Habilitation: Gegenwart und Zukunft der höheren Qualifikation

Blog27. November 2012, 12:17
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Entweder wir schaffen die Habilitation endgültig ab oder wir geben ihr wieder den Stellenwert, den sie bis unlängst hatte

Mit der Habilitation erlangt man die so genannte Venia Docendi, die Erlaubnis zu lehren, wenn auch nur an jener Universität, die diese Venia „verliehen" hat. Die Habil ist so etwas wie eine Art von Adelung der WissenschaftlerInnen. Von nun an ist man frei (!) zu lehren, wissenschaftlich erwachsen, professorabel. Im Widerspruch dazu wird aber in den Berufungskommissionen sowie bei Evaluationen (z.B. RAD und Co.) die Lehrerfahrung und -qualifikation meist nur als Randnotiz angemerkt. Mehr noch: die Erlangung der Venia frei zu lehren basiert de facto ausschließlich auf erbrachte Forschungsleistungen.

Ein Widerspruch in sich? Diese Schwerpunktsetzung ist auch im geltenden Universitätsgesetz, dem UG 2002, implizit verankert. Wenn nun per Gesetz das Recht auf freie Lehre neben den didaktischen Fähigkeiten an die hervorragende wissenschaftliche oder künstlerische Qualifikation gebunden wird, ist die politisch oft geforderte Trennung von Forschung und Lehre hinfällig; die forschungsgeleitete Lehre bleibt oberster Maßstab.

Freilich bleibt dahingestellt, ob in den strikten, verschulten Curricula der Bologna-gemäßen Studien noch Platz für tatsächlich freie Lehre gegeben ist und ob durch die budgetären Engpässe die stetig steigende Lehrverpflichtung für viele Habilitierte nicht bereits als Last empfunden wird, weil in den (eigentlich vorgesehenen 40 Arbeitsstunden) vor allem die Forschung, aber auch die ebenso überbordende Verwaltung, die mit der letzten Reform eigentlich Vergangenheit hätte sein sollen, entsprechend Platz haben muss.

Cui bono?

Noch im Beamtendienstrecht war die Habilitation eng mit dem Erlangen einer pragmatisierten Stelle verbunden; sie ermöglichte einen quasi-automatischen Verbleib an der Alma Mater, der „Heimatuniversität", ohne dass eine tatsächliche Prüfung eines derartigen Planpostens unter Berücksichtigung des Bedarfes und der aktuellen Struktur der Forschungseinheit und der Studierenden durchgeführt wurde.

Befürworter dieser Verknüpfung argumentierten, dass kein strategisch gut geführtes Unternehmen (mit denen die Universitäten ja immer verglichen werden) seine besten MitarbeiterInnen nach teurer Ausbildung kündigen und an die Konkurrenz weiterreichen würde. Weiters hielt die Chance auf eine simultane Karriere- und Familienplanung ausgezeichnete Studierende an den Universitäten, ohne sie an die freie Wirtschaft zu verlieren.

Prekäre Zukunft

Gegner sprachen von vordergründiger Zubetonierung der geringen Planposten mit Altlasten, realer Hintergrund der Kritik war aber oft, dass man Habilitierte nicht mehr zu allen (unterqualifizierten) Arbeiten heranziehen konnte. Jetzt werden eben jene akademischen Leistungsträger am Höhepunkt ihrer Kreativität in eine riskante, oftmals prekäre Zukunft entlassen und es wird immer mehr die Frage aufgeworfen, wozu man sich den großen Mühen einer Habilitation unterziehen sollte.

In den vorwiegend deutschsprachigen Ländern, in denen noch eine Habilitation vorgesehen ist, ist sie keine gesetzlich notwendige Voraussetzung zur Erlangung einer Professur, aber je nach Fachdisziplin ein entscheidendes Kriterium für die weitere Karriere. Wenn junge KollegInnen hinterfragen, ob sie überhaupt dazu antreten sollen, kann trotz aller Kritik daran die Antwort nur lauten: Wenn in der Fachdisziplin so gelebt, dann ja; Widerstand ist kontraproduktiv.

Dazugehören zum Kreis

Die Habilitation repräsentiert einen Initiationsritus, dem es sich zu unterwerfen gilt, will man dazugehören zum Kreis der professorablen KollegInnen. Initiation bedeutet die Einführung eines Außenstehenden, des Anwärters, in eine Gemeinschaft (natürlich auch Frauen, wenn bei der Habilitation aber zahlenmäßig immer noch weit mehr Männer). Der Ritus der Habilitation, offiziell beginnend mit der Antragstellung bis zum Vortrag und der abschließenden Verlautbarung des Ergebnisses, ist eine mögliche Einführung, eine mögliche Eintrittskarte in eben diese Welt.

