Eine Lanze für den Schulsport

Kinder sollen in der Schule turnen können. Das hält sie gesund

Neulich auf dem Spielplatz. Da schaffte es eine Mutter wieder nicht, von der Kletterspinne wegzukommen. Oben hing das Kind, alberte mit den anderen kleinen Affen und überhörte die mahnend-ängstlichen Worte: "Pass auf, halt dich an, Vorsicht, dass du nicht fällst." Die Menschheit hat es deshalb so weit gebracht, weil uns die Natur mit extrem guten Instinkten ausgestattet hat. Kinderjahre sind ein bestens ausgetüfteltes Trainingsprogramm, bestehend aus Lauf-, Kletter- und Zweikampfeinheiten. 

"Kinder-Gefängnisse"

"Würde sich ein Erwachsener so viel bewegen wie ein Kind, wäre er zu Mittag fix und fertig", sagt Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung an der Donau-Universität Krems. Er nennt Gehschulen Kinder-Gefängnisse und mahnt alle Eltern, dass der Grundstein für die Entwicklung von Muskeln, Knochen und Gehirn in den ersten zwei Lebensjahrzehnten festgelegt wird.

Wer sich anstrengt, spürt Dopamin, das wiederum für Glücksgefühle zuständig ist. Das mögen die Nervenzellen und fördert die Konzentration. Und Konzentration braucht es bekanntlich beim Eintritt in die Volksschule. Im sechsten Lebensjahr beginnt "die Zeit des verordneten Sitzens", wie Holdhaus das nennt. Und weil Kinder unkritische Nachahmer sind, wird institutionell der natürlich-lebenswichtige Bewegungsdrang plötzlich als Problem eingestuft. Zappelphilipp-Syndrom, ADHS: Da schreien dann wieder die Kinderpsychiater Alarm.

Immer dicker und kränker

Besorgniserregend ist, dass die Politik sich dieser Verantwortung keineswegs bewusst zu sein scheint. Vor fünf Jahren hat das Unterrichtsministerium die verpflichtende Turnstunde in Schulen reduziert. Während Ministerin Claudia Schmied in ihrer Argumentation in den Dschungel der Schulpolitik abtaucht, werden Österreichs Kinder immer dicker und kränker.

Das wiederum konstatiert auch Gesundheitsminister Alois Stöger, doch mehr als mahnen will auch er nicht. Kein Verantwortlicher will Geld locker machen. In gut eingespielter Manier schieben sich die Ministerien die Verantwortung zu - Finanzministerin und Bundeskanzler haben weiß Gott andere Sorgen. Geldsorgen haben dadurch übrigens auch die Eltern, die - wenn sie verantwortlich sind ("mein Kind soll in der Handballmannschaft und nicht zu Hause siegen und verlieren lernen"), - das selbst finanzieren sollen.

Zum Sport bringen, ein bis zwei Stunden warten und dann wieder nach Hause fahren: Wer schafft das, wenn er oder sie berufstätig ist? Insofern: Bewegung und Turnen gehören in die Schulen. Die Forderung nach der "täglichen Turrnstunde" läuft bereits. Eine Unterschrift ist keine besonders sportliche Leistung. Aber wichtig. Also engagiert euch, Eltern. Jetzt. (Karin Pollack, DER STANDARD, Family, 27.11.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 60
1 2

Ich halts nicht aus:
Werte Frau Pollack, wenn man sich im Xten Lebensjahr befindet, ist man auf dem Weg X Jahre alt zu werden, man ist also X-1 Jahre alt. Da Kinder in Österreich die Schule üblicherweise mit 6 Jahren beginnen, beginnt "die Zeit des verordneten Sitzens" nicht im 6. sondern im 7. Lebensjahr. Das kann doch echt nicht so schwer sein, oder?
Besonders pervers wird das dann bei Artikeln über Sonnenschutz, wo dann gerne mal geschrieben wird, dass man Kinder vor dem 1. LJ nicht mit Sonnencreme eincremen soll ... genau, danke für die Info, dank dieser werden sich hoffentlich nicht mehr so viele Frauen in den Uterus greifen um ihre Föten einzuschmieren.

Eine nette Aneinanderreihung von Sätzen die Gefühle erwecken sollen und weit und breit kein Argument in Sicht.

"Die Menschheit hat es deshalb so weit gebracht, weil uns die Natur mit extrem guten Instinkten ausgestattet hat." - je länger man z.B. über diesen Satz nachdenkt, umso falscher wird er.

bibliothekar als sekundärer analaphabet

in sekunden lassen sich zumindest vier argumente aus dem artikel herauslesen: a) bewegung wird in früher kindheit erlernt, b) bewegung fördert das lernen, c) "kinder sollen im sport siegen und verlieren lernen" nicht zuhause und d) die sportaktivitäten von kindern können nicht "privatisiert", also nur den eltern überantwortet werden. wenn sie noch fragen haben, lassen sie sich den artikel von einem erwachsenen vorlesen und erklären.

