Rationalität und Moral: Das Internet als Spickmaschine

Gastkommentar26. November 2012, 11:11
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Unehrlichkeit ist ansteckend. Nicht die Angst vor Bestrafung hält uns zurück - entscheidend ist die Moral

Kürzlich ist in der amerikanischen Zeitschrift "Chronicle of Higher Education" ein Beitrag erschienen, demzufolge Studenten bei Fernkursen eher betrügen als im Hörsaal. Einer der Studenten, nennen wir ihn Bob, war im Fernstudium für eine naturwissenschaftliche Vorlesung eingeschrieben. Bob hat sich einmal pro Woche für 30 Minuten eingeloggt, um seine Prüfungen abzulegen. Er hat kein einziges Wort des Lehrbuches gelesen, sich nicht an Diskussionen beteiligt und trotzdem eine Eins kassiert. Geschafft habe er das, so Bob, mithilfe eines gemeinschaftlichen Spickverfahrens. Interessant daran ist, dass Bob gleichzeitig an einer regulären US-Universität eingeschrieben ist, fleißig in den Vorlesungen mitarbeitet und von sich sagt, dass er bei Prüfungen normalerweise nicht betrüge. Angesichts seines vollen Zeitplans sei die mühelose Bestnote an der Fernuni aber einfach zu verlockend gewesen.

Betrug macht betrügerisch

Bob ist repräsentativ für einen Teil der Studenten, der es geschafft hat, den Kontrollen an Universitäten immer einen Schritt voraus zu sein. Diese haben in den letzten Jahren nämlich einiges unternommen, um Betrügern das Handwerk zu legen. Online-Prüfungen müssen häufig unter Zeitdruck abgelegt werden, und Fragen generieren sich per Zufallsprinzip aus einer großen Datenbank möglicher Aufgaben. So bekommen zwei Studenten nie genau den gleichen Test vorgesetzt.

Doch die Vorkehrungen haben zwei ­potenzielle Lücken: Erstens wurden die Studenten in Bobs Fall in Echtzeit darüber informiert, ob eine Antwort richtig oder falsch war. Zweitens konnten sie den Test zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl ablegen. Bob und seine Freunde entwickelten ein System, das genau diese Schwächen ausnutzt. Einer nach dem anderen hat die Prüfung abgelegt und dabei in einer Internet-Tabelle vermerkt, welche richtigen oder falschen Antworten sie auf welche Fragen gegeben haben. Keiner der Studenten hatte für die Prüfung gelernt, und die ersten Probanden sind glatt durchgefallen. Doch die Studenten, die sich später einloggten und bereits auf eine wachsende Datenbank zurückgreifen konnten, haben sich überraschend gut geschlagen.

Die Gründe für solche Betrügereien erscheinen oft simpel: Wenn niemand Aufsicht führt und man das gesamte Internet als potenzielle Spickmaschine zur Verfügung hat, braucht es nicht viel kriminelle Energie, um auch aufrichtige ­Studenten zum Schummeln zu verleiten. Lange vorbei sind die Tage, in denen man sich Formeln noch heimlich auf kleine Zettel, in die Handflächen oder auf die Innenseite der Baseballmütze schreiben musste. Heute kann man bequem zu Hause sitzen, sich die Antworten aus dem Netz besorgen und den Test ausfüllen.

Wir können uns wahrscheinlich darauf einigen, dass diese Form des Spickens vor dem Computer einfacher ist als im Klassenzimmer. Aber ich glaube, dass die Gründe für kleine Betrügereien deutlich tiefer liegen und sich nicht darauf reduzieren lassen, dass man im Fernstudium weniger leicht erwischt werden kann.

Folge von Distanz?

Mit einigen Kollegen habe ich untersucht, wie sich das Bloßstellen eines Betrügers auf seine Unehrlichkeit auswirkt. Wir haben festgestellt, dass es für den Grad der Unehrlichkeit kaum eine Rolle 
spielt, wie leicht man erwischt werden kann. In 
einem Experiment haben wir mit zwei Studentinnen der israelischen Ben-Gurion-Universität zusammengearbeitet: Der blinden Eynav und ihrer sehenden Kommilitonin Tali. Wir haben die beiden gebeten, 20 Mal mit dem Taxi zwischen dem Bahnhof und dem Campus hin und her zu fahren.

Wenn der Fahrer ganz normal nach Taxameter abrechnet, kostet eine Fahrt 25 Schekel. Aber im Lauf der Zeit hat es sich eingebürgert, dass ein Fahrer 20 Schekel kassiert und dafür das Taxameter ausgeschaltet lässt. Eynav und Tali haben die Fahrer dennoch jedes Mal gebeten, mit eingeschaltetem Taxameter zu fahren. Ein ehrlicher Taxifahrer würde seine Kunden auf den niedrigeren Preis hinweisen und auch nur 20 Schekel abkassieren. Ein unehrlicher Taxifahrer würde entweder von beiden Frauen 25 Schekel kassieren oder mit der blinden Probandin Eynav sogar einen Umweg fahren, um die Laufzeit des Taxameters auszudehnen.