Aber: Sie ist keine Arbeitsplatzgarantie mehr. Ein kleines Postskriptum am Rande: Jeder Initiationsritus endet mit einer großen Feier. Während an den Universitäten bereits der unterste akademische Grad, der Bachelor, mit einer akademischen Feier durch DekanIn und PromotorIn gewürdigt wird, endet die letzte große Prüfung seitens der Universität heute damit, dass man sich nach Aufforderung einen weißen A4-Zettel aus einem Verwaltungsbüro abholt und die Entgegennahme bestätigt. Eine entsprechende Würdigung der Leistung, auf die die Akademie offiziell am meisten stolz ist, oder bereits ein Zeichen, dass dieser Initiationsritus keine Bedeutung mehr hat?

Morituri te salutant

Die Erfahrung als Mitglied zahlreicher Habilitationskommissionen lehrt, dass die Delinquenten eines Habilitationsverfahrens nicht nur von ihrer eigenen Leistung abhängig sind. Unabhängig vom vorgelegten Werk werden unausgesprochen die Anerkennung des Fachbereiches innerhalb der Fakultät, die ehemaligen und aktuellen Fachvorgesetzten oder die grundsätzliche methodische Ausrichtung mitbeurteilt. Im Guten wie im Schlechten.

Früher war die Zusammensetzung der Habilitationskommission ein weiteres Indiz, um nicht zu sagen Präjudiz, über den Ausgang eines Weges, der 6 Jahre lang mühsam beschritten wurde.

Charakter einer Meisterprüfung

Wird als Habilitationsschrift die Forschungsarbeit in Buchform vorgelegt, hat die Habilitation noch den Charakter einer Meisterprüfung: Das Meisterwerk wird gewürdigt und für professorabel oder nicht ausreichend beurteilt. Somit kommt bei der immer mehr zurückgedrängten Buchhabilitation der Kommission immer noch eine gewichtige Bedeutung zu. Die alternative Habilitationsform über die Vorlage einzelner Artikel, die kumulative Habilitation, ist am akademischen Vormarsch. Hier wird der Weg der wissenschaftlichen Entwicklung über Veröffentlichungen in hervorragenden internationalen Journalen, deren Ranking von der Scientific Community evaluiert.

Individuell definiert jede universitäre Einrichtung vorab eine Untergrenze der zu erreichenden Impact Points, einen Berechnungsmodus sowie Details wie z.B. die Anzahl der Punkte, die bereits aus der Dissertation stammen dürfen. Die Verantwortung wird immer mehr zu externen GutachterInnen (und somit die eigentliche Vorentscheidung in die Auswahl derselbigen) und weg von den Kommissionsmitgliedern (die es oft bevorzugen, sich auf die externen Gutachten zu berufen) verschoben. Diese Form der Veröffentlichung über Journale anstelle über Bücher hat sich auch in manchen Disziplinen als einzige - und tatsächlich sinnvolle - Alternative etabliert. Gilt dies aber für alle Fächer?

Freiheit der Forschung?

Das Sammeln von Gutpunkten für eine kumulative Habilitation führt zu einem ganz anderen Problemkreis: Ein Buch eröffnet Raum und Zeit für gesamtheitliche Konzepte, es ermöglicht freie Gedankenflüsse und kann zu innovativen, gänzlich neuen Ansätze und Erkenntnissen führen. Hingegen findet in den maximal 25-Seiten-Artikeln, die in den high-ranked Journals publiziert werden, eher Mainstream-Themen Anerkennung, es können nur die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden.

Die WissenschafterInnen werden indirekt gezwungen, nicht in Hinblick auf ihre freien Interessen, sondern in Hinblick auf ihre Karriere strategisch zu forschen, was langfristig eine Einschränkung und Reduzierung von Innovationspotenzial bedingt. Im Darwin'schen Sinne überlebt nicht immer das Schaffen von Kreativem und Neuem (insbesondere wenn es dem Mainstream widerspricht), sondern Durchhaltevermögen, Härte und Zielorientierung.

Love it, Leave it, or Change it

Lieben kann man die Habilitation nicht, sie ist ein höchst subjektiver und in dieser Form veralterter Maßstab von akademischer Leistung. Argumente wie Abhängigkeit von Kommissionen bzw. einflussreichen Personen, Hinauszögern der Karriere aufgrund ihres langen Zeitraumes, die steigende Beachtung habilitationsadäquater Leistungen (was ja als Maßstab eine Habilitation bedingt) oder die mangelnde Durchlässigkeit von Forschung und Praxis können nicht der Grund sein, sie generell als Evaluierungsinstrument abzuschaffen.

