Fachkräftemangel: "Die goldenen Zeiten für Arbeitnehmer sind vorbei"

1. Dezember 2012, 10:37
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Die Firmen klagen über fehlendes Personal, die Gewerkschaft über schlechte Arbeitsbedingungen

Der IT-Wirtschaft in Österreich fehlen die Fachkräfte, 4.000 an der Zahl. Das gab die WKÖ vor rund zwei Wochen zu Protokoll und verkündete gar eine "lebenslange Jobgarantie" für Menschen, die sich für einen Berufsweg in der Branche entscheiden.

Dazu gab es zahlreiche Rückmeldungen von Lesern des WebStandards. Dort kritisierte man die Aussagen des WKÖ-Fachverbandsobmann Alfred Harl. Bemängelt wurden unter anderem schlechte Bezahlung, hohe Arbeitsbelastung und der schwache Kollektivvertrag. Wir haben bei WKÖ und der GPA-djp nachgehakt.

Arbeitgeber müssen attraktiver werden

Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer meint, dass die Bedingungen in der Branche allgemein nicht schlecht sind. Jedoch: Auch er sieht die Betriebe durchaus in der Pflicht, sich durch Gesundheits- und Weiterbildungsangebote als Arbeitgeber zu attraktivieren - besonders für Frauen sowie Junge und Arbeitnehmer der Generation 50 plus.

Dies wird, zusammen mit entsprechend modernisierter Betriebsorganisation, in Zukunft immer notweniger werden. Er geht, wie viele, davon aus, dass Menschen in Zukunft länger im Erwerbsleben bleiben werden und das Durchschnitts-Pensionsantrittsalter - dieses liegt derzeit bei unter 60 Jahren - durch das Stopfen von Frühpensionslücken künftig merkbar ansteigen wird.

Einigkeit in Sachen Weiterbildung

Aufgrund des schnellen Veraltens des Wissensstands werden seiner Ansicht nach insbesondere Weiterbildungsmaßnahmen wichtig sein, um Fachkräfte im fortgeschritteneren Alter im Berufsleben halten und Herausgefallene wieder hereinholen zu können.

In Sachen Weiterbildung sind WKÖ und Gewerkschaft damit auf einer Schiene, wenngleich letztere diesbezüglich zuwenig Willen Seitens der Unternehmen ortet. "Alle wollen gut ausgebildete Fachkräfte, aber ihre Ausbildung sollen sie von woanders haben", meint dazu Karl Proyer, stellvertretender Bundesgeschäftsführer der GPA-djp, gegenüber dem WebStandard.

Ein Graben tut sich allerdings auf, wenn es um die Wahrnehmung des Status Quo geht. Im Gegensatz zu Gleitsmann attestiert Proyer der Branche sehr wohl problematische Zustände.

Schein und Sein

"Die goldenen Zeiten für Arbeitnehmer sind vorbei. Es wird für immer höhere Leistung immer weniger gezahlt", sagt der Gewerkschafter, der den IT-Bereich auch nicht mehr als den großen Jobmotor betrachtet. Die Unterscheide zwischen Schein und Sein sind seiner Ansicht nach groß. "Die Unternehmen im IT-Bereich stellen sich gerne als modern dar. Das ist oft nur Fassade. Organisation und Personalpolitik werden oft sehr konservativ geführt." Letzteres zeigt sich unter anderem auch daran, dass der Frauenanteil selbst unter den Metallern höher ist.

Schwarze Schafe oder Methode?

Mittlerweile werden auch oft All-In-Verträge abgeschlossen, dazu seien hohe Arbeitszeiten an der Tagesordnung, die Bezahlung hingegen erfolgt oft ohne Überzahlung auf dem Niveau des Kollektivvertrags

Ein Problem sind dazu Firmen, die ihre IT-Mitarbeiter zunehmend in branchenfremde Verträge, etwa jene des Handels, stecken und Lohndumping betreiben. Während Gleitsmann hier nur "wenige schwarze Schafe" sieht, erkennt Proyer mittlerweile Methode. "Die Branche ist alles andere als modern, höchstens neoliberal", erklärt er und fordert eine Rückkehr zu ordentlichen Dienstverhältnissen.(Georg Pichler, derStandard.at, 01.12.2012)

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    Die IT-Branche sucht 4.000 Fachkräfte - aber ist sie auch attraktiv genug als ihr Arbeitgeber?

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