Neues Journal: Die Lust am Denken befreien

26. November 2012, 13:33
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Die vielkritisierten Peer-Review-Verfahren halten vor allem Jungwissenschafter davon ab zu publizieren. Ein Wiener Kollektiv von Philosophen hat eine Alternative geschaffen: ein Queer-reviewed-Journal

Wien - "Publish or perish" lautet die vielrezipierte Devise, die die Strahlkraft eines Wissenschafters an der Länge seiner Publikationsliste misst. Bloß zu publizieren ist dabei noch nicht genug: Auch auf die Reputation der Zeitschrift kommt es an.

Das sogenannte Peer-Review-Verfahren, das den Anspruch erhebt, wissenschaftliche Texte an vermeintlich objektiven Kriterien zu messen, hat sich zunächst in den Naturwissenschaften etabliert. Zunehmend setzt es sich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften durch.

Bei den Peer-Review-konformen Beiträgen handelt es sich zumeist um Texte, die "weder stilistisch noch in ästhetischer Hinsicht etwas wagen können", meint Elisabeth Schäfer. Gerade in der Philosophie bedeute das eine Einengung, "die nichts Gutes bringt".

Durch die Unsäglichkeiten, die das Peer Review in die Philosophie einschleppt, sah sich die frisch promovierte Philosophin mit einigen Kolleginnen und Kollegen zu einem mutigen Unterfangen aufgerufen: einem Queerreviewed-Journal. Morgen, Freitag, erscheint die erste Ausgabe von Sublin/mes unter dem Titel "wir versprechen wieder was".

Werkzeugkasten

Neben neun philosophischen Texten, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Versprechen beschäftigen, beinhaltet das Heft ein Manifest, einen philosophischen Werkzeugkasten mit Zitaten, die der "Weiterverarbeitung" dienen sollen, und einem herausnehmbaren Kunstwerk.

250 Stück werden an verschiedenen Lokalen und Universitäten in Wien gratis verteilt, in drei Wochen wird das komplette Heft online verfügbar sein, zudem können per E-Mail Printexemplare bestellt werden.

Auch die kostenlose Verbreitung resultiert aus der Kritik an den traditionellen Peer-reviewed-Journals, die ihre Texte oftmals zu "unverhältnismäßig hohen Preisen verkaufen", meint Schäfer. "Die Frage ist nicht, ob philosophische Zeitschriften nicht auch etwas kosten dürfen - aber sie müssen nicht immer etwas kosten und sollten freier zugänglich sein."

Und wie sieht nun das Queer-Review-Verfahren aus? Schäfer: "Das Ziel ist, etwas zu schaffen abseits vom Peer-reviewed-Stil. Für uns ist die Frage des Stils keine Frage von Dekoration, sondern sie hat inhärent mit Inhalt und Aussage zu tun." Bei der Auswahl setzt das Herausgeberkollektiv, das sich "Philosophieren von unten" nennt, auf persönlichen Austausch und Diskussionen in offenen Redaktionssitzungen.

Auch will sich Sublin/mes als "konkurrenzlos" verstanden wissen. Die Zeitschrift will sich nicht als Gegenspielerin von anderen sehen, sondern "auch andere dazu auffordern, selbst Journals zu gründen". Denn wie es im Manifest heißt: "Philosophieren von unten will endlich und unendlich wieder die Lust am Schreiben und Denken befreien." (Tanja Traxler, UNISTANDARD, 22.11.2012)

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