Alte Schule, wärmende Klangspeisen

27. November 2012, 17:28
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St. Petersburger Philharmoniker im Musikverein mit Schostakowitsch und Brahms

Wien - Wundervoll. Dieser Sound, dieses Spielverhalten: wie aus der Zeit gefallen. Der kraftvolle, direkte Bogenzug der Streicher, deren breiter, satter, nährender Klang: Man wird von ihm fest an die Brust gedrückt und so schnell nicht wieder losgelassen. Der Schlagwerker an der kleinen Trommel scheint ausreichend Militärdienst absolviert zu haben. Sehr energisches Holz; herausragend, balsamisch das Solofagott.

Bemerkenswert auch die optischen Eindrücke: Stufenschnitt und Pferdeschwanz bei den Männern, Lotte-Lenya-Gedächtnisfrisur und Christina-Applegate-Blondschopf bei den Frauen. Die Blässe des zahnstocherdünnen, jungen Solohornisten spielt ins Silberne.

Alte Schule ist angesagt beim einstigen Hoforchester des Zaren, den St. Petersburger Philharmonikern. Juri Temirkanow eroberte den Chefdirigentenposten dieses Klangkörpers, noch bevor Alois Mock dem Eisernen Vorhang zu Drahte rückte. Temirkanow fixiert fast ausschließlich die Partitur, schlägt mit rechts eisern den Rhythmus und spendiert dann und wann einen Einsatz.

Ja: Fallweise hätten die von Schostakowitsch in seiner 10. Symphonie geschilderten Gewalttätigkeiten mehr Schärfe vertragen, die elegischen Passagen mehr emotionale Öffnung, der tänzerische dritte Satz mehr Feingefühl. Beim zweiten bekam man jedoch eine Vorstellung von den beängstigenden Kräften, die dieser Nation innewohnen können.

Nuancen, dekadente Differenziertheiten, Gefühlsoffenbarungen? Nö, dazu wollte sich Nelson Freire zuvor beim zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms auch nicht wirklich hinreißen lassen. Wer sich als Orchesterzugabe Glinkas Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla erhofft hatte, wurde mit Elgars Nimrod aufs Positivste enttäuscht. Eine letzte wärmende Klangspeisung. Sie wird einen durch den Winter bringen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 28.11.2012)

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