Wer zu hoch liegt, darf nicht höher

Die Alternative zum ALMA-Hochplateau ist das Tal des Mondes in der Nähe von San Pedro de Atacama

Hier nimmt man es ganz genau. Bevor die Besucher auf die ALMA High Site auf 5.100 Meter Höhe dürfen, müssen sie noch einen, den letzten Gesundheitstest bestehen. Dabei wird der Sauerstoffgehalt im Blut und der Blutdruck gemessen. Es gilt sehr strenge Regeln zu beachten. Der Blutdruck zum Beispiel darf 140/90 nicht übersteigen. Und man sagt natürlich zu recht: Wenn der Blutdruck hier im Medical Center, etwa 2.000 Höhenmeter weiter darunter, höher ist, wie hoch ist er dann ganz oben? Ein Herzinfarkt wäre nicht auszuschließen. 

Manuel, der Arzt, macht seine Arbeit natürlich gewissenhaft. Er fragt nach Erfahrungen in diesen Höhen, er fragt, ob wir uns an die Höhe angepasst haben. Er fragt nach chronischen Erkrankungen. "Asthma?" Dann misst er. Der Blog-Autor schaut mit Entsetzen auf die Anzeige. Sie zeigt 150/100. Er ist kein Blutdruck-Patient, eigentlich nie gewesen, und hat sich auch an die Regeln gehalten, die die Mitarbeiter der Europäischen Südsternwarte ESO aufgestellt haben und bei einem Ziel wie diesem Hochplateau eigentlich nona sind: Kein Kaffee und kein Alkohol, nichts, was den Blutdruck in die Höhe treiben kann. Wieso dann diese Werte?

"Das Herz klopft schneller, macht mehr Druck. Das passiert vielen Besuchern, weil sie nicht so viel Zeit haben, sich an die Höhe zu gewöhnen. Dass sie unten normale Werte haben, wundert mich nicht", sagt Manuel. Er schlägt noch eine Messung vor - diesmal im Liegen. Gespanntem Warten folgt nochmalige Ernüchterung: Der gleiche Wert. Den Frust muss man nicht verbergen. Den Ärger über den eigenen Körper auch nicht. "Du bist zu aufgeregt", sagt Valentina Rodriguez, die die Pressearbeit für die ESO macht. "Nein, nur neugierig und gespannt auf den Ausblick da oben."

Also finden die letzten Meter zum Ziel der Reise ohne den Blogautor statt. Und das, obwohl der High Altitude Survey bei einem Reisemediziner ergeben hat: Bestens geeignet für die Höhenlage. Also was nun? Die Tagesverfassung macht den Unterschied, sagt der Arzt. Auch ausgeruht, entspannt, unaufgeregt kann sie zu schlecht sein für die strengen Regeln, die hier herrschen. Gibt es eine zweite Chance am Nachmittag? Eine dritte? Eine vierte? Man muss ja hartnäckig sein. Eine Mitarbeiterin des Presseteams lächelt und meint, vielleicht könne man etwas organisieren. Valentina lehnt schließlich ab. Logistisch nicht machbar. Das soll ja kein Trost sein, aber: Zwei weitere Kollegen fallen ebenfalls beim Test durch. Ein Print-Journalist aus Oberösterreich, der jede Woche Halbmarathon läuft. Die Mitarbeiterin eines ORF-Fernsehteams, die leidenschaftlich gern wandern geht. 

Was haben wir versäumt? Die Kollegen, die die High Site besuchen dürfen, berichten Stunden später von einer langsamen, etwa 45 minütigen Fahrt mit laufenden Tests des Sauerstoffgehalts im Blut, begleitet von einem Security-Auto. Sauerstoffflaschen wurden mitgeführt, auch kleine, die wie Sprays verwendet werden konnten. Die Journalisten mussten diese kleinen Flaschen verwenden, ob sie wollten oder nicht. "Oben war es anstrengend", sagt ein Kollege. Das wäre dem Blog-Autor egal gewesen. Er legt nach. "Es war sehr sehr anstrengend." Ein anderer meint. "Ein Plateau mit vielen Antennen." Mehr nicht? "Mehr nicht".
Ein Wissenschafter berichtet später: "Wenn der Wind dir deine Schirmkappe wegbläst, versuche nicht ihr nachzulaufen, du wirst es nicht schaffen." Wer da oben ein paar Schritte geht, hat schnell einen Sauerstoffgehalt im Blut von deutlich weniger als 80 Prozent. Man wankt, fühlt sich wie auf Watte und ohne Gleichgewicht. Kaum bleibt man stehen, wird es wieder besser.

