Furcht vor der Irakisierung Syriens

  • Ein ausgebranntes Autowrack vor dem schiitischen Schrein der Sayyida Zainab im Süden von Damaskus. Mitte Juli wurde der Ort Opfer eines Autobombenanschlags - nicht der einzige dieser Art in Syrien.
    foto: sana/file/ap/daod

    Ein ausgebranntes Autowrack vor dem schiitischen Schrein der Sayyida Zainab im Süden von Damaskus. Mitte Juli wurde der Ort Opfer eines Autobombenanschlags - nicht der einzige dieser Art in Syrien.

  •  "Die Kämpfe haben viele radikalisiert, Islamismus ist die dominate militärische  Kraft in Syrien geworden," sagt Aaron Y. Zelin vom Washington Institute for Near East Policy.
    foto: washington institute for near east policy

    "Die Kämpfe haben viele radikalisiert, Islamismus ist die dominate militärische Kraft in Syrien geworden," sagt Aaron Y. Zelin vom Washington Institute for Near East Policy.

Selbst gebastelte Sprengsätze, Autobomben und Selbstmordattentäter - Beobachter fürchten ein Abgleiten Syriens in ein irakisches Szenario

Mit einem großen Knall endet ein Armeetransport in der syrischen Wüste. Der Konvoi der syrischen Armee wurde mit Hilfe eines selbstgebastelten Sprengsatzes in die Luft gejagt. Bekannt zu dem Anschlag hat sich das Ahrar ash-Sham-Batallion, das das Video dazu auch veröffentlichte.

Derartige Sprengsätze oder "Improvised Explosive Devices" (kurz: IED) haben seit geraumer Zeit ihren Platz im Arsenal der bewaffneten syrischen Opposition gefunden. Der Erfolg scheint den Taktiken der Rebellen Recht zu geben.

Während sich einerseits die Welt den Kopf über Gaza und andererseits die syrische Opposition über ihre neue Führungsmannschaft zerbrach, haben Syriens Rebellen im Laufe der vergangenen zwei Wochen beachtliche territoriale Gewinne für sich verbuchen können: Oppositionelle konnten eine riesige Militärbasis westlich von Aleppo nach knapp einem Monat Belagerung erobern. Die Militäranlage galt als entscheidend bei der Verteidigung der nördlichen Handelsmetropole. Fast zeitgleich haben jihadistische Gruppierungen nach eigenen Angaben gleich mehrere Luftwaffenbasen gestürmt und geplündert. Videos der Ereignisse scheinen die Angaben zu bestätigen. Assads Truppen sind auf dem Rückzug.

Selbstmordattentäter

Taktiken, wie sie im Video des Ahrar ash-Sham-Batallions zu sehen sind, scheinen zu funktionieren. Begeisterung lösen sie allerdings nur bei den Rebellen aus, bei Syriens Nachbarn sorgen sie für Kopfzerbrechen. Generalmajor Aviv Kochavi, Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, nannte die Entwicklungen im Nachbarland vor Parlamentsabgeordneten eine "Irakisierung Syriens". Nicht zu unrecht, tauchen doch immer mehr Parallelen zu den Entwicklungen nach dem Sturz Saddam Husseins im Zweistromland auf: Seit Sommer gibt es einen sprunghaften Anstieg von Berichten über Sprengfallen, Autobomben und selbstgebastelten Sprengsätzen. Entführungen und Erpressungen sind keine Seltenheit mehr und auch Berichte über Selbstmordattentäter - bisher ein fast unbekanntes Phänomen im syrischen Bürgerkrieg - nahmen in den vergangenen Wochen stark zu.

Viele der Informationen können nicht überprüft werden, doch verleiht die Vielzahl an unterschiedlichen Quellen, die beinahe identische Berichte über die Vorkommnisse wiedergeben, sowie vereinzelte Videobeweise den Berichten hohe Glaubwürdigkeit. Auch Joshua Landis, Syrien-Experte und Direktor des Center for Middle East Studies an der Universität Oklahoma, beschreibt in seinem Blog die rapide zunehmende Fragmentierung und nennt sie die "Desintegration" Syriens.

Jihadisten auf dem Vormarsch

Eliot Higgins war vermutlich einer der ersten westlichen Beobachter, der den sprunghaften Anstieg an Autobomben, IEDs und Selbstmordattentätern bemerkte. Auf seinem "Brown-Moses-Blog" veröffentlicht und analysiert er Videos aus Syrien: "Es wurde bereits eine große Zahl an selbstgebastelten Bomben und Autobomben in Syrien eingesetzt. Es scheint, als ob die jihadistische Gruppe Jabhat an-Nusra eine große Rolle vor allem bei der Verwendung von Autobomben und Selbstmordattentätern spielt", meint Higgins im Interview mit derStandard.at.

