Mitten im Fluss ein neues Pferd für Brasilien

24. November 2012, 14:58
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Eineinhalb Jahre vor dem Start ins Turnier wird Teamchef Menezes entlassen

Sao Paulo - Gut eineinhalb Jahre vor Beginn der Heim-WM und knapp sieben Monate vor dem Fußball-Confed Cup steht Fußball-Rekordweltmeister Brasilien ohne Trainer da. Nach einer außerordentlichen Sitzung der Verbandsspitze am Freitag in São Paulo wurden Mano Menezes und sein gesamter Stab überraschend vor die Tür gesetzt, nachdem die Seleção erst am Mittwoch den prestigeträchtigen Titel "Superclásico de las Américas" gegen den Erzrivalen Argentinien gewonnen hatte.

Die Bilanz von Menezes ist mit 21 Siegen bei je sechs Niederlagen und Unentschieden zwar positiv, doch vor allem die verpassten Titel bei der Copa América 2011 und zuletzt bei den Olympischen Spielen in London (1:2 im Finale gegen Mexiko) hatten den Trainer beim Verbandsboss José Maria Marin in Misskredit gebracht. Marin und CBF-Vizepräsident Marco Polo del Nero hatten bei der Sitzung auf die Absetzung des Nationaltrainers gedrängt.

Menezes, der sich beim SC Corinthians mit dem Aufstieg in die erste Liga 2008 und dem Pokalsieg 2009 einen Namen gemacht hatte, war im Juli 2010 von Marin-Vorgänger Ricardo Teixeira als Erbe von Dunga berufen worden, der mit der Seleção kurz zuvor im WM-Viertelfinale gescheitert war. Er sollte einen Neuaufbau betreiben und Brasilien nach dem als zu pragmatisch angesehenen Stil von Dunga wieder den "futebol arte", den kunstvollen Fußball, zurückgeben. Das Team konnte aber unter Menezes gerade spielerisch nur selten überzeugen, der in seiner Ära 102 Spieler eingesetzt hat.

Der brasilianische Verband CBF kommunizierte seine Entscheidung nun lediglich mit einer kurzen Meldung auf seiner Homepage und informierte zudem, das ein Nachfolger erst im neuen Jahr präsentiert werde. Brasiliens nächstes Testspiel steht am 5. Februar 2013 auf dem Programm. Dann trifft die Seleção in London auf England.

"Alles wird geändert"

"Der Verband hat neue Kriterien, möchte ein neues Konzept, neue Strukturen. Alles wird im neuen Jahr geändert", begründete Andrés Sanchez, Generaldirektor aller Auswahlmannschaften, die Entscheidung. Menezes, der seine Ausbootung offenbar via SMS erfuhr, akzeptierte diese anstandslos und verkündete per Twitter: "Ich möchte an dieser Stelle all denjenigen danken, die mit mir bei diesem Projekt gearbeitet haben, besonders den Spielern, die ich in dieser Zeit berufen habe, und natürlich auch denjenigen, die an unsere Arbeit geglaubt haben."

Besonders hervorgetan im Menezes-Bashing hatte sich seit einiger Zeit schon Ex-Weltmeister Romario. Der Trainer habe es nicht geschafft, mit der Nationalmannschaft attraktiven Fußball zu spielen, "weil ihm die Fähigkeit, die Intelligenz, der Anstand fehlen. Dieser Trainer gehört zur Mafia, um ihn herum ist die Mafia. (Gemeint ist der brasilianische Verband, d. Red). Deren Interesse ist nur das Geld. Mit Menezes werden wir niemals Weltmeister."

An eine Demission des Teamchefs hatte Romario indes nicht geglaubt: "Nein, von selbst wird er niemals zurücktreten. Nur wenn jemand vom Verband ihn rausschmeißt. Aber es gibt nur Räuber, Ratten und Banditen dort. Jeder ist in irgendwelche Geld-Skandale verwickelt. Aber keiner tut etwas dagegen."

Nachfolgerfragen: Guardiola?

Nun ist es also doch soweit. Als Nachfolgekandidaten werden die Ex-Nationaltrainer Luis Felipe Scolari und Vanderlei Luxemburgo sowie Santos-Coach Muricy Ramalho gehandelt. Scolari war erst jüngst bei Pokalsieger Palmeiras São Paulo entlassen worden. Luxemburgo steht derzeit mit Gremio Porto Alegre auf Platz zwei der brasilianischen Meisterschaft. Ramalho war 2010 schon als Dunga-Nachfolger präsentiert worden, erhielt damals dann aber keine Freistellung von seinem Klub Fluminense.

Ebenfalls im Rennen ist der international eher unbekannte Tite, der als Favorit gälte, sollte er mit dem SC Corinthians im Dezember die Klub-WM gewänne. Deshalb wohl auch das Hinhaltespiel vom Verband CBF. Scolari ist Liebling der Fans, aber seine Entlassung bei Pokalsieger Palmeiras, der vorzeitig als Absteiger feststeht, könnte gegen den 64-Jährigen sprechen. Klar ist: Dem neuen Trainer bleibt nur wenig Zeit, um seine Ideen umzusetzen. Da wundert es nicht, dass selbst der Name von Josep Guardiola ins Spiel gebracht wird. "Das einzige Team der Welt, dass der König von Barcelona morgen schon trainieren würde, wäre die Seleção", beichtete ein enger Vertrauter des Spaniers dem brasilianischen Sportblatt Lance. (sid/APA/red, 24.11.2012)

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    Mano Menezes wird Brasilien nicht nach Brasilien führen.

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    Ist am Ziel: Chefkritikaster Romario.

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