. Es handelt sich dabei nämlich um gefriergetrocknete "entschärfte" Erregerbestandteile diverser häufiger Krankheitserreger, sind also selbst nicht krankmachend, nehmen aber dennoch Einfluss auf das Immunsystem. Abwehrzellen sollen auf diese Weise stimuliert, die natürlichen Abwehrkräfte gestärkt und eine Infektanfälligkeit infolge dessen reduziert werden.

"Eine Garantie, dass durch solche Mittel das Immunsystem gestärkt wird und die Schutzwirkung bei einer Infektion zum Tragen kommt, gibt es nicht", sagt Zlabinger und beruft sich dabei auf die Komplexität der menschlichen Immunabwehr. Verschiedene Organe, Zelltypen und Moleküle sind miteinander vernetzt, die Regelmechanismen, die der Abwehr von Eindringlingen dienen, sind sehr diffizil. Jeder Mensch reagiert anders auf pathogene Mikroorganismen, und diese Reaktion ist im Detail nicht vorhersehbar. "Es wäre also ein Wundermittel erforderlich, das diese Variabilität zwischen den Menschen ausgleicht", sagt der Immunologe.

Mögliche Überforderung

Theoretisch wäre auch eine Überforderung des Immunsystems möglich. "Die Dosis, die eine derartige Kur vorsieht, ist zwar entsprechend abgestimmt, es besteht aber bei falscher Anwendung die Möglichkeit einer Überaktivierung", sagt Zlabinger. Chronische Entzündungen bis hin zu Autoimmunreaktionen wären dann die Folge.

Die Möglichkeiten verlässliche Aussagen über den Immunstatus eines gesunden Menschen vor und nach der Immunstimulation zu treffen, sind zudem begrenzt. Zwar können Art und Anzahl der gebildeten Antikörper bestimmt werden - die aufwändigen Tests werden aber routinemäßig nicht durchgeführt.

Naturgemäß stark

Beweise für einen eventuellen Erfolg oder Misserfolg einer derartigen Behandlung, bekommt der Mensch in aller Regel also nicht. Warum ist das Bedürfnis das Immunsystem zu stärken aber überhaupt so groß? "Das impliziert, dass das Immunsystem generell zu schwach ist", sagt Zlabinger dazu. Ein gesunder Mensch wird mit seiner körpereigenen Abwehr zwar den meisten pathogenen Erregern problemlos Herr - zeigt aber manchmal auch natürliche Schwächen. "Das Immunsystem scheint von Natur aus nicht darauf angelegt zu sein, jeden Organismus gleichermaßen so abzuschirmen, dass kein Keim mehr gesundheitliche Störungen hervorrufen kann", erklärt der Immunologe.

Ständig vor Erkrankungen gefeit sein zu wollen sei ein verständlicher Wunsch des Menschen, entspricht aber, so Zlabinger, nicht dem Wirkprinzip des Immunsystems und wäre wahrscheinlich nur mit einem stark erhöhten Risiko an Autoimmunkrankheiten zu erkranken, möglich. 

Zlabinger plädiert dafür, den Fokus ganz einfach zu verlagern. "Wir sollten nicht primär nur danach trachten, das Immunsystem zu stärken, sondern es stattdessen nicht durch einen ungeeigneten Lebensstil schwächen", sagt er und erinnert abschließend an die klassisch kontraproduktiven Faktoren Rauchen und Schlafmangel. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 28.11.2012)

  • Der Wunsch vieler Menschen: Das eigene Immunsystem stärken, um gegen grippale Infekte gefeit zu sein.
    foto: apa/wolfgang klumm

    Der Wunsch vieler Menschen: Das eigene Immunsystem stärken, um gegen grippale Infekte gefeit zu sein.

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