Genau wie im Irak gäbe es auch in Syrien einen stark konfessionell geprägten Konflikt, sagt Aaron Y. Zelin am Telefon zu derStandard.at. Zelin ist Fellow am Washington Institute for Near East Policy und Experte für jihadistische Propaganda. "Es ist seit dem Ausbruch der gewalttätigen Auseinandersetzungen deutlich schlimmer geworden. Die Kämpfe haben viele radikalisiert, Islamismus ist die dominante militärische Kraft in Syrien geworden," sagt Zelin. Deswegen habe - genau wie im Irak - die konfessionelle Gewalt stark zugenommen.

Syrien wird vom alawitischen Assad-Clan regiert. Die verschlossene Religionsgemeinschaft entstand aus dem Islam schiitischer Prägung. Genau wie im Irak, wird auch das Regime in Damaskus von seinen Gegnern als Handlanger und Befehlsempfänger des von extremistischen Sunniten verhassten Iran angesehen.

Bastelanleitungen für Sprengsätze

Trotzdem, sagt Zelin, gäbe es bedeutende Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Vor allem bei Syriens Jihadisten gäbe es zum Beispiel Nuancen in der Gewalt: "Diese hohe Anzahl an Videos, wo Zivilisten vorgeführt und anschließend geköpft wurden gibt es in Syrien nicht. Man konzentriert sich vorwiegend auf militärische und nicht - wie im Irak - auf zivile Ziele."

Die militärischen Taktiken einiger Rebellengruppen - Autobomben, selbstgebastelte Sprengsätze und Selbstmordattentäter - dürften dennoch aus dem Irak importiert worden sein. Zwar liege es bis zu einem gewissen Grad einfach an der Art des Konfliktes - eine starke staatliche Übermacht auf der einen Seite, Aufständische auf der anderen Seiten - dass solche Taktiken angewendet werden. Aber es gäbe viele Beispiele von Syrern, die am Höhepunkt des Irak-Krieges ins Nachbarland gingen, um im Zweistromland zu kämpfen, meint der Jihadismus-Experte. Jetzt sind sie wieder in Syrien und setzen einige der Erfahrung als Aufständische in ihrem eigenen Heimatland ein. Vereinzelt sind komplexe Bastelanleitungen für selbstgemachte Sprengsätze sogar identisch mit jenen, wie sie im Irak entwickelt wurden:

Im Ökosystem der Al-Kaida

Eine der wichtigsten Fragen ist für Zelin jedoch, ob Al-Kaida - genau wie im Irak - bereits in Syrien tätig ist. Öffentlich zugängliche Informationen darüber gibt es keine. Al-Kaida selbst hat Jabhat an-Nusra, die dominierende jihadistischen Gruppierung in Syrien, noch nicht in ihrer Propaganda erwähnt. "Totzdem glaube ich, dass es eine gewisse Verbindung gibt. Die Tatsache, dass die Medienorganisation der Jabhat an-Nusra, al-Manara al-Bayda, vollen Zugang und Akkreditierung in bestimmten Al-Kaida-nahen Foren besitzt, ist ein deutlicher Hinweis darauf. Das heißt, dass die Medienorganisation der Jabhat an-Nusra im Ökosystem der Medienabteilung der Al-Kaida eingebettet ist. Trotzdem gibt es keine Beweise dafür, dass Al-Kaida Kontrolle in Syrien ausübt", sagt Zelin.

Für den Jihadismus-Experten ist es entscheidend, ob sich das Terrornetzwerk von Ayman az-Zawahiri in Syrien engagiert, wie es das auch im Irak getan hat. Zelin: "Es ist durchaus möglich, dass nach dem Fall des Regimes jihadistische Gruppen einen islamischen Staat in der selben Art und Weise ausrufen, wie dies im Irak geschehen ist." Bis dahin ist es für ihn jedoch zu früh vorherzusagen, was genau passieren wird.

Kein Ende in Sicht

Trotz der Zunahme an Taktiken, die auch Zivilisten in Mitleidenschaft ziehen, glaubt Zelin nicht, dass die Jihadisten an Unterstützung verlieren werden - ganz im Gegenteil: "Ich denke aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie gesammelt haben und weiter sammeln, ist es durchaus möglich, dass jihadistische Gruppen über kurz oder lang mehr und mehr Unterstützung bekommen, weil sie stark sind und Möglichkeiten haben, effektive Angriffe zu führen."

Der landesweite Erfolg wird jihadistischen Gruppierungen einfach gemacht: Viele der Rebellengruppen der "Freien Syrischen Armee" agieren vor allem lokal und sind nur auf eine Provinz oder eine Stadt beschränkt sind, wohingegen Gruppen wie die Jabhat an-Nusra im ganzen Land aktiv sind. (Stefan Binder, derStandard.at, 28.11.2012)

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