"An Großartigkeit glaube ich nicht"

Interview23. November 2012, 18:26
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"Begehbare Denkräume" nennt Barbara Kruger ihre von Text dominierten Installationen. Die Künstlerin über das für die Wiener Arbeiterkammer entwickelte Projekt "Questions"

Wien - "Ist Arbeit jemals getan?" steht in großen Lettern auf einer Wand im Foyer der Arbeiterkammer Wien. Eine simple, aber auch quälende Frage, weil klare Antworten darauf heutzutage fehlen - da Schlagworte wie "Vertrauensarbeitszeit" und "ständige Erreichbarkeit" diskutiert werden.

Als eine Frau ein Foto von Barbara Krugers Textinstallation schießt, rückt die blondgelockte US-Künstlerin rasch aus dem Bild "Ich hasse es, wenn von mir Fotos gemacht werden; der Fokus sollte am Werk liegen." Und lachend ergänzt sie: "Ein Foto braucht es doch letzlich nur für die Todesanzeige."

Auch in Krugers künstlerischer Arbeit, die sich mit feministischen und gesellschaftskritischen Fragen beschäftigt, geht es nicht um persönlichen Ausdruck. Slogans wie das von René Descartes "cogito ergo sum" abgeleitetete, konsumkritische "I shop, therefore I am" oder das Körperpolitiken anreißende "Your Body is a Battleground" wurden nicht zuletzt wegen ihrer ikonisch-reduzierten Gestaltung - schwarz-weiße Fotos, weiße Futura-Lettern (später auch Helvetica) auf rotem Grund - oder ihrer direkten Anrede (Du, ich, wir) zu nachdrücklichen Referenzen politischer Konzeptkunst. "Question" heißt die fünfteilige Installation, die Barbara Kruger für die Arbeiterkammer Wien entwickelt hat.

Mit Fragen wie "Ist blinder Idealismus reaktionär?" oder "Gibt es ein Leben ohne Schmerz?" stößt sie Nachdenkprozesse und - hoffentlich - auch komplexe Diskurse an. Sie selbst, verrät Kruger dem Standard im Interview, sei ein News-Junkie. Al Jazeera, aber auch CNN und BBC gehören zu ihren Lieblingssendern. Was ihr Sorge macht ist das Zeitungssterben. "Die Leute lesen keine Zeitungen mehr". "Ich lese online, aber auch Print-Ausgaben. Wenn man eine echte Zeitung liest, liest man um so vieles gründlicher. Und vor allem: Man liest mehr und man liest breiter - also nicht nur die Bookmarks von den Dingen, die einen interessieren." Von ihren Studenten und Studentinnen höre sie leider auch, dass sie überhaupt nicht mehr Zeitungen lesen. Die Tageszeitungen, auch die New York Times, hätten in den USA schwer zu kämpfen. "Das wird auch hier passieren", prognostiziert sie.

STANDARD: Ihre Installation regt an, über Fragen im Zusammenhang mit beruflicher Beschäftigung nachzudenken. Was reizte daran, hier eine Ausstellung zu gestalten?

Kruger: In den Vereinigten Staaten gibt es keine vergleichbare Organisation. Es gibt ein Arbeitsministerium, das aber viel weniger Funktionen hat; Gewerkschaften existieren kaum noch. Es ist interessant, dass hier ein Apparat aus Staat, Gewerkschaften und solch anwaltschaftlichen Organisationen existiert, dass also auch „Arbeit" durch Kultur geprägt ist. Für mich ist das von Bedeutung, weil ich aus der Arbeiterklasse stamme. Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, mich aufs College zu schicken. Das ist meine Perspektive.

STANDARD: Was bedeutet Arbeit?

Kruger: Events wie Ausstellungseröffnungen mag ich nicht. Ich mag die Zeit zwischen den Ereignissen, den Alltag. Und dieser hat auch mit Arbeit und Wiederholung zu tun. Ich schätze mich glücklich, dass mich meine Arbeit ausfüllt. Ich unterrichte auch Vollzeit an einer öffentlichen Universität. Das ist nicht wie an der Kunstschule, wo man sagt, ich komme einmal im Monat und bin die große Nummer. Die meisten meiner Studenten wissen nicht einmal, wer ich bin. In meiner Kunst interessiert mich immer, wie wir uns zueinander verhalten. Auch Unterricht ist - etwa durch den Diskurs - eine solche soziale Beziehung. Im Bereich Kunst lehren außer mir Künstlerinnen wie Andrea Fraser, Mary Kelly, Catherine Opie - nicht weil sie müssten, sondern weil es auf interessante Weise Teil der künstlerischen Praxis wird. Ich mag es, an einer öffentlichen Universität zu unterrichten; ich habe selbst eine öffentliche Schulbildung genießen dürfen. Viele meiner Studierenden sind die Ersten ihrer Familie, die eine Uni besuchen, oder gar die Ersten, die Englisch sprechen. Leider sind die öffentlichen Hochschulen in der Krise. Statt 6000 sollen die Studenten künftig 12.000 Dollar im Jahr zahlen.