Sie verwechseln reine Aussagen mit Argumenten. Aus diesen Behauptungen lässt sich alles mögliche ableiten, aber wie folgt die tägliche Turnstunde daraus?

Aber immerhin versuchen Sie sich an einem argumentum ad hominem. Leider nicht sehr überzeugend.

Leider unausgegoren.

Schulen wurden nie dafür ausgelegt wurden, für mehr als eine Doppelstunde pro Klasse pro Woche einen stinkenden Turnsaal mit versiffter Umkleide zur Verfügung zu stellen.

Wie sollen die Schulen von heute auf morgen ihre Turnsaalkapazität vervierfachen? [1 Stunde pro Klasse pro Tag]

Oder stellen sich die Leute einen Appell im Freien vor, wo sie mit der Trillerpfeife vor 1500 in Reih und Glied angeordneten Schülern stehen und Befehle schreien, wie in Nordkorea?

Und: Schon jetzt ist der Sportunterricht oft miserabel: Körperlich fertige, desinteressierte Kaffeesäufer lassen Fußball spielen und schauen zu, wie die Kleinsten verdroschen werden. So treibt man den Kindern das Interesse an Bewegung endgültig aus.

Den einsatz möchte ich mal für mehr mathematik oder andere naturwissenschaftliche fächer sehen! Aber hierzulande ist man ja cool wenn man sagt man war zu blöd für mathe. Und dass die schüler immer schlechter lesen und schreiben können stört zum glück auch kaum wen. Ist ja auch kein wunder, die Pisaergebnisse muss man ja zuerst lesen und verstehen können um sich drüber aufzuregen.

Der Text überzeugt mich nicht.

Der Bewegungsdrang von Kinder sollte im Alltag integriert ausgelebt werden. Dafür eine "fixe Insel" von grad mal ein paar Minuten im Schulprozess zu finden, ist zum Einen (a zu wenig, zum Anderen b) zu viel Aufwand.

Zu wenig: Wir glauben doch nicht, dass die paar Minuten tatsächlich den Kindern dabei helfen, ihren Bewegungsdrang erschöpfend auszuleben? Und schlanker werden die dicken Kinder dadurch auch nicht. (Hier bräuchte es wohl eher eine Ernährungsumstellung im Elternhaus.)

Zu viel Aufwand: Jeden Tag eine Sportstunde bedeutet, dass die Kinder dann bald mal fast den ganzen Tag in der Schule sind. Und grundsätzlich: Es gibt entscheidendere gesellschaftliche Defizite, denen man schulisch begegnen sollte

bin ich auch der meinung
ich hasste turnen bin aber durchaus sportlich
nur fußball kotzt mir durch den magen
und die überbezahlten einfallsreichen sportprofessoren kannten leider nix anderes außer fußball.
für mich war das reine zeiverschwenung ich saß in der tunstunde dumm rum machte hausübung oder sowas.
privat muss man sport machen und das sollten die eltern fördern und das beginnt schon lange vor der schule

Als Beispiel für entscheidender gesellschaftliche Defizite, braucht man ja nur u.a. auf Felix Baumgartner verweisen: Hammerkondition und austrainiert... und sieht in einer gemäßigten Diktatur eine gute Herrschaftsform... ;)

Ja, deshalb wäre ich für eine tägliche Turnstunde am späten Vormittag, oder wenigstens eine lange Spielplatzpause. Etwas Zeit zum Umziehen müsst halt zusätzlich gegeben werden. Wie oft liest man, besser wenig Sport jeden Tag, als wöchentlich die große Kraftprobe. Natürlich sollte die wöchentliche Doppelstunde auch nicht fehlen, dass man mal coole Pacours aufbauen oder in die Au wandern kann.

Schule, auf die Plätze!

Wenn die echten Sportfreaks auf den Schulsport angewiesen wären, würden sie vor Langeweile sterben. In meiner Kleinstadt scheint sich dank großer privater Initiative viel zu tun. Nur wenn ich mich an Ihre Erfahrungen in Wien erinnere, ist das Argument der Artikel-Autorin über das Problem mit dem Hinbringen auch plausibel.
Beim Argument mit dem ADHS wär ich fast vor Freude ausgezuckt -- auch wenn übermäßige Bewegungslust einen (Nachhilfe)lehrer schon mal gewaltig aus dem Konzept bringen kann. Es gibt nebenbei auch Leute, die einsamen Sport ziemlich langweilig und sinnlos finden - ich gehöre auch dazu; und es mag auch unter den ganz Jungen Vertreter dieser Spezies geben - zumal man sich mit der vielzitierten Konsole in einem virtuellen Wald

Schulsport ja, aber nicht mit diesen Lehrern. Meine Tochter ist in der Turnstunde massiv unterfordert. Wass sollen Sitzfußball und ähnlicher Schwachsinn für Übungen sein. Wenn sie anderes fordert, wird sie diszipliniert. Schulsport nein danke. Die Turnlehrer haben keine Ahnung vom Sport.

