Ganztagsschulen: Schweden im Praxistest

Leserkommentar |

Nachmittagsbetreuung in Österreich und Schweden: wo liegen die Unterschiede?

Als Reaktion auf das Standard-Interview mit der schwedischen Pädagogin Marie Holm würde ich gerne meine persönliche Perspektive einbringen. Ich arbeite derzeit als Lehrerin in Schweden möchte aus meiner Alltagserfahrung einige Punkte anführen, die zeigen, was eine Ganztagsschule schwedischen Modells bedeutet und welche Vergleiche zu bestehenden Modellen in Österreich möglich sind.

Um den direkten Vergleich anschaulicher zu gestalten, sehen wir uns je eine (mögliche, aber imaginäre) Unterrichtswoche in Schweden und Österreich an. Pelle und Lisa besuchen wie ihre österreichischen Schulkollegen Anton und Maria die vierte Klasse Volksschule. Pelle und Lisa sind elf und Anton und Maria zehn Jahre alt (in Schweden beginnen die Schüler die erste Klasse mit sieben Jahren, deswegen sind alle in Pelles/Lisas Klasse elf Jahre alt). Und so sieht in etwa die Schulwoche für die Kinder aus:

Frage des morgendlichen Schulbeginns

  • Für Anton und Maria ist jeden Tag um acht Uhr Schulbeginn, für andere SchülerInnen in Österreich sogar schon etwas früher.
  • Generell beginnt für Pelle und Lisa der schwedische Schultag um 8:30 Uhr, an einem Tag in der Woche müssen sie eigentlich erst später in der Schule sein - der Unterrichtsbeginn ist dann erst 10 Uhr. Das klingt toll, aber dummerweise müssen beide trotzdem um 8:15 Uhr im Schulgebäude sein, weil es die Eltern sonst nicht rechtzeitig in die Arbeit schaffen. Deswegen sind sie an Tagen mit späterem Unterrichtsbeginn vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn im schwedischen Pendant zum österreichischen Hort und spielen dort mit ihren Freunden.

Im Stundentakt zum Lernerfolg

  • Anton und Maria haben 24 Stunden Unterricht pro Woche, und jede Unterrichtseinheit dauert genau 50 Minuten. Zwischen den Stunden gibt es immer Pausen, zwischen 5 und 20 Minuten lang. Normalerweise endet der Schultag spätestens um 13:30 Uhr, aber an einem Tag in der Woche ist um 11:50 Uhr Schulschluss. Da die Eltern arbeiten, gehen die beiden Zehnjährigen nach Unterrichtsschluss noch in den Hort, wo sie vom Hortpersonal betreut werden. Meistens essen die beiden mittags im Hort. (Viele der österreichischen Hortbetreuer sind Elementarpädagogen und haben hinsichtlich der Ausbildung beispielsweise einen BAKIP-Abschluss.)
  • In Schweden werden Pelle und Lisa 22 Stunden pro Woche unterrichtet, aber das kann schulautonom auch stark voneinander abweichen. Die Pausen sind ganz unterschiedlich lang, dauern aber mindestens zehn Minuten und maximal 30 Minuten. Auch die Unterrichtseinheiten sind verschieden lang, manche Lektionen dauern 30 Minuten, andere bis zu 90 Minuten (aber da haben sie eine Pause während der Stunde, ohne dass das im Stundenplan vermerkt ist).

Zu Mittag geht Pelles und Lisas Klasse gemeinsam mit der Klassenlehrerin zum Mittagessen in die Mensa - zum Mittagessen und zum nachher Spielen haben sie zwischen 50 und 80 Minuten Zeit.

Freizeitpädagogen mit Bachelorabschluss

Nach dem Mittagessen gibt es für Pelle und Lisa oft noch eine Unterrichtseinheit. Ihr Schultag endet dann zwischen 12:40 und 14:30. Auch Pelle und auch Lisa sind nachher im Hort, wo sie von Freizeitpädagogen betreut werden, die in Schweden oft einen Bachelor von der Universität haben.

In Österreich müssen Antons und Marias Eltern für den Hort einen gewissen Betrag bezahlen und es sollte auch erwähnt werden, dass nicht alle Volksschulen Fixplätze in einem Hort oder einer Nachmittagsbetreuung zusichern können.

Im Vergleich dazu ist die Freizeitbetreuung für schwedische SchülerInnnen oftmals (aber nicht immer) gratis, da die Kommune sie übernimmt. Es gibt auch Planplätze für eigentliche alle Schüler bis zur sechsten Schulstufe, um die meist ganztätig arbeitenden Eltern zu entlasten.

