Eine Reise ins dunkle Herz der türkischen Republik

Reportage |
  • Gedenkstätte als Ersatzfriedhof: In einer Talsenke hinter dem Dorf Mazgirt erschoss die türkische Armee während der Dersim-Massaker rund 400 Bewohner. Die Leichen wurden nie bestattet.
    foto: bernath/der standard

    Gedenkstätte als Ersatzfriedhof: In einer Talsenke hinter dem Dorf Mazgirt erschoss die türkische Armee während der Dersim-Massaker rund 400 Bewohner. Die Leichen wurden nie bestattet.

Mehr als 70 Jahre hat der türkische Staat zum Massaker an den Kurden in Dersim geschwiegen. Den Bau einer ersten Gedenkstätte ließen die Behörden in Ankara nun stoppen

Der Name hat ihn nicht gerettet, dieses Kunstprodukt, das der neue Staat seinen Bürgern verordnete. "Yurtsever" wurde eingetragen, als es ab in die europäische Moderne gehen sollte und die türkische Republik Familiennamen verteilte, so, wie man sie im Westen doch hat. "Der das Land liebt" heißt "Yurtsever" wörtlich. "Er hatte gute Beziehungen zum Staat", sagt sein Enkel, "er war keiner, der in die Berge gegangen wäre und mit dem Gewehr gekämpft hätte." Aber der Staat hat seine eigenen Pläne. Bertal Yurtsever wurde erschossen wie die anderen in seinem Dorf, auf einen Berg von Leichen geworfen und dann verbrannt. Es ist Mordzeit in Anatolien. 75 Jahre später darf man darüber reden.

Der Enkel sitzt im Dachrestaurant des besten Hotels im Ort, und wenn es noch hell wäre, könnte man die Militärposten sehen, die auf den Berghöhen rund um die Stadt stehen, wie die Wachtürme über einem Gefängnishof. Auch Tunceli ist ein Kunstprodukt, hineingerammt in die unwegsame Mitte Ostanatoliens als ewige Mahnung der Republik an ihre aufsässige Minderheit. "Der Grundgedanke war, Leute zu beseitigen, die künftig dem Staat Probleme machen könnten", sagt Kazim Arik.

Doppelte Minderheit

Tunceli, die "Eisenhand", ist die Stadt und gleichnamige Provinz der Kurden, die der alevitischen Glaubensrichtung im Islam angehören. Sie sind die Schnittmenge einer Schnittmenge im türkischen Staat, eine doppelte Minderheit. Weil sie sich in den 1930er-Jahren gegen Zwangsumsiedlung und Türkisierung wehrten, wurden sie umgebracht. Heute wird hier wie in anderen Teilen der Osttürkei der Kampf gegen die Guerilla der PKK geführt.

Kazim Arik ist jetzt 70. Es hat Jahre gebraucht, bis er und die anderen seiner Generation die Wahrheit über die eigene Familie und den Staat herausfanden. Das letzte Tabu wollen sie nun brechen: Gedenkstätten sollen an den 70 bis 100 Schauplätzen der Massaker in der Provinz errichtet werden, die einmal Dersim hieß. Die Behörden blockieren jetzt, doch der Regierungschef selbst hatte den Weg geöffnet. Es ist Vergangenheitsbewältigung auf Türkisch, eine Mischung aus politischem Kalkül und mühsamer Aufarbeitung privater Familiengeschichte.

Erdogans Entschuldigung

"Wenn es notwendig ist, dass der Staat sich entschuldigt, und wenn es eine solche Gelegenheit gibt, würde ich mich entschuldigen. Und ich entschuldige mich", hatte Tayyip Erdogan, der Sunnit und Premierminister, im vergangenen Jahr erklärt und auf den Oppositionschef gezielt. Der stammt aus Tunceli.

Kemal Kilicdaroglu spricht ungern über seine Herkunft als kurdischer Alevit, den Makel des "Republikfeinds". Seine Republikanische Volkspartei CHP, die frühere Staatspartei, trägt die politische Verantwortung für die Assimilierungsgesetze und die Massaker. Dennoch wird sie in Tunceli gewählt. Die konservativen Sunniten sind hier der noch größere Feind, und dann gibt es diese eine Legende: Atatürk, der Republikgründer, habe von den Massenmorden in Dersim nichts gewusst.

