Tanzkultur in der Formkiste

23. November 2012, 18:01
posten

Uraufführung von Anne Jurens "Lost & Found" im Brut

Wien - Einer tiefgreifenden Form der Langeweile stellt sich die aus Frankreich stammende Wiener Choreografin Anne Juren in ihrem neuen Stück Lost & Found im Theater Brut. Da geht es nicht um Fadesse aus Beschäftigungslosigkeit. Sondern um jene nervöse, angespannte innere Leere, die entsteht, wenn man trotz Arbeit, Suche und Versuchen nichts wirklich Richtiges findet.

Lost & Found ist ein Countdown von einem Tag 35 bis zu einem Tag eins. Ein schwieriger Weg, von "Losing balance" über "Trying to do nothing" bis "Getting nervous" und dann endlich "Finding a dynamic", ein "Feeling" . Zu jedem Tag gehört ein Solostatement, ein Duett oder ein Gruppenbild, eine Atmosphäre oder eine Auslassung und am Ende ein tagebuchähnlicher Bilderbogen.

Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass diese Arbeit eine Ableitung aus dem Buch Culture de la Danse. Crise de la Forme darstellt, an dem der bildende Künstler Roland Rauschmeier mit Jurens Unterstützung schreibt. Unter dieser Voraussetzung erhält die Anspannung, Leere und Hoffnung auch einen Sinn. Vor allem, wenn die Abfolge von Situationen auf ihr gesellschaftliches Drumherum bezogen wird. Sofern also die "Tanzkultur" im Buchtitel als Metapher für ein Regime erscheint, das über seine Formbesessenheit in die Krise geraten ist. Und dessen hysterisches Sichklammern an Fassaden und Oberflächen eine Neurose zur Folge hat, wie sie die Imitationen von Ticks der Tänzerin Juren sehr schön zum Vorschein bringen.

Wie beim gemeinsamen Stück Tableaux Vivants im Vorjahr ist Rauschmeiers Handschrift klar zu erkennen. Das Jonglieren mit der fröhlichen Enttäuschung, das Hinausführen von großen Kunstversprechen in kleine künstliche Versprecher. Ein Krimi-Fan würde sagen: das Umkehren der Ermittlung in eine Entmittlung.

Offenbar ist die als Methode ausgewiesene Vermischung von Fakten und Fiktion als künstlerisches Mittel unzeitgemäß geworden. Daher rührt die gelangweilte Unruhe im Zuschauer mit aus der allgemeinen Kulturkrise, die auch vor diesem Tanz nicht Halt macht.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

Share if you care.