Ganztags in der Schule für alle, die wollen

Welches Modell würde ich als Österreicherin mit Unterrichtserfahrung in Schweden wohl als Ganztagsschule bezeichnen? Ich persönlich tendiere eigentlich dazu, beide Modelle "Schule mit Nachmittagsbetreuung für alle, die wollen" zu nennen. Das führt uns zu eigentlichen Frage in der Diskussion um die Ganztagsschule, mit der wir dann auch sofort ein wenig das Feuer aus der Diskussion nehmen könnten:

Wie finanzieren wir so viele schulische Nachtmittagsbetreuungsplätze wie möglich, und wie können wir genügend qualifiziertes Personal für die Nachmittagsbetreuung gewinnen?

Denn nur die Antwort und das Engagement in diesen Fragen wird auch wirklich dazu führen, dass ein Modell Ganztagsschule vielen Kindern und Eltern zur Verfügung steht. Ansonsten halten wir es beim Status Quo - wer Glück und Geld hat, der hat auch jetzt schon eine Schule mit Nachmittagsbetreuung für seine Kinder gefunden. (Leserkommentar, Tatjana Atanasoska, derStandard.at, 26.11.2012)

Tatjana Atanasoska lebt derzeit in Schweden, wo sie nach ihrem Studium (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Sprachwissenschaft) als Lehrerin arbeitet.

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Das beschriebene österreichische Modell ist aber keine Ganztagsschule.

In Wien dauert der Unterricht in einer Ganztagsschule von 8:00 bis 15:30. Wobei sich Unterricht, Freizeitaktivitäten und Lernzeit abwechseln. In dieser Zeit kümmern sich die Lehrer intensiv um die Kinder (d.h. keine betreute "Hausübungszeit"). Hausübungen sind in der Regel keine mehr zu Hause zu machen. (Außer das Kind schafft das Pensum in der Schulzeit nicht)
Ab 15:30 kann man in der mir bekannten Volksschule zwischen 16 (!) unterschiedlichen Freizeitaktivitäten wählen (Tanzen, Singen, Fussball, Handball, Basteln, Sprachen ..) oder einfach nur die Nachmittagsbetreuung bis 17:30 besuchen.
Die "gute" Ganztagsschule es gibt sie bereits. Hängt aber auch von Leitung und Lehrern ab.

also, was jetzt?

Entweder Ganztagsschulen oder Nachmittagsbetreuung..!
Das sind Äpfel und Birnen!
Wenn man/frau schon darüber schriebt, sollte sie den Unterschied schon kennen ...

Genau lesen

Diese Frau kennt den Unterschied. Sie zeigt aber auf, dass im Ganztagsschul-Vorzeigeland Schweden in Wirklichkeit eine ganz spezielle Form der "Ganztagsschule" vorherrscht, die Sie als Nachmittagsbetreuung deklarieren würden - die also gar keine Ganztagsschule ist.
So viel zum Vorbild.
Michael

In der Praxis sind also kaum Unterschiede ausmachbar.

Vielleicht reicht es den Politikern schon, wenn man den Namen einfach anpasst. Hat ja bei der Hauptschule auch geklappt. 2 Leistungsgruppen wegsparen und dafür einen Zusatzlehrer reinstellen.
Wieso müssen alle Volksvertreter ständig das Rad neu erfinden?

Der zweite Lehrer wird jetzt eh eingespart, nur mehr 6 Stunden pro Klasse sind dafür vorgesehen. Also klassisch gespart! Keine Leistungsgruppen mehr, alles in einer Klasse mit einem Lehrer, vom ASO-Schüler bis hin zum echten 1.LG-Kind. Hurra.

na gott sei dank hat man diese unseligen leistungsgruppen (auf welche schulversuche bereits jahrzehnte lang verzichteten) endlich abgeschaft! die waren nur dafür gut dass sich schlechte lehrer abputzen können! und haben kinder in einer gruppe nochmals sozial eingeteit und doppelt "beurteilt" anstatt ihnen etwas beizubringen!

Hausübungsklasse ...

Ich muss für meien Sohn jetzt einen Hortplatz suchen, da in der Ganztagsschule keine Hausübungsbetreuung stattfindet.

Die Kinder werden zwar von den Lehrerinnen betreut und es gibt auch eine Hausübungszeit, aber es wird nur kontrolliert, ob die Kinder anwesend sind - die Richtigkeit und/oder Vollständigkeit wird nicht kontrolliert, nicht mal, ob sie überhaupt etwas machen - nur ob sie anwesend sind.

