Italiens Linke feiert Vorwahl-Erfolg

26. November 2012, 18:13
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Massenansturm zur Partei-Abstimmung über Spitzenkandidaten - Stichwahl zwischen Bersani und Renzi

Pier Luigi Bersani hat gute Chancen, das italienische Linksbündnis als Spitzenkandidat in die Parlamentswahlen am 10. März kommenden Jahres zu führen. Der Chef des Partito Democratico setzte sich in den Vorwahlen am Sonntag erwartungsgemäß gegen seinen Widersacher Matteo Renzi durch.

Bersani (62) kam auf 44,9 Prozent, der 37-jährige Bürgermeister von Florenz konnte mit 35,5 Prozent einen Achtungserfolg verbuchen. Am kommenden Sonntag soll der Spitzenkandidat in einer Stichwahl ermittelt werden.

Nichi Vendola von der links alternativen Liste SEL, Präsident der Region Apulien, kam auf 15,2 Prozent. Die beiden Außenseiter-Kandidaten Laura Puppato und Bruno Tabacci blieben unter drei Prozent. Mit einer Beteiligung von mehr als drei Millionen Bürgern wurde die Vorwahl zu einem vollen Erfolg. Vor vielen Wahllokalen bildeten sich wegen des großen Ansturms lange Schlangen, Renzi musste am Abend in Florenz eine Wartezeit von zwei Stunden in Kauf nehmen, bevor er abstimmen konnte. Bersani sprach von einem "denkwürdigen demokratiepolitischen Ereignis". Der Parteichef siegte vor allem in Süditalien, während Renzi in den "roten Regionen" Mittelitaliens vorn lag.

TV-Duell der Gegenspieler

Morgen, Mittwoch, treffen sich die beiden Gegenspieler zu einem TV-Duell, das mitentscheidend für die Stichwahl sein könnte. Es wird erwartet, dass Vendola seine Wähler auffordert, für Bersani zu stimmen. Der müsse sich allerdings "die Stimmen erst verdienen", erklärte er. Renzi hatte in seinem Wahlkampf vor allem einen Generationenwechsel in Italiens ergrauter Parteienlandschaft gefordert.

Nach Umfragen kann die Linke mit Bersani als Spitzenkandidat mit 35 Prozent der Stimmen rechnen. Renzi dagegen könnte es mit den Stimmen vieler enttäuschter Zentrumswähler auf 44 Prozent bringen und damit sogar eine regierungsfähige Mehrheit erobern.

Bei einem Sieg Bersanis gilt zudem eine erneute Kandidatur Silvio Berlusconis gegen den linken Angstgegner als wahrscheinlich. Der Cavaliere stürzte am Wochenende seine Partei einmal mehr ins Chaos, als er den bereits für 16. Dezember anberaumten Vorwahlen eine klare Abfuhr erteilte. Der frühere Regierungschef, der bereits seinen Rücktritt erklärt hatte, erwägt eine Neuauflage seiner einstigen Partei Forza Italia (Vorwärts Italien) und einen Abschied von der Nachfolgeorganisation Popolo della Libertà (Volk der Freiheit). "Angelino Alfano kann sich die Partei behalten", sagte Berlusconi.

Monti deutet Bleiben an

Wer auch immer die Parlamentswahlen im März gewinnt, muss freilich noch mit einem dritten Gegenspieler rechnen, der auf keiner Liste steht. Premier Mario Monti erklärte am Sonntag im Fernsehen, er werde alle ernsthaften Angebote prüfen, sich weiter in den Dienst seines Landes zu stellen. Dabei werde er auf den Rat von Staatspräsident Giorgio Napolitano besonderen Wert legen. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 27.11.2012)

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    Pier Luigi Bersani Chef des Partito Democratico hätte als Spitzenkandidat geringere Chancen ...

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    ... als Matteo Renzi.

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