Auf der HIV-Watchlist

Edda Grabar, 26. November 2012, 08:10
  • Red Ribbon, Zeichen der Solidarität mit HIV/Aids-Kranken.
    foto: reuters/jason lee

    Red Ribbon, Zeichen der Solidarität mit HIV/Aids-Kranken.

Zwar halten Medikamente das tödliche Virus mittlerweile in Schach, doch Heilung ist nicht in Aussicht - Penible Überwachung, neue Studien zu Resistenzen und Forschung sind wichtiger, denn je zuvor

Es war vor ziemlich genau 30 Jahren. Da versetzte ein Virus die Welt in Angst und Schrecken und nahm eine Gesellschaft, die ihre Sexualmoral eben gelockert hatte, wieder in den kondomalen Zwang. Mittlerweile scheint HIV/Aids seinen Anfangsschrecken verloren zu haben, damit verbunden ebbt auch die öffentliche Aufmerksamkeit ab. Das orten Experten als fahrlässige Entwicklung mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Denn vor allem unter den homosexuellen Männern, aber auch in der restlichen Bevölkerung sinkt die Angst vor der Krankheit, die sich von einer tödlichen Gefahr zu einem chronischen Leiden entwickelt. Mit fatalen Folgen: In etwa 20 bis 25 Prozent der Fälle dauert es mehrere Jahre, bis die HIV-Infektion festgestellt wird. Dann aber hat das HI-Virus das menschliche Abwehrsystem bereits derart geschwächt, dass die Therapie längst hätte begonnen werden müssen. Je weniger Immunzellen die Mediziner im Blut zählen, desto schlechter die Behandlungsaussichten. "Trotz der inzwischen sehr guten Therapien liegt das durchschnittliche Alter von Menschen, die an HIV sterben, unter 50 Jahren", warnt Robert Zangerle, stellvertretender Direktor der Hautklinik in Innsbruck.

Er muss es wissen. Unter Zangerles Ägide läuft in Österreich die wohl aussagekräftigste Studie zum Thema. Statt der öffentlichen Hand liefert eine private Initiative aus Ärzten und Krankenhäusern wissenschaftlich fundierte Daten zur Entwicklung der Infektionen in Österreich.

Fakten sammeln

Eine groteske Situation: Anders als in anderen europäischen Ländern gibt es hierzulande keine Meldepflicht für HIV-Infektionen. Mehr noch: Über Jahre hinweg versäumte es Österreich, solche Erfassungen über die Ausbreitung des Virus, das gesundheitliche Befinden der Patienten, den Erfolg der Therapien an die Europäische Gesundheitsbehörde, das European Center of Prevention and Disease Control (ECDC), zu übersenden. Das österreichische Statistikamt listet lediglich die Aids-Erkrankungen sowie die Zahl der daran Verstorbenen auf.

"Warum das so ist, erschließt sich mir nicht", sagt auch Florian Breitenecker, HIV/Aids-Spezialist am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in Wien. Schließlich gebe die Diagnose Aids nicht immer Auskunft darüber, wie fortgeschritten die Immunschwäche bereits ist. "So kann ein HIV-positiv getesteter Patient trotz einer Aids-definierenden Tuberkulose über ein noch gut arbeitendes Abwehrsystem verfügen", umschreibt Breitenecker das Problem. Zudem sei es ja das Ziel der HIV-Behandlung, Aids zu verhindern. "Und um den Verlauf eine Infektion medizinisch und epidemiologisch zu untersuchen, sind kontinuierliche Erhebungen eine Grundvoraussetzung", lässt Robert Zangerle keinen Zweifel. Nur so ließen sich etwa Veränderungen des Erregers, die dazu führen, dass Medikamente wirkungslos werden, frühzeitig entdecken. Und nur systematische Analysen erlauben es, für Patienten optimale Therapien bereitzustellen.

Gerade um Letzteres zu erreichen, rief Zangerle gemeinsam mit sieben weiteren Krankenhäusern in Österreich im Jahr 2001 eine übergreifende sogenannte Kohortenstudie ins Leben. Dieser Fachbegriff bedeutet nichts anderes, als dass eine Gruppe von Patienten als Stichprobe für die Gesamtheit aller mit HIV-Infizierten gelten. "Unser Ziel war es ursprünglich, die Behandlung der Patienten zu verbessern, die Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten übergreifend zu kontrollieren", sagt Zangerle. Inzwischen nahmen 7406 HIV-positiv getestete Menschen in Österreich an dieser Kohortenstudie teil, von denen drei Viertel noch leben. Experten gehen davon aus, dass dies etwa einem Anteil von 80 bis 85 Prozent entspricht. Nahezu alle Arztpraxen und Krankenhäuser, die HIV-Behandlungen durchführen, nehmen an dieser Studie teil. Deshalb weiß man: Etwa 8000 Menschen in Österreich sind demnach HIV-infiziert.

