"Religion muss Teil der Lösung werden"

Interview |
  • Noble Adresse: Das König- Abdullah-Zentrum residiert am Schottenring im 
1. Wiener Bezirk. Das Palais Sturany wurde von einer saudischen Stiftung
 gekauft und für viel Geld renoviert.
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    Noble Adresse: Das König- Abdullah-Zentrum residiert am Schottenring im 1. Wiener Bezirk. Das Palais Sturany wurde von einer saudischen Stiftung gekauft und für viel Geld renoviert.

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Rabbi David Rosen vertritt im König-Abdullah-Zentrum das Judentum - Im Gespräch mit dem STANDARD spricht er über die Pläne Saudi-Arabiens, eine Reise nach Riad, Terrorismus - und rote Linien für das neue Projekt

STANDARD: Schon vor der Eröffnung des König-Abdullah-Zentrums hat es lautstarke Kritik gegeben, weil es eine Initiative Saudi-Arabiens ist, wo Religionsfreiheit nicht respektiert wird. Nehmen Sie den Saudis ihr Interesse an interreligiösem Dialog ab, oder ist das ein PR-Gag?

Rosen: PR ist nicht unbedingt schlecht. Sehr wohl aber Schönfärberei, um etwas Negatives zu verdecken, ohne es ändern zu wollen. Einige Reaktionen in Österreich waren nicht nur übertrieben, sondern auch völlig kontraproduktiv. Skeptisch zu sein ist gesund - aber wenn Skepsis verhindert, Chancen zu sehen, wird sie zum Handicap.

STANDARD: Was also will Saudi-Arabien mit dem Zentrum?

Rosen: König Abdullah hat uns gesagt: Unsere Gesellschaft ist sehr konservativ und traditionell, die Dinge lassen sich nicht über Nacht ändern. Aber wenn die Menschen sehen, dass wir zusammenarbeiten, kann sich Verhalten ändern. Ich denke, dass der König und die Minister um ihn herum es absolut ernst meinen, dass sie Veränderungen in Saudi-Arabien wollen. Das Zentrum soll dazu beitragen. Man muss aber unterstreichen, dass es durch drei unabhängige Regierungen ins Leben gerufen wurde. Österreich hat dabei genauso viel Autorität wie Spanien oder Saudi-Arabien.

STANDARD: Saudi-Arabien finanziert das Zentrum vorerst.

Rosen: Die Satzung legt die Verantwortung für das Management in die Hände des Direktoriums. An das Geld aus Saudi-Arabien sind keine Bedingungen geknüpft. Ich bin mir sicher, dass meine Kollegen sonst nicht zugestimmt hätten, sich daran zu beteiligen. Außerdem hat weder der König noch ein anderer saudischer Vertreter darum gebeten, das Zentrum nach König Abdullah zu benennen. Das waren wir.

STANDARD: Das erklären Sie bitte.

Rosen: Es gibt hier eine Art Paradoxon: Wir wollen, dass das Zentrum unabhängig ist. Aber seine Bedeutung beruht genau auf der Tatsache, dass die Initiative von Saudi-Arabien ausgeht, dem Herzen der muslimischen Welt. Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist wohl die Beziehung zwischen dem Islam und der Moderne. Die negativen Auswirkungen sehen wir in vielerlei Hinsicht - Terrorismus im Namen des Islam, all das. Wenn der Islam nicht in der Lage ist, seinen Platz in der modernen Welt zu finden, wird der Terrorismus weitergehen und noch schlimmer werden. Das wäre eine Katastrophe für die zukünftigen Generationen.

STANDARD: Ist das wirklich ein religiöses Problem - oder geht es um andere Ungleichgewichte?

Rosen: Letztlich kann man Religion nicht von Kultur, Geschichte, Psychologie trennen. Der kritische Punkt ist hier die Würde. Das größte Problem in der muslimischen Welt ist das Gefühl, nicht wirklich respektiert zu werden - ganz zu schweigen davon, akzeptiert zu werden in der westlichen Welt. Das führt zu einer Kultur des Konflikts. Daher ist religiöser Dialog so wichtig.

STANDARD:Was konkret wollen Sie in dem Zentrum leisten?