Mit Verallgemeinerungen

kommen wir aber auch nicht weiter!

... mit Alibiaktion auch nicht.

nicht besser

als nix?

Nein. Weil ich befürchte, dass durch das mehr an Unterrichtsstunden der Druck auf die Kinder noch mehr steigt und die verbleibende Frei- bzw. mögliche Zeit für qualitativen Sport auf ein Minimum beschränkt wird. Erinnert an das jahrelange Verschlimmbessern der Lehrpläne.

Ich erachte die Forderung nach mehr Schulsport für sinnvoll. Warum? Weil eine Ausübung einer Sportart im Verein für einen jungen Menschen (10-18 Jahre) wochentags nur schwer zu schaffen ist - ich spreche aus eigener Erfahrung. In der Unterstufe noch eher, aber sobald man in eine spezialisiertere Ausbildung gehen will (HTL, HAK,...) - No way. Zum einen steht da der ohnehin schon zeitweise extrem lange Schultag + Heimfahrt, somit ist man dann garnicht zu Hause, oder aber etwaige Projekte, Hausaufgaben, etc. Nur mit Glück bringt man das dann auch noch unter.

Schulsport aber bitte nur, wenn das Angebot stimmt. Zweistündiges Zirkeltraining nach der Schule macht den wenigsten Jugendlichen Spaß!

Nicht die Gehschule ist ein Kindergefängnis, sondern die Ganztagsschule. Sämtliche Freiheit und Bewegung wird den Kindern damit ausgetrieben. Ja, im Turnsaal bewacht und unter Anleitung, da dürfen sie sich bewegen, aber sonst ist der Spaß vorbei!

Und die verpflichtende tägliche Turnstunde gibt es als Ausgleich dafür. Als ob das ein Ausgleich wäre...

Man verzeihe mir meinen undifferenzierten Blick auf diese Sache - ich bin am Land aufgewachsen und da gab und gibt es noch heute diese Freiheit, die ich Kindern gerne zugestehen würde.

In einer Stadt ist das natürlich schwieriger. In einer verpflichtenden Ganztagsschule werden aber alle undiffernziert über einen Kamm geschoren.

Alles total verkehrt.

Lasst die Eltern sich um den Sport und die Bewegung der Kinder kümmern, dafür sollte das Lernen wieder in von zuhause in die Schule verlagert werden.

in der schule meines sohnes

wird die turnstunde ausgelassen, als strafe, weil die klasse nicht gespurt hat.

die lehrerin ist erst mitte zwanzig, hat eine einstellung wie mit hundert und ist streng wie fräulein rottenmaier. das ist die schule von heute, ärger als vor 20 jahren.

ja, es ist unheimlich wichtig, dass man das kind mit dem auto bis vors schultor karrt und von dort auch wieder abholt (rein der sicherheit wegen natürlich, es trägt ja bekanntlich ungemein zur allgemeinen sicherheit bei wenn sich zig überforderte autofahrerInnen mit ihren überdimensionalen autos um den bessten platz vorm schultor drängen). Der bewegungsmangel muss natürlich von den lehrern in der schule ausgeglichen werden. Dann gehts ab mit dem auto zur außerschulischen sportstunde, schließlich ist bewegung wichtig!
Schließlich tut Kinder die ihre wege zu Fuß und mit öffis erledigen ja nicht genug für die wirtschaft...

Diese Kritik ist grundsätzlich berechtigt, ihr blinder Hass auf Autofahrer zeugt aber von keinem sehr differenzierten Denken.

Zwischen Sport und mit der U-Bahn heimfahren (inkl. kurzem Zwischenstopp beim Kebapstandl) liegen Welten.

Der Sporrrt,

soll endlich wieder denselben stellenwert in den Schulen haben wie vor 70 Jahren ;)

So ähnlich kommt mir diese Forderung vor. Und welchen nutzen sollen diese Turnstunden haben, wenn es wirkliche viele Turnlehrer gibt, deren Unterrichtsführung auch nicht unbedingt zur bewegung ermutigt.

Posting 1 bis 25 von 60
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.