Schirrmachers "heiliges Versprechen" entfacht Netz-Debatte

Presseschau26. November 2012, 17:42
10 Postings

"FAZ"-Herausgeber über die Ideologie des Internets und die Zukunft des Journalismus

Frank Schirrmachers Text aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, "Das heilige Versprechen", wird im Netz heftig diskutiert. Der "FAZ"-Herausgeber dreht den Vorwurf, die Zeitungen hätten das Internet verschlafen, um. "Wer einfach nur sagt, Verlage (und sie sind nur ein Symbol) hätten ihre Chance im Netz verschnarcht, kann genau das Gleiche über all die sagen, die von Anfang in ihm zu Hause waren", analysiert Schirrmacher und fragt: "Wo ist der neue Pulitzer, Augstein, Suhrkamp? Wer hat profitiert? Wo gibt es das Blogger-, Startup-, Nachrichten- oder Kommunikationsmodell, das auch nur ansatzweise funktioniert?" Das Scheitern von Online sei "Legion".

Schirrmacher kritisiert auch "Zeit Online"-Chef Wolfgang Blau als "Wiedergeburt des Neoliberalen" und prangert die "kalifornische Ideologie" in der Medienbranche an. "Wenn Zeitungen, die nie Geld verdienten, untergehen, sagt das nichts aus über Zeitungen", erklärt Schirrmacher. Fragt die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe "Wie kann guter Journalismus überleben?", ist die für Schirrmacher wesentlichere Frage, "Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben?". Auch ohne Prognosen aus dem Silicon Valley und von der Wall Street sei klar: Ohne guten Journalismus "gar nicht".

Debatte im Netz

Für Stefan Winterbauer vom Branchenportal Meedia ein "Online-Wutanfall" des "FAZ"-Herausgebers über die Zukunft des Journalismus. Statt "wirrer, wütender Worte" wünscht er sich Initiativen zu neuen Formen des Journalismus.

Guter Journalismus?

Martin Weigert streut Schirrmacher im Blog "Netzwertig" zwar Rosen was das Interesse für die Digitalisierung betrifft, macht aber gleichzeitig das "Grundproblem des Verlagsjournalismus" aus, in dem die traditionelle Medienmarke einen Blog zwar zitiert, aber nicht namentlich nennt. "Guter Journalismus", so Weigert, sei "vernetzter Journalismus mit flachen Hierachien, der neue Akteure mit all ihren Stärken und Schwächen anerkennt, statt sie misstrauisch und von oben herab zu beäugen. Nicht, um diesen einen Gefallen zu tun, sondern weil dies der ursprünglichen Mission von Journalismus einen Schritt näher kommt: Menschen unabhängig zu informieren und ihnen bei der Meinungsbildung zu helfen."

"Heiliges Gebrechen"

Der "FAZ" täte ein Chefredakteur gut, findet Thomas Knüwer im Medienblog Indiskretion Ehrensache. Für ihn ist Schirrmachers Text ein "heiliges Gebrechen". "Humbug" seien etwa die Ausführungen des "FAZ"-Herausgebers zum "kommerziellen Internet", Wael Ghonims Buch, "hochnotpeinlich" sei es, dass er die Autorinnen Naomi Klein und Naomi Wolf verwechsle. "Wann kapieren die hochrangigen Vertreter der klassischen Medien endlich, dass weite Teile ihrer aktuellen Leistungen bestenfalls die Note 'ausreichend' verdienen?", fragt Knüwer.

Vom Zeitzeugen zum Zeitgestalter

Patrick Breitenbach von der  Karlshochschule International University vermisst im Schirrmacher-Text die Frage, "ob die bisherige ökonomisierte Weichenstellung des Journalismus in den letzten Jahrzehnten - im Sinne von maximaler Wachstum durch Werbefinanzierung und Reduktion der Kosten - nicht zum eigentlichen langfristigen Ausbluten des Journalismus geführt hat." Neoliberales Gedankentum sei keine Erfindung der Netzkultur, so Breitenbach. Es sei an der Zeit, dass Journalisten von der Rolle der Zeitzeugen in die der Zeitgestalter wechseln und sich "mal ein paar lösungsorientierte Gedanken über ihre Zukunft machen". (sb, derStandard.at, 26.11.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schirrmachers Online-Kritik: "Scheitern ist Legion"

Share if you care.