Also ist eine fundamentale Veränderung angesagt. Wir sind herausgefordert, die Rahmenbedingungen für derartige Qualifikationsschritte zu verbessern. Kurzfristige und mit einer kleinen Novelle des Universitätsgesetzes umzusetzende Veränderungen wären eine adäquatere Gewichtung der Qualifikationskriterien Lehre, Forschung und Engagement im Hochschul- und Bildungsbereich, eine Verbesserung der Transparenz durch jederzeitige Akteneinsicht der HabilitationswerberInnen und Berufungsverfahren in höhere Instanzen.

Eine Forderung, die der ULV auch für Qualifikations- und Laufbahnstellen fordert. Ein Ansatz findet sich bereits im Kollektivvertrag: Die Qualifizierungsstellen.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Das Problem der Habilitation, ebenso wie jeglicher anderer Qualifikationsschritte innerhalb der akademischen Laufbahn, ist nicht ohne integriertes Gesamtkonzept über so wichtige Bereiche wie Lehre, Forschung, Dienstrecht oder Finanzierung lösbar. Wir laufen wie Herdentiere einzelnen international erfolgsversprechenden Steuerungskennzahlen nach, die herausgelöst aus ihrem Gesamtzusammenhang und ihrer Rechtslage sinnentleert falsche Anreize für den akademischen Nachwuchs bieten und die universitäre Forschung langfristig schädigen. Wie in vielen anderen Bereichen der Politik übernehmen wir Strukturen und Ideen, die sich in anderen Ländern und somit unter anderen Voraussetzungen tatsächlich oder auch nur scheinbar bewährt haben. Dadurch schaffen wir ein nicht mehr in sich stimmiges und nicht mehr kompatibles Flickwerk, das schlussendlich schlechter ist als jedes in sich geschlossene und durchdachte (wenn auch in manchen teilen vielleicht suboptimales) System.

Die Diskussion um die Habilitation ist ein Symptom dieser Entwicklung. Entweder wir schaffen sie endgültig ab, zügig ohne langes Dahinsiechen, oder wir geben ihr wieder den Stellenwert, den sie bis unlängst hatte. Da letzteres aufgrund der internationalen Entwicklung in der althergebrachten Form nicht mehr möglich erscheint und auch von vielen Stakeholdergruppen nicht mehr als erstrebenswert erachtet wird, sollten wir uns rasch auf die Suche nach neuen Konzepten begeben.

Zukunft der Habilitation

Eine tiefe Diskussion über die PhD-Ausbildung oder die Evaluierungskriterien für Laufbahnstellen als Äquivalent ist überfällig und in den meisten Fachrichtungen bereits im Gange. Auch wird, vor allem in den so genannten MINT-Fächern, die Einbeziehung praxisrelevanter Aspekte verlangt.

Eine diesen Artikel abschließende Frage, die aber am Anfang jeglicher Diskussion über die Zukunft der Habilitation stehen muss, lautet: Wofür benötigen die Universitäten dieses Evaluierungsinstrument in der Zukunft? Oder sind nicht bereits stufenweise und regelmäßige Evaluierungen aller wissenschaftlichen Universitätsangehörigen gelebte Praxis? Folgt man den aktuellen Entwicklungen der Anstellungsverhältnisse an Universitäten, sind die traditionellen Differenzierungen zwischen den Planposten längst verschwommen. Sie decken sich immer mehr mit den jahrelangen Forderungen des ULV nach einem modernen Faculty-Modell. Und verlangt dadurch auch neue Evaluierungskonzepte. Dazu mehr in einem der folgenden Beiträge in diesem ULV-Blog UNI 2020. (Michaela Schaffhauser-Linzatti, derStandard.at, 27.11.2012)

Michaela Schaffhauser-Linzatti ist ao. Univ.-Prof. an der Universität Wien, habilitierte sich kumulativ im Fach Betriebswirtschaftslehre. Sie ist u.a. Studienprogrammleiterin, Mitglied des Betriebsrats und stellvertretende Vorsitzende des ULV an der Uni Wien.

  • Habilitation - Love it, Leave it, or Change it?
    ap photo/fabian bimmer

    Habilitation - Love it, Leave it, or Change it?

  • Michaela Schaffhauser-Linzatti  habilitierte sich im Fach Betriebswirtschaftslehre.
    foto: privat

    Michaela Schaffhauser-Linzatti habilitierte sich im Fach Betriebswirtschaftslehre.

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