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Dimensionen der Zeit - Die Entschleunigung unseres Lebens
Herausgeber: Ernst Peter Fischer, Klaus Wiegandt
352 Seiten, 14,40 Euro, ISBN: 978-3-596-19268-7
Forum für Verantwortung/Fischer Taschenbuch Verlag
"Die Zeit, die in unserer Vorstellung jedes Ding bemisst und für unsere Pläne oft nicht ausreicht, ist für die Natur endlos wie nichts", wusste der schottische Naturforscher James Hutton bereits im 18. Jahrhundert. Doch was genau die Zeit überhaupt ist kann auch heute noch niemand allgemeingültig beantworten. Im Sammelband "Dimensionen der Zeit" diskutieren 15 Geistes- und Naturwissenschafter den Begriff der Zeit und unser mitunter schwieriges Verhältnis zu ihr.
Den Anfang macht der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geißler, der derzeit eine "zeitverdichtende Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft" ortet. "Wir produzieren, konsumieren und kommunizieren dank rasant gewachsener Beschleunigung heute mehr als alle vor uns lebenden Menschen zusammen." So könnten wir uns eine größere Anzahl an Wünschen erfüllen, die jedoch immer mehr und noch größere Wünsche zur Folge hätten, schreibt Geißler.
Glücklich werden könne man so freilich nicht. Für das Problem der zunehmenden Beschleunigung müsse jeder seinen eigenen Ausweg finden, für die Gesellschaft als Ganzes sieht Geißler eher schwarz: "Der Tag wird kommen, an dem sich die Googlerei und die Telefoniererei zu Tode gesiegt haben werden."
Ähnlich argumentiert der Soziologe und Politikwissenschafter Hartmut Rosa. Er kritisiert, dass wir Innovation, Beschleunigung und Wachstum als Selbstzweck fördern, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Wenn wir uns einreden, dass die allgegenwärtige Zeitnot nur ein akutes Problem sei, würden wir uns nur selbst belügen: "Wir denken offenbar immer, dass es schon irgendwann einmal besser wird. Dies ist aber nicht der Fall. Es wird nicht besser. Es wird - im Gegenteil - systematisch schlimmer", meint Rosa.
Unsere Möglichkeiten hätten sich ihm zufolge durch Digitalisierung, Globalisierung und unsere auf Wettbewerb aufgebaute Wachstumsgesellschaft multipliziert, nicht aber unsere verfügbare Zeit. Die Folge: Sie wird immer knapper. Auch gäbe es Grenzen der Beschleunigung: In unserem Gehirn, in unserem Körper, in der Umwelt.
Unsere Probleme mit der Zeit entstehen an den Schnittstellen zwischen Prozessen, die nicht schneller gehen (etwa die menschliche Psyche), und solchen, die sich immer mehr beschleunigen (etwa die Kommunikation auf Facebook). Dann entsteht Reibung und es kann zu "dysfunktionaler Entschleunigung" kommen, etwa zu Burn-Out und sogar Depression.
Um aus dem Hamsterrad zu kommen, sollten wir bewusster und langsamer leben: Modewellen auslassen, gemächlicher reisen (etwa mit Zug statt Flugzeug), kaputte Dinge reparieren anstatt sie wegzuwerfen, bewusst konsumieren anstatt bloß Produkte anhäufen, und - das Wichtigste - uns wieder von den Dingen, Menschen und Welten, die uns umgeben, berühren lassen, auf sie eingehen und eine Beziehung zu ihnen einzugehen.
Aber nicht alle Texte drehen sich, wie der Untertitel des Bandes ankündigt, um Entschleunigung. Michael Maars lesenswerter Beitrag etwa befasst sich mit der Zeit in der Literatur. Für ihn stellen sich zwei grundlegende Fragen: Wie vermitteln Autoren das Gefühl von Zeit, wie erwecken sie die Illusion, den Leser mehr Zeit spüren zu lassen als dessen aktive Lesezeit selbst? Und: Wie handelt Literatur Zeit als Thema ab?
Dabei bezieht er sich etwa auf Thomas Manns "Zauberberg", der beide Fragen auf meisterliche Weise behandelt. Bemerkenswert daran sei der darin beschriebene Wandel der Zeit, wie er auch tatsächlich im Verlauf des Lebens wahrgenommen wird: Während die ersten Wochen des jungen Hans Castorp im Sanatorium noch "episch-gemächlich" dahinströmen, galoppiert die Zeit an seinem Lebensende schließlich davon.
