Science-Fiction als Gegenwartsdoku

26. November 2012, 18:12
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Soziale und ökonomische Zusammenhänge lässt Ralo Mayer in Geschichten von gescheiterten Utopien und Science-Fiction gedeihen

Am Dienstag wird dem 36-jährigen Künstler der Otto-Mauer-Preis verliehen. Am Freitag startet eine Ausstellung im Jesuitenfoyer.

Wien - Ralo Mayers Faszination für die "Biosphere 2" reißt nicht ab: Mitten in der Wüste Arizonas lebten zwischen 1991 und 1993 acht Menschen autark im geschlossenen Ökosystem eines gigantischen Glashauses. Eine Welt im Kleinen. Auf 1,3 Hektar fanden 3800 Tier- und Pflanzenarten und acht der wichtigsten Biotope unseres Planeten - darunter Savanne, Sumpf und Meer - Raum. 200 Millionen US-Dollar machte Milliardär Edward Bass dafür locker. Ein einmaliges Experiment, das Erkenntnisse zu ökologischen Zusammenhängen, aber auch möglichen Weltraumkolonien liefern sollte. Eine gigantische Utopie. Gescheitert. Zumindest für den Moment.

Immer wieder taucht die Biosphere 2 in der Arbeit des diesjährigen Otto-Mauer-Preisträgers auf. Sie verknüpft sich mit seinem Interesse für Modelle und deren Fähigkeit, Wirklichkeit zu beschreiben. Mayer interessieren aber auch die Erkenntnisse, die diese alternative Lebensformen aus heutiger Perspektive für unsere Zukunft bereithalten. Die nächste Destination im Biosphere-2-Universum wäre der abendfüllende Kinofilm The Ninth Biospherian (gemeinsam mit Oliver Gemballa) - mehr künstlerisches Essay als Dokumentation. Die Zeichen für eine Realisierung stünden gut, sagt er.

"Ich verliere mich immer sehr in meiner Arbeit", sagt der 36-Jährige, der an der Wiener Akademie der bildenden Künste Konzeptkunst studiert hat. Deswegen passe die Biosphere 2 so gut. "Sie hat tausende Aspekte."

Etwa jenen, dass die Crew der Biosphere 2 aus einer Kommune und Performancegruppe hervorging. Mit einer klassischen Hippie-Kommune hatte die Gruppe, die sich Ende der 1960er-Jahre in San Francisco fand, jedoch wenig gemein, erzählt Mayer. Ihr Interesse galt ökologischen Projekten, die auf dem Synergie-Gedanken aufbauten, die also im Alltag das gemeinsame Hausbauen, Theaterspielen und einen ökonomischen Betrieb zu unterhalten, verbanden.

Eine wichtige Referenz war Buckminster Fuller, der insbesondere für seine geodätischen Kuppeln bekannt ist; deren Stabilität resultierte aus dem Zusammenwirken von relativ schwachen Einzelelementen. "Bei ihren ökologischen Projekten ging es darum, die Polarisierung zwischen Gesellschaft und Natur aufzuheben", denn das vom Mensch abgegrenzte Areal "Umwelt" existiert nicht. Und das fügt sich in Mayers Interesse für Bruno Latour. Nach dem ist es ein Missverständnis, dass Ökologie etwas mit Natur an sich zu tun hat. Vielmehr sei alles mit allem verbunden. Und auch dafür sei Biosphere 2, wo Natur, Technik und Gesellschaft zusammenspielten, ein Modell.

"Ich las das Buch eines Crew-Mitglieds, als sich mein Künstlerkollektiv 'Manoa Free University' gerade aufgelöst hatte. Da bauen Leute eine gemeinsame Welt und nach einigen Monaten reden sie nicht mehr miteinander." Es gäbe die Theorie, sagt Mayer, dass sie später nicht mehr die Zeit fanden gemeinsam Theater zu spielen, um Spannungen abzubauen. Diese gruppendynamischen Strategien hätten sie einst als Spinner erscheinen lassen, die niemand ernst nimmt. "Dass sie Kommunenmitglieder waren und keine ausgebildeten Wissenschafter, das wurde ihnen damals sehr stark vorgeworfen." Heute, wo in jedem Managementseminar Theaterübungen stattfinden, sehe das womöglich anders aus.

Diesen Stoff in Installationen und Filme zu übersetzen ist ihm wichtig. Mayer will über eine traditionelle Wissensproduktion hinauskommen. Film oder Ausstellung sei nicht Ergebnis einer künstlerischen Forschung, sondern die "performative Recherche" selbst. Im Idealfall verändere es Subjekte - sowohl Künstler als auch Betrachter.