"Gehirnwäsche" nennen das Arik und seine Freunde. In der Türkei leben nur Türken, die Religion ist sunnitisch, haben sie in der Schule gelernt. Die Eltern schwiegen. Erst später an der Universität, in den politisierten 1960er- und 1970er-Jahren, sahen sie hinter die Kulissen der türkischen Republik. "Wir kamen darauf, dass alles Lüge war." Tunceli ist heute links und gesellschaftlich liberal, eine Insel im sunnitisch geprägten Anatolien.

Der Staat hat Buch geführt über den Vernichtungsfeldzug, den er 1937 und 1938 gegen die Zivilbevölkerung in Dersim führte. 13.160 Tote und 11.818 Deportierte sollen es gewesen sein, Historiker gehen von viermal mehr Opfern aus. Yurtsever, der Mann, der für Futterzuteilung an die Tiere des türkischen Militärs im Gebiet verantwortlich war, ist laut Amtsregister an Typhus gestorben, am selben Tag wie alle anderen im Dorf Civarik. Auch dieser Name steht nicht mehr auf den Karten. 300 bis 500 Zeitzeugen gebe es noch, die damals Kinder waren, glaubt Cemal Tas, ein Historiker. Er leitet ein Dokumentationsprojekt, finanziert von der großen Dersim-Diaspora in Deutschland. Rund 450 Interviews mit Überlebenden der Massaker hat Tas in den vergangenen Jahren geführt. "Wir haben spät angefangen", sagt er. Zu groß war der Druck des Staates.

Wahllos erschossen

In einer Talsenke am Dorfausgang von Mazgirt, einem anderen Ort mit dunkler Vergangenheit in der Provinz, steht nun unfertig die erste Gedenkstätte: ein Areal mit durcheinandergewürfelten Betonquadern, 25 Meter breit und lang. Es soll eine Art Ersatzfriedhof sein, sagt der Architekt in Istanbul. "Niemand ist hier normal bestattet worden." Chaos und Asymmetrie der Massaker sollen die Quader symbolisieren, erklärt Dara Kirmizitoprak, die wahllos erschossenen Bewohner - Kinder und Alte, Frauen wie Männer. 54 Menschen waren es in der Verwandtschaft des Architekten.

"Es war wichtig", sagt der Bürgermeister von Mazgirt über Erdogans Entschuldigung, "man sollte das nicht kleinreden." Aber dann kann Tekin Türkel seine Bitterkeit nicht zurückhalten: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was man sagt, und dem, was man dann tut." Kritik von den Kurden werde nicht geduldet, den Bau der kleinen Gedenkstätte ließ die Regierung vorerst stoppen. Der Boden gehöre dem Finanzministerium, lautet die Begründung. Bürgermeister Türkel marschiert mit seinen Dorfbewohnern am Jahrestag der Hinrichtung des Dersim-Rebellen Seyid Riza, dem 17. November, hinaus zur Gedenkstätte. "Die Mörder werden dem Volk Rechenschaft ablegen!", rufen die Mazgirter, und so hallt es zurück von den Bergen. Seyid Rizas Statue steht bereits in Tunceli. (Markus Bernath, DER STANDARD, 24.11.2012)

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der autor beweist wiederholt, dass in einem land zu leben, nicht bedeutet, darüber kenntnis vorweisen zu können. die kurden sind mitnichten einzig aleviten, nicht mal in ihrer mehrheit. der herr bernath sollte endlich mal seine ha machen, bevor er hier den experten mimt.

Dass Kurden die einzigen Aleviten wären...

...behauptet auch keiner.

AKA's

Ein uraltes Grund Problem in der Türkei in den Kurden Gebieten sind die Gross Grundbesitzer, genannt AKA's, welche oft derartige Massaker anzettelten, um praktisch umsonst der Ländereien zukommen. Auch diese Gross Grundbesitzer sind in der Regel Kurden und unermesslich reich. Das Thema hat die westliche Presse bis heute nicht verstanden, denn da muss man länger vor Ort sein, bis einem das die Türken, oder Anwälte einmal erklären.

AKA aka Aga.

Die Grundbesitzer heißen Agas. Mit stummem g.
A-j- a ausgesprochen.

Der Titel ist ein Ehrentitel, analog europäischer Adeliger, wie "Herr Graf" und wurde auch für militärische Titel gebraucht "Janitscharenaga".