Und da mein Kleiner ein Schussel ist und öfter mal etwas vergisst, wäre es eben gut, wenn die Lehrerinnen auch kontrolieren würden, ob die HÜ zumindest vollständig ist. Ich weis nicht, ob er etwas vergessen hat.

Also lieber Hort als Ganztagsschule - die Horterzieherinnen kontrollieren das.

Hausübungsklasse

Bei uns lernen die hausübungsklassenaufpasserinnen auch nicht mit den Kindern.

Die Kinder dürfen allerdings fragen, wenn Sie was nicht verstehen. Und natürlich können die Kinder andere Kinder fragen, was ich ansich am richtigsten finde.

Allerdings ist es nicht so, dass mit den Kindern richtig gelernt wird. Für mich ist das ansich ok, weil ein Kind auch selbständig lernen lernen muss. Da das schon vom sechsten lebensjahr gemacht wird, klappt das recht gut.

Meiner ist nun zehn und wir machen nur noch die sachen, die er nicht selber lösen konnte und vorbereitung auf test.

Wer die Intelligenz der Schweden nach Österreich bringen will,

Reduziert einfach das Bildungsniveau.

Ich mag Schweden, bin aber leider der Erfahrung, dass intelligente, allgemein umfassend denkende Menschen dort zur Elite gehören....

Waren Sie schon mal in Österreich?!

Sie meinen da die soziale Kompetenz. Die ist in Schweden eindeutig höher...

Wie gesagt, es ist nicht weit zum Absägen des Lernwissens.... Man muss nur jedes Jahrzehnt ein paar Stufen hinunter fallen.

Und in Schweden ist der Lehrer Schuld, wenn er den Schüler nicht motivieren kann, zu lernen, um gute Noten zu bekommen. Was ist die Lösung: der Schüler bekommt die gute Note trotzdem, weil dem Gesellschaftlichen outcast, ein zu strenger Lehrer zu sein, das will sich niemand antun. Da ist man lieber ein lieber Lehrer und verzeiht alles....
Ist aber klar, dass dann der Wissensstand intelligenzmässig das Nachsehen hat.

Einer der grössten Gefahren der Beurteilung durch Schüler. Aber mir ists wurscht. Ich hoff, ich bin auf die Jugend nur soweit angewiesen, dass ich mit den Gebildeten Umgang habe.

Belgien - Praxis Beispiel

In Belgien dauert die Volkschule vom 6ten bis zum 12ten lebensjahr.

Davor bekommt jedes kind einen Kindergartenplatz ab dem dritten lebensjahr. Vor dem dritten lebensjahr kommen die Kinder in eine Kindergrippe.

Die Kinder haben von 8:30 - 15:00 Unterricht. Ab 10 von dann von 8:25 bis 15:30

Danach gibts den Hort (imkl 1 Stunde Hausübungklasse) und in der Regel auch ausserschulische Aktivitaeten wie Tanzen, Fussball, ect.

Die Schüler bekommen keine Noten sondern prozente. Am Jahresende bekommt man eben eine prozentzahlt relativ zu den maximal erreichbaren Punkten.

Es gibt vier zeugnisse pro Jahr. Die Haupttest sind für alle gleich in ganz Belgien.

Die Karenzzeit ist 3 - 6 Monate. Zu hause bleiben geht nicht.

Zusatz:

Mittwochs ist die Schule immer um 12:00 Uhr aus - allerdings werden die Kinder bis 18:00 betreut, wenn man das wünscht.

Ich denke, dass dieses System allen Kindern einen angemessenen Rahmen gibt und auch die Eltern Planungssicherheit haben.

Unterm Strich ist es gut, dass das meiste schulische eben in der Schule erledigt wird. Ich hatte immer probleme zu hause Schulaufgaben zu machen, mein Bub macht die immer in der Hausübungsklasse

Und wenn ich meinen Buben frag, wann er abgeholt werden will, dann ist es ihm oft wichtig noch ein, zwei stunden mit anderen Kindern spielen zu können.

Ich bin froh, das die Schule nicht nur als schulisches Zentrum wahrgenommen wird, sondern eben auch als Lebensraum in dem Freizeit gelebt wird.

Also meine Kinder

kennen das System mit 50 Min. Schulstunden, 5 Min. Pausen, große Pause usw. nicht mehr.

lg
Dimple, 3. und 4. Kl. öffentliche Volksschule in Österreich, Lehrerin sehr konservativ

"Pelle und Lisa sind elf ..." ... "Das klingt toll, aber dummerweise müssen beide trotzdem um 8:15 Uhr im Schulgebäude sein, weil es die Eltern sonst nicht rechtzeitig in die Arbeit schaffen."