Aber auch jenseits der Biosphere 2 sind Weltraum, Raumfähren und Science-Fiction wichtige Ingredienzen in Mayers Arbeit. "Science-Fiction interessiert mich seit der Kindheit, und es ist ein sehr gutes Mittel, um mit Leute zu kommunizieren." Über den Umweg der Science-Fiction könne man sie versteckt mit sehr irdischen Dingen konfrontieren. "Ich bezeichne die Science-Fiction ja gerne als Doku-Wolf im Schafspelz. Denn ein guter Science-Fiction-Roman ist eher eine Dokumentation über die Gegenwart." Während Philip K. Dick die Umbrüche in den USA der 1960er-Jahre beschrieb, sind es bei J. G. Ballard die Ruinen der Zukunft.

In Obviously a major malfunction, Mayers Ausstellung im Lentos, waren es zwei geplatzte Allausflüge: die Unglücke der Raumfähren Challenger (1986) und Columbia (2006). "Zwischen diesen beiden Daten veränderte sich die Welt völlig. Zwei Tage nach dem Columbia-Unfall war etwa Powells Rede vor dem UN-Sicherheit; der Irakkrieg beginnt wenig später." Gleichzeitig starten auch die Verschwörungstheorien, die Al-Kaida habe das Spaceshuttle abgeschossen. Solche Dinge setzen stets Narrationen in Gang, sagt Mayer. "Ich beschreibe das als Beschwörungstheorien, denn auch wenn sie falsch sind, erzählen diese Erklärungsmodelle sehr viele zusätzliche Dinge."

Die Raumfähren sind für Mayer Vehikel mit denen er Expeditionen in die Zeit unternimmt. "Das Spaceshuttle ist so ein Ding, das unsere Generation begleitet hat, als Symbol für Fortschritt und westliche Überlegenheit. Und dann stürzt das gleich zwei Mal ab. Und dennoch lebt die Faszination weiter, triggert es die Leute noch immer". Und das obwohl die Raumfähren eigentlich völlig absurd sind. Warum? Die Weltraumkolonien waren für die Amerikaner nach dem erfolgreichen, ersten "kleinen Schritt eines Menschen" am Mond, der nächste große Sprung in die Zukunft. Spaceshuttles hätten dann so wie Lkws oder Busse die Versorgung sichergestellt. "Aber dann kam Öl- und Finanzkrise sowie der Vietnamkrieg und es ging ziemlich bergab. Das Projekt der Weltraumkolonien wurde gestrichen. Seltsamerweise blieben die Spaceshuttle-Programme aber, obwohl sie ab diesem Zeitpunkt ein sinnloses Gefährt waren. Letzendlich eine Buslinie ohne Ziel." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langfassung, 27.11.2012)

Ausstellung Ralo Mayer im Jesuitenfoyer, Eröffnung 29.11., 19.30

Der Otto Mauer Fonds der Erzdiözese Wien verleiht seit 1981 den Msgr. Otto Mauer-Preis für bildende Kunst für das "gesamte bisherige Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers unter 40 Jahren". Als besondere Aufgabe sieht es die Einrichtung, "den Dialog zwischen Kirche, Kunst und Wissenschaft lebendig zu halten und weiterzuführen". Unter den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern befinden sich Erwin Bohatsch, Erwin Wurm, Gunter Damisch, Franz West, Peter Kogler, Brigitte Kowanz, Martin Walde, Lois Renner, Heimo Zobernig, Otto Zitko, Dorit Margreiter, Esther Stocker, Katrina Daschner und im Vorjahr Kamen Stoyanov. Mehr als 90 Vertreter aus dem zeitgenössischen Kunstbereich waren in den vergangenen Jahren in der jährlich wechselnden Jury vertreten. (APA)

  • Im Rahmen von Ralo Mayers "How to do things with worlds, 1, models and 
miniatures" (2006) begann der Künstler sich mit dem Projekt "Biosphere 2" zu 
beschäftigen.
    grafik: martin udovicic / foto: ralo mayer

    Im Rahmen von Ralo Mayers "How to do things with worlds, 1, models and miniatures" (2006) begann der Künstler sich mit dem Projekt "Biosphere 2" zu beschäftigen.

  • Ralo Mayer: Otto-Mauer-Preisträger 2012.
    foto: mascheks

    Ralo Mayer: Otto-Mauer-Preisträger 2012.

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