HIV-Neu-Infizierte

Die umfassende Erfassung und Beobachtung der HIV-Infektionen führt dazu, dass seit einigen Jahren die staatliche Gesundheitsbehörde Ages die Daten der Krankenhaus-Initiative übernimmt, um daraus Berichte über die Infektionszahlen, die Resistenzenentwicklung und Begleiterkrankungen zu erstellen, "weil sie eine höhere Qualität haben als die Daten, die sonst gesammelt werden", heißt es aus Kreisen des Bundesministeriums für Gesundheit. Mehr noch: Erstmals sandte Österreich am 14. September dieses Jahres seine Erfassungen tatsächlich an das ECDC.

Aus dem aktuellen Bericht der Kohortenstudie geht hervor, dass nach etwa 15 Jahren die Zahl der neuen Diagnosen in den letzten zehn Jahren stagniert hat. Damit läuft Österreich gegen den europäischen Trend, nach dem die Zahl der Neuinfektionen kontinuierlich steigt. "Allerdings gehen in Westeuropa insgesamt heterosexuelle Übertragungen zurück", fügt Zangerle hinzu. Nur eben unter homosexuellen Männern nimmt sie auch hierzulande wieder zu. In den Aids-Hilfen ist man sich sicher, dass ein mangelndes Risikobewusstsein vor allem unter jungen Männern zwischen 30 und 35 Jahren, also solchen, die niemanden kennen, der an Aids gestorben ist, der Grund für diesen gefährlichen Trend ist.

Mit Unruhe beobachten die Experten aber auch die Resistenzen unter den HI-Viren. Sie haben zwar tendenziell abgenommen, doch sind 146 Patienten gegen einige der derzeit 25 am Markt erhältlichen Medikamente bereits resistent. Ein 2003 auf den Markt gebrachter Fusionsinhibitor, der verhindern soll, dass die HI-Viren in die weißen Blutkörperchen eindringen, wird deshalb bereits seit einigen Jahren nicht mehr eingesetzt, "weil er schon nach acht Wochen Resistenzen erzeugt hat", sagt die HIV-Forscherin Dorothee von Laer von der Uniklinik Innsbruck. Dort arbeitet man mithilfe von molekularbiologischen Methoden an einem neuen Fusionsinhibitor. Das Ziel: Das HI-Virus soll ihn nicht so leicht austricksen können. (Edda Grabar, DER STANDARD, 26.11.2012)

Gratulation

Gratulation an das Team, das seit Jahren die Kohorte betreibt. Und endlich liefert Österreich Daten auch an das ECDC. Warum die Aids Hilfe in Wien völlig irre Zahlen liefert ist unerklärlich. Für diese Fehlinformation sollte des Gesundheitsministerium seine Subventionen einstellen.

Ein paar Milliarden weniger in die Rüstung...

und dafür in die Forschung investiert und diese Krankheit wäre schon lange auch heilbar.

Aber die Pharmaindustrie verdient viel besser, wenn sie nicht soviel forschen, aber dafür umso mehr verkaufen kann.

Und die Mehrheit der AIDS-Kranken sitzt eben (leider) nicht als wohlhabender Mittelstand, den man beliebig melken kann, in den reichen Ländern, sondern in Afrika.

Es gibt schon wirkungsvolle ausgezeichnet zu behandeln udn auch Impfstoffe um sie erst gar nicht entstehen zu lassen.
Nur, eine Studie um sie dann endgültig auf den Markt zu bringen kostet der Pharmafirma dann ein vermögen.
Und wenn dann durch irgendeinen Umstand eine Person in den USA darauf nicht richtig reagiert, wird die Pharmafirma so verklagt, dass sie pleite geht.
Dieses Heiße Eisen greift einfach niemand an.
Das Medikament gibt es übrigens bei einem österr. Unternehmen.

Selten habe ich so einen Blödsinn gelesen.

Als ob allein schon die betroffenen Staaten in Afrika kein Interesse daran hätten, diese Pandemie in den Griff zu bekommen.

Die Pharmaindustrie will nur schlicht und ergreifend mehr Geld sehen, als diese Länder zu zahlen bereit oder fähig wären.

Auch du kannst aus der Dachrinne trinken.

"Denn vor allem unter homosexuellen Männern, aber auch in der restlichen Bevölkerung sinkt die Angst vor der Krankheit, die..."

Was ist denn das für ein schwachsinniger Satz?? Logisch so und ohne weitere Angaben überhaupt nicht nachvollziehbar!

tatsächlich wird europa langsam kondommüde. in den letzten jahren ist die zahl derer, die kondome nutzen zurückgegangen, während die zahl der neuinfektionen mit allerlei STDs wieder langsam zunimmt.

Den ersten Teil des Satzes kann ich bestätigen ... Leider.

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