Was machen Atacama-Reisende, die das größte Ziel der langen Fahrt nicht erreichen? Jede Menge Zeit haben sie ja nun, bis das Programm für alle weitergeht. Zeit für Interviews, Zeit, um den Technikern bei der Arbeit an den Antennen zuzuschauen. Oder muss man sich doch eine Besonderheit einfallen lassen, das ähnlich sehenswert sein könnte wie das ALMA-Hochplateau? Das wäre eine Idee: Valle de la Luna! Das bei Touristen sehr beliebte Tal des Mondes ist die Alternative. Ausgangspunkt der Fahrt ist San Pedro de Atacama auf 2.400 Metern Höhe, ein von Touristen gern besuchter Ort, wo die Gruppe in diesen Tagen auch wohnt. San Pedro ist nicht weit weg vom ALMA-Basiscamp, wo die Ingenieure und Wissenschafter arbeiten und auch übernachten können. Von dieser aus Lehmziegeln errichteten Stadt, einer grünen Oase, kann man zum Beispiel den imposanten, etwa 5.900 Meter hohen Vulkan Licancábur sehen. 

Die Autofahrt zum Tal dauert nicht lange. Zu Fuß geht es schließlich durch eine Landschaft aus riesigen Sanddünen. Wer sie erklimmt, hat einen Ausblick, der dem am ALMA-Plateau sicher um nichts nach steht. Es ist mittags. Ein Begleiter ermahnt die Journalisten, Sonnencreme zu verwenden. Ein anderer erzählt von den Besonderheiten dieses Tals. Wenn es hier im Februar regnet, ist das Tal mit Salz bedeckt. Nun in der Mittagssonne findet man Steine mit Salzkristallen. Aus der Entfernung glitzert das wie ein zerbrochenes Glas in der Sonne. Bei der Wanderung sagen zwei Journalisten, dass ein Stein die Züge eines menschlichen Gesichts trägt. Der Fahrer amüsiert sich. Er sieht das öfter und hat nicht die Fantasie der Touristen. "Habt ihr etwas geraucht?" fragt er grinsend. Nein, auch mit einem Höhenrausch können wir nicht dienen.

Die Wissenschafter von ALMA haben ihre großen Ziele noch vor sich. Einige haben sie schon definiert: Das Interferometer soll durch das Universum schauen und mehr als jedes optische Teleskop Details erkennen, die man sich bisher nicht vorstellen konnte. Was genau das ist, können sie selbst noch nicht sagen. Die Erfahrung habe aber gezeigt, wann immer ein physikalisches Instrument gebaut wurde und die bisherigen um den Faktor 10 übertrifft, dann wird man etwas Unerwartetes entdecken können. ALMA habe alle Voraussetzungen dafür. (Peter Illetschko, derStandard.at, 23. 11. 2012)

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19 Postings
Cerro Paranal, ALMA und Valle di Luna - volle Dröhnung

Fotos von Cerro Paranal, ALMA und Valle di Luna (ein bissl versteckt in der Gallery) gibt es laut Auskunft des Fotografen der für die ESO 2011 2 Wochen in Cerro Paranal und bei ALMA war hier:

http://christophmalin.zenfolio.com/p239610081

Film 1 (Cerro Paranal - immer wieder toll)

http://vimeo.com/36972668

und

Film 2 (mit Cerro Paranal UND ALMA)

http://vimeo.com/33276404

hier.

schade

grausam!

Also was die für ein Theater machen... !

(Wahrscheinlich extra für die Reporter, damit die das aufregend finden.)

Ich bin da oft gewesen, auch höher, hatte nie irgendwelche Probleme (na gut, man schnauft halt etwas). Dabei habe ich keine besondere Kondition. Nie hat irgendwer einen Test verlangt oder sich sonstwie gekümmert. (Abgesehen vom Cocatee zum Lamaschnitzel mit Quinoagatsch.)

da geht es auchnichtr um kondition, sondern um veranlagung. wer die höhe nicht verträgt, kann an der höhenkrankheit sterben. da ist es schon gut, vorher tests zu machen.

ich beneide Sie

wenn ich dorft hinauf dürfte, wäre mein Blutdurck schon im Tiefland jenseits aller Grenzwerte

Beneiden Sie mich nicht sondern fahren Sie einfach hin wenn Sie's interessiert!