Also jetzt Ganztagsschule hin oder her, aber ab 10 bin ich hier in Wien mit öffentlichen Verkehrsmitteln allein in die Schule gefahren, zu einer Zeit, zu der meine Mutter bereits in der Arbeit war.

wie schön für dich.

falls Du es noch nicht gemerkt haben solltest: Es gibt auch Schulen die sich nicht in Wien befinden. Wer am Land wohnt, hat hier ein nicht immer lösbares Problem.
Das ist auch ein Punkt, der in der Diskussion praktisch immer vernachlässigt wird.

Zustimmung

Zu unserer Schule gab es am Vormittag 3 Busse (6.30, 7.00 und 10.00), und ueber den Nachmittag verteilt ebenfalls (13.30, 15.00 und 17.00).
Da bringt es gar nichts, wenn man schon um 14.00 aus hat, oder erst um 10.00 beginnt.
Michael

Ein bisschen dürften sich die öffentlichen Verkehrsmittel auch den Schulen anpassen.
Ich bin in damals in eine Schule gegangen, die mit dem Fahrrad ca. 35 Minuten weg war, mit dem Bus 1h40 (mit mehrmaligem Umsteigen, Schulende war meist 13:10, Bus kam um 13:05)

reden hilft manchmal

zumindest in meiner heimatstadt wurde der fahrplan adaptiert, als sich ein administrator einer etwas außerhalb gelegenen landwirtschaftlichen fachschule das lamentieren der lehrer nicht mehr aushielt und einfach in der postauto-station angerufen hat. ergebnis: durch ein leichtes adaptieren der fahrpläne und durch ein leichtes verschieben der unterrichtszeit (jeweils weniger als 10 minuten) konnte das gewünschte ergebnis erreicht werden.

schon ganz...

gut der artikel, aber folgende passage verwirrt doch, oder?

"In Österreich müssen Antons und Marias Eltern für den Hort einen gewissen Betrag bezahlen und es sollte auch erwähnt werden, dass nicht alle Volksschulen Fixplätze in einem Hort oder einer Nachmittagsbetreuung zusichern können."

"dass nicht ALLE volksschulen fixplaetze...zusichern koennen." ja, das ist wohl etwas euphemistisch formuliert! ist es in oesterreich nicht so, dass die meisten volksschulen solche plaetze eben nicht zusichern (muessen)? lasse mich da aber gerne korregieren.

verpflichtung gibt es überhaupt keine

abgesehen davon, dass hort und schulen getrennte organisationsformen sind. im bestfall sind sie am selben standort, muss aber nicht unbedingt sein. und wie gesagt, die organisation ist im grunde unabhängig voneinander - dh schulplatz garantiert noch lange keinen hortplatz.
und v.a. am land gibt es genügend schulen ohne angebot, v.a. an schulfreien tagen und in den ferien.

Für berufstätige Eltern ist derzeit die einige Lösung

normale Schule plus Hort.

Ganztagsschule hat (eigene Erfahrung mit meinen Kind) Konferenzen, Weiterbildungen der Lehrer, Schulautonome Tage usw. wo die Schule zu hat oder nur die ersten zwei Stunden. Und dann kannst schauen was du mit deinem Kind machst.

Der Hort hat immer offen.

Ganztagsschule nur wenn während dem Schuljahr wirklich ganz geöffnet und die Lehrer ihre Konferenzen und Weiterbildungen in der massenhaft vorhandenen Ferienzeit abhalten....

Schlimm für die nächsten Generationen wenn durch Preissteigerungen und Lohnabrieb beide Eltern arbeiten müssen und die Politik wirklich auf die Ganztagsschulen umstellt. Dann wird sich das nurmehr mit Krankenstände ausgehen, der Urlaub reicht dann nicht mehr.

grundsätzlich sehe ich einen hang zum "ja" zur ganztagsschule in der österreichischen bevölkerung..

das täuschungsmanöver von wg. wir nennen es nimmer gesamtschule, geht ja voi eini! dass unweigerlich eine lehrplanreform und die damit einhergehende umstrukturierung auf die gesamtschule stattfinden wird, is auch klar...GOTTSEIDANK geht da die öhfaubeh mit...zeit wirds!
ich begründe diese vage these auf dem sinn nach dem aufwand, der da dahinter steckt....

auf

diesem nivo wird in ö bildungspolitik betrieben.

erschreckend.

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