Das Tuncelimassaker hatte aber nicht die Umtriebe dieser Raubritter zur Ursache, da geht man am Thema vorbei, wenn man das herausstellt.

Stimmt

Aber die Türkei als Staat geht systematisch - und das ist das Zauberwort - gegen die Kurden vor. Alles was möglich ist, wird gemacht.

Jetzt zeichnet sich wenigstens ein bisschen Bewegung ab und wenn es keinen Krieg, dann wird man sich schon einmal zusammenraufen.

Genau, die Kurden haben sich immer alle selbst massakriert, genau wie die Armenier vorher.

Die armen, unschuldigen Türken wollten das verhindern und haben nur richtig gehandelt.......bevor sie zu Sündenböcken gemacht wurden.

Friedliebigkeit kurdischer Feodalherrscher

Zu der Zeit war der Onkel( Ehegatte der Tante) meiner Mutter, Kaymakam(Regierungsverwalter eines Landkreises) in Dersim, spaeter Gouvaneur der Provinz Malatya. Ihre Tante erzaehlte aber von Graeultaten der anderen Seite. Leiter hatten wir es versaeumt ihre Erinnerungen schriftlich oder als Ton zu dokumentieren.
Und wenn es ums Ethnische geht, sowohl der Kaymakam ,sein Name war Kudret Kantoglu als auch die Tante sind ,nach deutschem Verstaendnis reinrassige Lasen. Wieso sich die Lasen keinen Freistaat wünschen.
Bitte Herr Markus lassen sie doch solche Geschichten, wem nützt das. Wenn sie Stories wollen , wie waehre es mit dem 6-7 September, dem Massaker von Bahcelievler, auch wie Yilmaz Güney und Ibrahim Tatlises mordeten,

Interessant ist nur, dass der Militärdiktator Ata Türk im Westen bis heute als großer Staatsmann gefeiert wird.

"Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was man sagt, und dem, was man dann tut."

Aber das ist die Strategie von Erdogan - öffentlich macht er gute Miene zum Spiel mit den Kurden, aber die Takfiri unterstützt er die dann gegen die Kurden in Syrien kämpfen.

Ich denke es wird nur einen gangbaren Weg langfristig geben - Öcalan muss enthaftet werden.

immer wieder ein jammer,dass viele tuerken und tuerkischstaemmige die massaker nicht eingestehen koennen.

http://derstandard.at/plink/133... id25396649

http://derstandard.at/plink/133... id25386659

merkwürdig, dass erdogan so eine freude mit den palästinensern hat, er hat ja dasselbe problem daheim mit den kurden!

Erdogan ist ganz wie Obama - ein riesengrosser Lügenbold.

ist alles nur ablenkung von den eigenen Problemen.

Hätte Israel, wie die Türkei, in den 80er Jahren zwischen 30.000 und 40.000 tote Palästinenser hinterlassen wäre die Welt amokgelaufen.

Wenn das in der Türkei passiert interessierts aber kaum wen.

Und sobald jemand in Israel hustet schreit man in den umliegenden Ländern Zeter und Mordio .. um von den eigenen X-fachen Vergehen abzulenken.

Mit Zahlen sollte man immer Vorsichtig umgehen...

Bisschen Hintergrundwissen würde Ihnen nicht schaden.

"The conflict between Turkey and the PKK has resulted in over 40,000 lives being lost, including PKK members, the Turkish military, and civilians, both Kurdish and Turkish."
http://de.wikipedia.org/wiki/Arbe... Kurdistans

Die Kurden in der Türkei werden nicht in einem Freiluftgefängnis gehalten wie in Israel.

In der Türkei sitzt eine Partei(BDP) im Parlament welches offen mit der Pkk sympathisiert. In Israel wäre so etwas unvorstellbar(Hamas im isr. Parlament?). Die Türkei hat sehr viele Reformen durchgesetzt welches die Rechte von Kurden und Minderheiten stärkt. Von israelischen Politikern hört man heutzutage dass Sie die Palis. in die Steinzeit bomben wollen.

netter Relativierungsversuch Ihrerseits. Aber typisch für nationalisten die über Leichen gehn.

Der Absolute Großteil der Opfer waren kurdische Zivilisten. Und das ist unbestritten.

Deshalb schwankt die Zahl bei den Angaben der Todesopfer auch zwischen 30.000 und 40.000 .. je nachdem wen man dazuzählt.