Akklimatisieren Sie 1 Woche in Cuzco oder La Paz etc. und geht schon. Sie können das leicht probieren indem Sie einfach mit dem Bus von La Paz zum Chacaltaya-Observatorium fahren (5200 m) und dann den Rest zum Gipfel (200 m) zu Fuss schnaufen. Geht ohne Weiteres mit Turnschuhen u. Windjacke (bei schönem Wetter, sonst zahlt sichs eh nicht aus). Von oben hat man tolle Aussicht über La Paz bis zum Titicacasee und auf den Huayna Potosi (etwas über 6000).

wenn man die höhe nicht verträgt, nutzt auch die aklimatisation nichts.

rote Rüben hin oder her:

ich würd mich nicht so einfach abschrecken lassen, wenn ich etwas wirklich sehen will. (Die Reporter sind halt auch nicht mehr was sie einmal waren!)

Ich nehm mir dort immer einfach ein Taxi wenn ich irgendwo hin will, wo es keinen Bus gibt. Mit etwas Verhandeln ist das nichtmal teuer, und lustiger allemal, denn Taxler sind überall ein Spass. - Für längere Ausflüge einfach mit einem Tour-operator, gibts in jedem Ort (S. Pedro, Copiapo, Uyuni, Salta,...) massenhaft, die machen auch gern mal einen Umweg um was zu besichtigen das sonst nicht auf ihrer Route liegt.

(Das ALMA hab ich mal auf diese Weise von einem gegenüberliegenden Berg aus von schräg oben her gesehen.)

Peter Illetschko
02
25.11.2012, 14:10

@cuca racha: Danke für die zahlreichen Postings und Tipps. Nur so viel, damit es da keine Missverständnisse für andere Atacama-Reisende gibt: Wer auf das ALMA Plateau will, braucht die Zustimmung von ALMA und des Arztes. Und die gibt es selbst bei minimalen Abweichungen nicht. Das hat nichts mit sich abschrecken lassen zu tun. Oder einer übertriebenen Sorge. ALMA ist da für jeden Besucher verantwortlich. Natürlich kann man, wenn man so will, die Sicherheitsvorshriften auch als Teil des Marketing sehen. Zur Vorsicht in diesen Höhen raten aber auch Mediziner, die nichts mit ALMA zu tun haben. Andere Wege in die Berge stehen selbstverständlich jedem offen. Einheimische raten aber dringend, nicht alleine zu fahren

Wie immer...
Auch wenn ich Ihnen nur tw. zustimme: vielen Dank für die Berichte, und auch Dank an den Standard, der der Wissenschaftsreportage einen so hohen Stellenwert zumisst.

(Eines stimmt sicher: Allein sollte man dort eher nicht in die Berge - ich hab auf dem Altiplano schon einsame Radfahrer getroffen, was ich für halbwegs verrückt halte, und rücksichtslos gegen die Einheimischen, die solche Spinner dann suchen gehen müssen. Vor ein paar J wollte ein Pole partout allein den Ojos del Salado besteigen. Wurde bis heute trotz grossen Aufwandes nicht gefunden.)

cuca racha: nicht böse sein, aber diese besserwisserei ist entbehrlich, denn sie schreiben ausschließlich von sich und wie toll sie alles gecheckt haben. bitte um inhaltlichen input nicht um selbstdarstellung

Tut mir Leid wenns falsch angekommen ist. Der Zweck - offenbar missglückt - war der Umgekehrte, nämlich zu zeigen dass das 'Checken' dort eben genau keine besondere Leistung ist - nicht zuletzt deshalb ist es da ja so voll von Touristen.

btw., Herr Illetschko:

wenn Sie in S. Pedro nix zutun haben: besuchen Sie die Chuquicamata-Mine, ist nicht weit. Dahin gibts einen öff. Bus, oder mit Taxi. (Aber vorher einen Termin für eine ordentliche Führung ausmachen. Nicht vergessen sich die Subduktions-Störung zeigen zu lassen, wo die Nazca-Platte unter die Anden taucht; geht mitten durch den Minen-Krater.)

Spektakulär !!

(Und fast ganz ungefährlich. Man bekommt nur eine Belehrung, was im Falle von Erdbeben zutun ist.)

ps., das "day sleepers" -Schild ist genial. Werd ich an meine Bürotüre hängen.

Ebenfalls danke für die Idee !

Danke für die Idee

wegen...

10 zu viel nicht rauf?

So wie ich das gelesen habe

darf der Blutdruck OBEN nicht 140/90 überschreiten, hier war er aber im Basislager auf ca 2000m. schon bei 150/90, würde auf 5000 Meter also noch höher liegen

edit

hab ich wohl falsch verstanden

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