Wir wollten untersuchen, wie viele Taxifahrer tatsächlich den höheren Preis verlangen würden. Bei der Auswertung haben wir dann bemerkt, dass Tali mehr bezahlt hat als die blinde Eynav, obwohl beide jedes Mal den Taxameterpreis bezahlen wollten. Eynav hatte dafür auch eine Erklärung: "Ich habe gehört, dass die Fahrer das Taxameter jedes Mal zu Beginn der Fahrt angeschaltet haben. Aber bevor wir am Ziel angekommen waren, haben sie es wieder ausgeschaltet, als der Preis etwa bei 20 Schekeln lag." Tali ist das nie passiert.

Wir können daraus zweierlei Schlussfolgerungen ziehen: Zum einen haben die Taxifahrer ­Eynavs Blindheit nicht ausgenutzt. Zum anderen haben manche Fahrer sogar auf einen Teil des eigenen Verdienstes verzichtet, um im besten Interesse der blinden Kundin zu handeln. Das zeigt uns, dass der Grad der Unehrlichkeit nicht einfach dadurch ansteigt, dass man weniger leicht erwischt werden kann. Die meisten Taxifahrer haben ihrer Entscheidung also keine rationale Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde gelegt.

Doch wenn die sinkende Furcht vor der Entblößung nicht der Grund für einen Betrug ist, welche andere Erklärung können wir liefern? Ich nehme an, dass es vor allem mit der zunehmenden psychologischen Distanz zwischen unehrlichen 
Handlungen und dem dadurch angerichteten Schaden zu tun hat. Es ist immer wieder überraschend, welche Folgen Distanz haben kann.

Verhaltensweisen, die moralisch verwerflich waren, werden ganz normal

Was hat das jetzt mit Bobs Fernstudium zu tun? Online-Seminare werden aus der Ferne abgearbeitet, oftmals aus dem heimischen Wohnzimmer und ohne dabei dem Lehrer oder den Mitstudenten jemals in die Augen sehen zu müssen. Das macht es nicht nur unwahrscheinlicher, beim Spicken erwischt zu werden, sondern führt aufgrund der psychologischen Distanz auch zu einer Absenkung unserer moralischen Standards. Das ist der Kern des Problems.

Es gibt übrigens noch einen Grund, warum wir uns dafür interessieren sollten, ob Betrug vor allem von der Gefahr einer Entdeckung oder vom intuitiven moralischen Wert einer Handlung abhängt. Wenn wir rational denkende Wesen wären und vor jedem Betrug eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen würden, bräuchten wir uns keine Sorgen zu machen. Denn mit der Zeit werden Fernuniversitäten bessere Wege und Technologien finden, um Betrug effektiv zu unterbinden. Wenn der entscheidende Faktor aber unsere ­moralischen Werte sind, arbeitet die Zeit gegen uns. Immer mehr Handlungen und Interaktionen finden heute über wachsende Distanzen hinweg statt.

Illegale Downloads sind dafür ein gutes Beispiel. Heben Sie die Hand, wenn Sie schon einmal einen Song oder eine Fernsehsendung illegal heruntergeladen haben. Und, haben Sie sich dabei schlecht gefühlt? Wenn ich meine Studenten danach frage, geben fast alle zu, dass sie illegal Musik downloaden und sich dabei nicht als Täter fühlen. Betrug, so scheint es, gleicht einer Skala: Manche Verhaltensmuster erscheinen uns als falsch, und unser Moralempfinden sorgt dafür, dass wir ihnen ­widerstehen. Aber je üblicher Betrug in einem bestimmten Kontext wird, desto weniger schlecht fühlen wir uns, wenn wir ebenfalls betrügen. Verhaltensweisen, die einmal moralisch verwerflich waren, werden irgendwann ganz normal.

Bobs Verhalten macht mir Sorgen, weil es immer häufiger anzutreffen ist. Wenn wir erst einmal an einem Punkt der moralischen Gleichgültigkeit angekommen sind, ist es fast unmöglich, unser Verhalten zu ändern. Ich glaube nicht, dass wir schon so weit sind. Unsere Aufgabe ist daher, diesem Trend zur Unehrlichkeit entschlossen entgegenzutreten. (Dan Ariely, derStandard.at, 26.11.2012) Übersetzung aus dem Englischen von TheEuropean.

Dan Ariely The European, ist Professor für Psychologie und Verhaltensökonomie an der Duke University. Er ist Autor des 2012 erschienenen Buches "Die Wahrheit über die Unehrlichkeit".

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