Dass Sie die Zivilisten wegleugnen spricht eher gegen Sie. Und die Araber sitzen in Israel genauso im Parlament .. wohingegen den Kurden in der Türkei bis heute elementare Minderheitsrechte vorenthalten werden die den Arabern in Israel mitnichten! vorenthalten werden.

Wenn sie Gaza mit der türkischen Situation vergleichen wollen dann trifft es viel eher die nordirakischen Kurden die von der Türkei ohne jeden internationalen Protest bombardiert werden.

Get your facts straight.

"Get your facts strainght"

Ich denke das gilt eher für Sie...

In diesem Konflikt geht es nicht um Türken gegen Kurden oder umgekehrt.

Kurden?PKK
Die Pkk versucht ihre Ideologie mit terroristischen Mitteln durchzusetzen, und repräsentiert bei weitem nicht alle Kurden.

Mit der autonomen kurdischen Regionalregierung in Nordirak hat die Türkei sehr gute wirtschaftliche Beziehungen. Bombardiert werden nur PKK-Camps in den Gebirgen.

Außerdem stellen die Kurden einen wichtigen Kern der AKP-Stammwählerschaft dar. Ihre Vorstellung von "Türken" und "Kurden" beruht nur auf Desinformation oder Wunschdenken.

"Die Kurden in der Türkei werden nicht in einem Freiluftgefängnis gehalten wie in Israel."

Ich habe aber auch nie von den Kurden gehört, dass die Türken ins Meer getrieben werden solle und ihr oberstes Ziel sei, den türkischen Staat zu vernichten.....

sie brauchen nicht zu hören , auf die Taten schauen dürfte genügen

"Ich habe aber auch nie von den Kurden gehört, dass die Türken ins Meer getrieben werden solle..."

Grundsätzlich kann man die Lage in der Türkei nicht mit dem Konflikt Israel-Palestina vergleichen.
Falls man es aber doch macht, wie es hier gerne von einigen Postern getan wird, sollte man gute Argumente liefern.

Den Kurden wurde auch nicht ihr Land geraubt. Die Mehrheit der Kurden in der TR ist nicht an einem "Kurdistan" interessiert. Das kann man auch aus den letzten Wahlergebnissen herauslesen.
Die "Erzfeind-Gequatsche" zwischen Türken u. Kurden, die sich manche wünschen existiert nicht. In der Vergangenheit gab es Defizite was Menschenrechte, Minderheitenrechte und kulturelle Rechte anbelangt.
Heute ist die Lage auch nicht perfekt, aber durch die Reformen wurde dies in den letzten 8-10 Jahren stetig verbessert.

also die offizielle "begründung" für die massenmorde an den kurden war genau das, dass sie den staat vernichten wollen.

jetzt mit historischer distanz ist wohl klar, dass das nicht so ist, ich wär mit solchen anschuldigungen gegen die palestinenser also vorsichtig.

Kurden und PKK sind nicht identisch.

Das klingt auch eher nach der PKK.

Bravo, Sie haben den Unterschied entdeckt.

Die Kurden sind doch die PKK und die PKK sind Kurden.

Nun? Hast Du noch irgendeine Frage, lieber Sahin?

Für Dich sind doch alle Kurden!

Irgendwann werden wohl die Chinesen auch zu den Kurden gehören....

Sind die MHP und Grauen für dich auch Türken und sogar gewählten Vertretern im türkischen Parlament.

Warum sollen alle Kurden oder einigen Kurden keine Kurden sein?

In jedem Volk gibt es verschiedenen Parteien und Gruppen.

Gibt es die bei Türken etwa nicht?

Atatürk, der Republikgründer, habe von den Massenmorden in Dersim nichts gewusst.

Da der Vater der Türken sehr wohl wusste, was seine Adoptivtochter Sabiha Gökcen so trieb und er ihr sogar einen Herzenswusch abschlagen wollte, den sie dann doch durchsetzte, muss er genau gewußt haben, wo sie sich an den Tagen der Massaker aufhielt:

hoch in der Luft über Tunceli wo sie aus ihrem Devoitine- Doppeldecker Bomben auf die Dörfer -zusammen mit ihre Staffel- abwarf.

Sabiha Gökcen, die erste Frau weltweit, die eine Kampffliegerkarriere gemacht hatte. Namensgeberin eines der Airports in Istanbul.

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