Die Welt des Theaters ist ein grandioses Wirrwarr

25. November 2012, 18:49
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Antú Romero Nunes inszenierte am Akademietheater das irrwitzige, alle Grenzen sprengende Stück "Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz

Wien - Wolfram Lotz, 1981 in Hamburg geboren, ist zwar kein Philosoph, sondern Dramatiker. Auch er hat keine Antwort auf die Frage, was die Welt im Inneren zusammenhält. Aber er reißt bei seiner Suche nach dem Sinn des Lebens auch Themen an, die Ludwig Wittgenstein beschäftigten: Sein überbordendes Theaterstück Einige Nachrichten an das All, das am Freitagabend seine bejubelte österreichische Erstaufführung erlebte, oszilliert zwischen dem ersten und dem letzten Satz des Tractatus logico-philosophicus.

Die Welt ist eben alles, was der Fall ist. Dass man allerdings darüber schweigen müsse, wovon man nicht sprechen könne, lässt Lotz nicht gelten. Er erfindet u. a. eine Sprache, die der Welt gerecht wird, mit der sich alles beschreiben lässt, die nichts vereinfacht.

Lotz erfindet aber nicht nur eine groteske Sprache (die natürlich kein Mensch versteht), er erfindet gleich eine kunterbunte Welt. Er kennt keine Grenzen, mischt alles durcheinander: Krippenspiel, absurdes Theater, Farce, Comedy, Show und große Tragödie. Er ist der Schöpfer seiner Figuren, und diese wissen, dass sie ihm ausgeliefert sind. Die beiden "Krüppel" Purl Schweitzke und Lum, in der Wiener Fassung traurige Clowns mit roten Nasen, stehen dann auf der Bühne und fragen sich: "Na ja, es muss doch irgendeinen Sinn machen, dass wir hier sind."

Dem Leben einen Sinn geben, das könnte ein Kind. Den verloren blickenden Wesen (Jasna Fritzi Bauer und Daniel Sträßer) ist vom Autor als Schöpfer aber keines zugedacht. Eine Möglichkeit wäre, Trost in der Religion zu suchen. Doch das Bündel in Händen der Maria, nach dem die Hirten, verkörpert von krebskranken Kindern, haschen, löst sich bloß in einen Tuchentüberzug auf. So starrt man also in die Dunkelheit, und die macht einem Angst. Denn das All breitet sich schneller aus als das Licht. Also lieber nicht so viel denken - und die Zeit totschlagen mit Unterhaltung.

Getrieben von der Panik, dass eine Leere aufkommen könnte, zieht Matthias Matschke als "Leiter des Fortgangs" alle Register des Entertainments. In der Regie von Antú Romero Nunes lädt er als prototypischer TV-Moderator in eine Talkshow ein: "Leute aus Medien und Historie" sollen Botschaften ins All schicken, die erklären, wie wir, die Menschen, ticken und wer wir eigentlich sind.

Matschke agiert, als sei er voll Koks, und er agiert mit Brutalität: Fabian Krüger, der hintereinander alle Gäste darstellt, vermag vor allem als dicke, gedemütigte Frau zu berühren, die verzweifelt einen Ausgang aus dem Studio sucht.

Immer wieder lässt Lotz die Menschen scheitern. Die drei Worte, die schließlich ins Weltall geblasen werden, könnten erbärmlicher nicht sein: "Mutter" und "Bums" und, weil die Satelliten-Maschine schon in Betrieb war, ein fragendes "Jetzt".

Da die Fußnoten im Text - höchst selten in einem Drama - zentrale Bedeutung haben, stellt Nunes sie besonders heraus. Ignaz Kirchner ist als kommentierender Ein-Mann-Chor fast immer auf der Bühne. Er murmelt zum Beispiel: "Man ist da und irgendwann ist man wieder weg." Somit zählt nur das, was im Leben geschieht.

Einige Nachrichten an das All ist eine Liebeserklärung an das große Ganze, an die Welt als Wirrwarr - und daher auch an das Theater, in dem Unmögliches möglich wird. Selten hat man ein derart präzises, komplexes Zusammenspiel aus Video, Bühnenbild (von Florian Lösche) und Schauspiel gesehen. Gegen Ende hin befinden wir uns wirklich, wie Kirchner mehrfach konstatiert, "in einer Explosion": Das Team Impulskontrolle flutet die grandiose Bühne, eine bewegliche Mauer aus großen Styropor-Würfeln, mit einem irrwitzigen Bilderreigen. Da werden die Projektionen dreidimensional und erwachen zu Leben. Lob für alle, speziell für die Bühnenarbeiter. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 26.11.2012)

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    Pantomime, Video und Unterhaltung mit Tiefgang: Matthias Matschke als Moderator.

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