Nigerdelta: "Jeden Tag lecken die Pipelines und brennen die Gasfackeln"

Interview25. November 2012, 11:47
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Veraltete, rostige Pipelines; Menschen, die aus ölverseuchten Lachen trinken: Nnimmo Bassey, nigerianischer Dichter und Umweltaktivist, schilderte das Ökodesaster am Niger und wie Ölfirmen Menschenrecht brechen.

STANDARD: Im Oktober wurde Nigeria von einem Hochwasser heimgesucht. Das habe, so heißt es, die ohnehin schon bestehenden Schäden aufgrund der Ölverschmutzung potenziert. Stimmt das?

Bassey: Ja, die Lage hat sich zugespitzt, denn durch die Flut hat sich das ausgetretene Öl weiter ausgebreitet. Sie müssen sich vorstellen, im Nigerdelta lecken jeden Tag die veralteten Pipelines und brennen jeden Tag die Gasfackeln, denn das Gas wird verbrannt. Über all das hat sich das Hochwasser ergossen.

STANDARD: Die Menschen im Nigerdelta verbringen ihr ganzes Leben in einer ölverseuchten Umwelt. Welche Folgen hat das?

Bassey: Die Lebenserwartung ist mit 41 Jahren um zehn Jahre niedriger als sonst in Nigeria. Die Deltabewohner leiden öfter und sterben früher an Krankheiten, die mit Ölverseuchung in Zusammenhang stehen: Krebs, Leukämie, Asthma, schwere Hautkrankheiten. Die Lage ist dramatisch.

STANDARD: Laut dem Umweltprogramm der Uno, Unep, soll bis 2041 eine Milliarde Dollar (774 Mio. Euro) zur Sanierung der verschmutzten Region bereitgestellt werden - ein Hoffnungsschimmer?

Bassey: Das wird nicht reichen, und seit Erstellung des Unep-Plans vor einem Jahr ist nichts passiert. Vielmehr geht die Ölförderung samt Pannen in anderen Landesteilen weiter - nur in Ogoniland wurde Shell 1993 zum Aufhören gezwungen. Vor kurzem brannte ein Gasleck eines Bohrlochs von Chevron einen Monat.

STANDARD: Warum nutzt man das Gas eigentlich nicht als Energie?

Bassey: Weil es 1958, zu Beginn der Ölförderung durch Shell, keine entsprechende Infrastruktur gab - und auch seither keine errichtet wurde. Also ist Verbrennen Standard der Industriepraxis.

STANDARD: Und die nigerianischen Behörden stellen das nicht ab?

Bassey: Nein, denn der nigerianische Staat ist in höchstem Maß von den Öleinnahmen abhängig. Außerdem fehlt jede Transparenz. In Nigeria weiß niemand präzise, wie viel Öl gefördert wird, ebenso nicht, wie viel gestohlen wird oder durch Lecks verlorengeht.

STANDARD: Dafür machen die Öl firmen das Anzapfen der Pipelines durch die Bevölkerung und Sabotage verantwortlich. Stimmt das?

Bassey: Nein, schuld sind in erster Linie die veralteten, leckanfälligen Rohre - sowie der systematische Öldiebstahl für den freien Markt. Das Ölzapfen Privater, weil sie schwarz Benzin destillieren, hat nur wenig Anteil.

STANDARD: Warum werden die schweren Ölschäden im Nigerdelta medial nur peripher wahrgenommen, während jeder von der Lage im Golf von Mexiko weiß?

Bassey: Das hat mit bewusstem Wegschauen zu tun. Die Ölkata strophe in Nigeria will niemand wahrhaben, denn die reichen Länder möchten die armen weiterhin so ungestört wie möglich ausbeuten. Immerhin haben die USA vor, künftig bis zu 35 Prozent ihres Erd ölbedarfs aus dem Golf von Guinea zu beziehen.

STANDARD: Um politisch ein Zeichen zu setzen, haben Sie vorgeschlagen, die Niger-Ölkatastrophe vor den internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Wie geht das?

Bassey: Wenn man Politiker wegen Kriegsverbrechen vors Strafgericht stellen kann, muss man auch Firmen wie Shell wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagen können. Das Vorgehen der Ölmultis wird zunehmend Anlass für Gerichtsverfahren, in San Francisco oder Holland. Das ist gut, denn die Ölfirmen geraten immer mehr außer Kontrolle. (Irene Brickner, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

  • Folgen eines Öllecks der Firma Exxon im Nigerdelta. Die Lebenserwartung dort ist zehn Jahre niedriger als sonst in Nigeria.
    foto: reuters/staff

    Folgen eines Öllecks der Firma Exxon im Nigerdelta. Die Lebenserwartung dort ist zehn Jahre niedriger als sonst in Nigeria.

  • NNIMMO BASSEY (54) leitet Friends of the Earth Nigeria. In Wien war er auf Einladung von Amnesty.
    foto: der standard/hendrich

    NNIMMO BASSEY (54) leitet Friends of the Earth Nigeria. In Wien war er auf Einladung von Amnesty.

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