Rosen: Das Zentrum soll zuallererst Bigotterie und Vorurteile bekämpfen. Und wir werden eine erste Initiative bekanntgeben, um die verschiedenen religiösen Gemeinschaften - vor allem Kirchen und Moscheen - dazu zu verpflichten, Kindersterblichkeit zu bekämpfen, grundlegende Gesundheitserziehung zu fördern. Andere Punkte sind etwa die Versorgung von Aids-Waisen, Erziehung, Umweltfragen. Wir müssen auch anerkennen, dass schreckliche Dinge im Namen der Religion geschehen. Und besonders an Orten, wo Religion Teil des Problems ist, müssen wir sie zum Teil der Lösung machen. Es gibt viele Konflikte, die Territorialkonflikte sind, in denen die Religion aber missbraucht wird. Irland kenne ich gut, aber das gilt auch für Sri Lanka, Kaschmir, Nigeria. Und besonders für meine Heimat im Nahen Osten.

STANDARD: Sie wollen als eine Art multireligiöse Stimme agieren?

Rosen: Ja, und vielleicht mehr als das. Als Unterstützung von Friedens- und Versöhnungsinitiativen. Um eine konstruktive Stimme der Religion in Gegenden zu bringen, wo Religion in Konflikten missbraucht wird. Einer der Hauptgründe für den Kollaps der Oslo-Verträge war meiner Meinung nach das Versagen der Politiker, die religiöse Dimension des Konflikts zu verstehen. Jeder technische Plan, der die tieferen psychologischen Schichten der betroffenen Gemeinschaften ignoriert, wird scheitern. Weil er nicht die psycho-spirituelle Unterstützung hat, die dafür notwendig ist.

STANDARD: Juden dürfen offiziell nicht nach Saudi-Arabien reisen. Werden Sie das tun?

Rosen: Ich glaube, die Chancen, dass wir nach Riad eingeladen werden, stehen gut. Das ist mir aber nicht so wichtig.

STANDARD: Waren Sie am Anfang eigentlich nicht skeptisch?

Rosen: Ich bin immer noch skeptisch. Wir müssen erst beweisen, dass die Initiative echt ist. Ich bin zwar zuversichtlich. Aber sollte sich das Gegenteil ergeben, werde ich die nötigen Schlüsse ziehen.

STANDARD: Das heißt zurücktreten?

Rosen: Absolut. Sicher nicht nur ich. Es ist eine Frage der Substanz. Wenn das Zentrum sich bei den Initiativen und Programmen nicht in eine zufriedenstellende Richtung entwickelt; wenn es Einflüsse von außen gibt; wenn die Gründungsländer sich in eine Richtung entwickeln, die den Zielen des Zentrums entgegenläuft - dann wäre das ein Problem. In Saudi-Arabien wurden schon Fortschritte erzielt, etwa bei der Ausbildung von Frauen, Pluralismus, institutionellem Dialog. Wenn es nun anstatt anhaltender Fortschritte Rückschritte gäbe, etwa ein gewaltsames Vorgehen gegen Minderheiten - dann wäre es für die Mitglieder des Direktoriums wohl sehr schwer weiterzumachen. (Julia Raabe, Manuel Escher, DER STANDARD, 26.11.2012)

DAVID ROSEN, 1951 in England geboren, ist Direktor für interreligiöse Angelegenheiten beim American Jewish Committee (AJC) und leitet das Heilbrunn Institut für internationale interreligiöse Verständigung. Zuvor war er u. a. Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Südafrika und Oberrabbiner von Irland.

WISSEN

Start mit viel Misstrauen - Kritik an KAICIID-Gründungsstaat Saudi-Arabien

Mit dem neuen König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen Dialog, kurz KAICIID, eröffnet am heutigen Montag ein äußerst umstrittenes Projekt. Die neue Organisation mit der noblen Adresse am Wiener Schottenring soll den Dialog zwischen den Religionen fördern. Dass die Initiative aber ausgerechnet von Saudi-Arabien ausgeht, wo es keine Religionsfreiheit gibt, hat schon seit der Unterzeichnung des Gründungsvertrags am 13. Oktober 2011 für reichlich Misstrauen und Kritik gesorgt.

Die hochrangig besetzte Eröffnungsfeier soll dem Zentrum nun einen guten Start verschaffen. Zu den Gästen zählen nicht nur die Außenminister der Gründerstaaten Spanien, Saudi-Arabien und Österreich sowie viele religiöse Würdenträger, sondern auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

Im Entscheidungsorgan des Zentrums, dem Direktorium (siehe Grafik) sind Repräsentanten aller Weltreligionen vertreten. Kritiker befürchten, dass Saudi-Arabien, wo der extrem konservative Wahhabismus Staatsreligion ist, auf die inhaltliche Arbeit Einfluss nehmen könnte, auch weil Riad das KAICIID in den ersten drei Jahren mit geschätzten 15 Millionen Euro jährlich finanziert. Saudische Vertreter argumentieren, das Zentrum werde zu Reformen in ihrem Land beitragen. (raa, DER STANDARD, 26.11.2012)

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