Auch andere, gut gewählte prosaische und lyrische Beispiele belegen die vielfältigen Dimensionen und Varianten, die die Zeit in der Literatur einnehmen kann. "Die Literatur kann neue Metaphern erfinden, nicht zuletzt darin liegt ihr Erkenntniswert", schreibt Maar. Und weiter: "So weiß es die Literatur dann doch, wenn nicht besser, so doch schöner und feuriger als die Wissenschaft."
Aufschlussreich ist auch Till Roennebergs Essay über die Chronobiologie, in dem er eine erhebliche Diskrepanz zwischen innerer und äußerer, also von der Gesellschaft aufgezwungener Zeit ortet. So entstünde ein "sozialer Jetlag" quer durch alle Gesellschaftsschichten, der bei Jugendlichen am stärksten ausgeprägt ist. Der Biologe fordert deshalb, Schul- und Arbeitsbeginnzeiten an den menschlichen Schlafrhythmus anzupassen und die kontraproduktive, den Jetlag verstärkende Sommerzeit abzuschaffen.
Weniger erhellend sind Ansgar Schmidts kaum praxistauglicher Einblick in das „Benediktinische Leben" sowie Klaus Mainzers sehr wissenschaftlich geratenes Kapitel über die Physik der Zeit. Der Wissenschaftstheoretiker verliert sich in Fachbegriffen wie „Symmetrie-Transformation" und dem "Zerfall von Kaonen" und versäumt die Möglichkeit, eine verständliche Einführung in die Zeit aus naturwissenschaftlicher Sicht zu geben.
Der Großteil der 15 Texte vermag es jedoch, auf lesenswerte und sehr vielfältige "Dimensionen der Zeit" aus geistes- und naturwissenschaftlicher Sicht zu porträtieren. Auch wenn Entschleunigung nicht direkt im Zentrum steht, so vermag das Buch doch etliche neue Perspektiven auf und Auswege aus unserem gehetzten Alltag aufzuzeigen. (Florian Bayer, derStandard.at, 27.11.2012)
Ernst Peter Fischer (65), Physiker und Biologe, ist ein bekannter deutscher Naturwissenschaftler. Er unterrichtet Wissenschaftsgeschichte an der Universität Heidelberg und ist Autor zahlreicher Sachbücher.
Klaus Wiegandt (73) war bis 1998 Vorstandssprecher der Metro AG und begründete in seiner Pension das "Forum für Verantwortung", deren Vorsitz er immer noch inne hat. Der vorliegende Band geht aus dem zehnten Kolloquium seiner Stiftung hervor.
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Kann ich nur sagen: 5! Setzen! Wir können keine Gegenstände außerhalb von Raum und Zeit erkennen. Diese Tatsache führte Immanuel Kant in seiner 'Kritik der reinen Vernunft' zu einem radikalen Schluss: Raum und Zeit sind nicht Eigenschaften einer wie immer gearteten 'realen Welt'. Wir können die Dinge gar nicht erkennen, wie sie 'an sich' sind; wir kennen sie nur durch die Filter der Anschauungsformen Raum und Zeit – und der Kategorien des Verstandes. Die sind im Kopf, 'a priori im Gemüte gegeben', wie Kant schreibt. 'Changer la vue' – das Sehen verändern. Nicht von ungefähr grenzt im Französischen das Wort 'vue' haarscharf an 'vie' – an Leben.
Wir können sie nicht direkt sehen, nein.
Theoretisch berechnen kann man Sachen "außerhalb" schon.
"Gegenstände" als raumzeitliche Gebilde definieren, fertig, ätsch xD
Wegen dem Angrenzen der Lautwerte: Da muss ich jetzt nachgucken gehen ob das Zufall "weil Französisch lautmäßig so funktioniert" ist :)
frz. "vue" kommt von lat. Videre/visus, indogermanisch gibts "ueid-", "udi-" für erblicken, finden. (Für Sehen gibts soo viele Worte mit unterschiedlichen Aspekten. "aug" , "spee", "leuk", "uind", "seku", "kuek")
frz. "vie" von lat. vivere/vita, das wiederum von indog. "uis-", "uiros-" (kräftig/manneskräftig/lebenskräftig, vgl. engl. "virility", kulturelle Implikationen bis heute)
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