EU-Emissionshandel dürfte wirkungslos bleiben

25. November 2012, 17:41
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Das Flaggschiff der EU-Klimaschutzpolitik hat für ganz Europa bisher wenig bis nichts gebracht. Dies dürfte so bleiben

Brüssel/Wien - "Überallokation" ist das Zauberwort, das den Zustand des EU-Emissionshandels am besten beschreibt. Überallokation: Das heißt, dass bis Ende 2012, der derzeitigen Handelsperiode, viel zu viele Emissionsberechtigungen für das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) an die energieintensiven EU-Konzerne und die Energieversorger ausgegeben wurden.

Kurz vor Ende dieser mittlerweile 2. Handelsperiode des EU-weiten Emissionshandels (ETS) und rechtzeitig zu Beginn der UN-Klimaschutzkonferenz in Doha, Katar, hat sich die Umweltschutzorganisation Global 2000 das System angesehen und ist zu ernüchternden Ergebnissen gekommen. Alle rund 11.000 Anlagen in den 30 europäischen Ländern des ETS (27 EU-Staaten plus Liechtenstein, Island und Norwegen) bekamen zu viele der handelbaren Zertifikate, die zur Emission von jeweils einer Tonne CO2 berechtigen. Zusammen mit der Wirtschaftskrise, in der weniger Energie benötigt wurde, ergibt dies einen Überhang, der weit in die nächste Handelsperiode bis 2020 reicht. Denn erstmals gelten die Zertifikate aus dieser Handelsperiode auch in der nächsten, die bis 2020 andauern soll.

Damit wird der Plan der EU-Kommission konterkariert, ab 2013 schrittweise von der Gratis-Vergabe abzugehen und mehr und mehr Zertifikate zu verkaufen. Die kürzlich vorgenommene Ankündigung der EU-Kommission, 900 Millionen von neuen Zertifikaten später, nämlich erst 2015, zu versteigern, ändert nichts am Grundproblem, meint Johannes Wahlmüller von Global 2000, der die Studie zum ETS gemacht hat: "Wenn es zu einem ernsthaften Wiederbelebungsversuch für dieses System kommen soll, müssen mindestens 1,4 Milliarden Zertifikate dauerhaft aus dem Markt gezogen werden", sagt er. Nach seinen Berechnungen beträgt der Überhang nämlich derzeit bereits Zertifikate von 947 Millionen Tonnen. Bleiben die Rahmenbedingungen wie bisher, wird in einer Analyse des deutschen Ökoinstituts selbst im Jahr 2020 noch immer ein Überschuss von 1,4 Milliarden CO2-Zertifikaten das System verwässern.

Enormer Überhang

Wenn kein ernsthafter - und für die Industrie kostenmäßig schmerzhafter - Schnitt gemacht wird, "stehen wir in ein paar Jahren wieder vor der gleichen Situation". Jedenfalls sollte es zu keiner Ausweitung des Emissionshandelssystems auf internationaler Ebene geben, solange "das europäische System so wirkungslos daliegt", meint Wahlmüller.

Kurioserweise sind es die Erneuerbaren-Ziele der EU, die das Problem verschärfen. Da der Ausbau erneuerbarer Energie und Energieeffizienz europaweit forciert wird, sinkt gleichzeitig der Bedarf an Emissionsberechtigungen für fossile Energien.

Wie enorm die Überallokation bei den europäischen Unternehmen ist, hat die britische Klimaschutzorganisation Sandbag zusammengetragen. Demnach haben die zehn europäischen Unternehmen mit der größten Überallokation, in Großbritannien flott "Top Ten Carbon Fat Cats 2011" genannt (siehe obenstehende Grafik), mehr Überschussberechtigungen in ihren Büchern als die Gesamtemissionen von den vier Staaten Österreich, Dänemark, Portugal und Lettland. Diese Zertifikate wurden größtenteils gratis vergeben.

EU-weit haben 77 Prozent der Anlagen, die beim europäischen Emissionshandelssystem mitmachen müssen, mehr CO2-Zertifikate in ihren Büchern, als sie tatsächlich brauchen. Dabei sind es besonders die großen Eisen- und Stahlproduktionen, die mit ca. 172 Millionen Emissionszertifikaten im Plus stehen. Die europäische Zementindustrie hat 90 Millionen Emissionsberechtigungen in ihren Büchern.

Anders der Elektrizitätssektor, der nicht zum Profiteur wurde: Den Energiebetrieben fehlen in der laufenden Handelsphase rund 241 Millionen Emissionsberechtigungen; die Kosten für die Käufe reichten sie an den Energiekunden weiter. In Österreich haben mit Ausnahme des Verbunds die Energieversorger zu viele Zertifikate, der Standard berichtete. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 26.11.2012)

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