STANDARD: Sie sind auch für den "Los Angeles Fund for Public Education" engagiert. Mit Bildung beschäftigt sich ebenso Ihr aktuelles Projekt in Los Angeles. Zwölf mit Texten übersäte Busse fahren durch die Stadt. Unter anderem liest man: "Where are you going?"

Kruger: Viele der Zitate haben mit der Katastrophe zu tun, die ein Mangel an Bildung nach sich ziehen wird. Wenn man nicht fähig ist, mit dem, was passiert, umzugehen. Die Geschichte ist bestimmt von dem, was die Menschen wussten - oder eben nicht wussten. Bei den kalifornischen Wahlen gab es den Vorschlag, dass die Bürger den eigenen Steuersatz erhöhen, um die öffentlichen Schulen weiter zu finanzieren. Überall in den USA wäre das nicht durchgegangen, in Kalifornien wurde es jedoch angenommen.

STANDARD: 2010 realisierten Sie für die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt eine Installation, die man sich erlaufen musste, wo der Körper Teil der Erfahrungsebene war.

Kruger: Zu Beginn meiner Karriere hätte ich so eine raumgreifende Installation nicht realisieren können. Zum einen, weil ich es mir nicht hätte leisten können. Zum anderen, weil mich niemand kannte, also auch gar niemand gefragt hätte, so eine Arbeit zu realisieren. Aber der Architektur galt immer meine erste Liebe. Meine Arbeit nun so verräumlichen zu können ist spannend. Jede Ausstellungssituation bringt neue Probleme mit sich, die es zu lösen gilt. Ich bin froh, in einer öffentlichen Lobby wie dieser zu arbeiten; ich mag die Raumstruktur und die Sofas. Außerdem liebe ich die Idee, dass es nicht im Kunstzirkel stattfindet. Obwohl ich froh bin, Teil davon zu sein, verspüre ich auch Kritik und Distanz zu ihm.

STANDARD: Arbeiten Sie im öffentlichen Raum lieber als in Museen?

Kruger: Ich mache beides und alles dazwischen. Es gibt eine Million Möglichkeiten, Kunst zu machen, und auch meine ist nicht die beste. Sie ist jedoch zugänglich: Es braucht keinen Abschluss in Konzeptkunst, um sie zu verstehen. Im öffentlichen Raum ist man Teil einer Kakofonie von Gesprächen und Visualität.

STANDARD: Auf der Biennale Venedig 2005 erhielten Sie den Goldenen Löwen für Ihr Lebenswerk.

Kruger: Es war eine Überraschung, aber ich fand es verfrüht: Ich war damals erst 60! Es hat sehr lange gedauert, Anerkennung zu erhalten; anfangs unterstützte mich nur eine Handvoll Menschen. Natürlich kann man wichtige Arbeiten schaffen, aber das Leben steckt voller Zufälle. Ich hatte Glück und habe, was ich sehr zu schätzen weiß, Unterstützung bekommen, ohne die meine Arbeit heute unsichtbar wäre. Ich bin nicht großartig. An Großartigkeit glaube ich nicht. Ich bin nur jemand, der die beste Arbeit leistet, die er kann. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langfassung, 24./25.11.2012)

Barbara Kruger (67) lebt in New York und Los Angeles, wo sie an der University of California unterrichtet. Zu den wichtigen Stationen ihrer Karriere zählen die Documenta 7 in Kassel und - ebenfalls 1982 - die Biennale Venedig.

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  • "Ich hasse es, wenn von mir Fotos gemacht werden; der Fokus sollte auf dem 
Werk liegen", sagt Barbara Kruger. Lachend ergänzt sie: "Ein Foto braucht es 
doch lediglich für die Todesanzeige."
    foto: hertha hurnaus

    "Ich hasse es, wenn von mir Fotos gemacht werden; der Fokus sollte auf dem Werk liegen", sagt Barbara Kruger. Lachend ergänzt sie: "Ein Foto braucht es doch lediglich für die Todesanzeige."

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