Franz Koglmann: "Wer nicht an sich arbeitet, bleibt banal"

Gespräch23. November 2012, 17:49
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Der Komponist und Trompeter hat für den 30. Geburtstag der von ihm und Ingrid Karl begründeten Musikgalerie neue Werke geschrieben

Ein Gespräch über Jazz, einsames Komponieren und den Reiz, sich zu entwickeln.

Wien - Es war provokant, und es war schön: "Das Jazzsolo ist tot!", polterte Trompeter Franz Koglmann vor doch schon einigen Jahren und rüttelte damit die Szene gehörig auf. Er attackierte ja ihren Kern; Improvisation war und ist im Jazz eine der Disziplinen. "Ich hatte das Gefühl, dass die Leute beim Improvisieren ihre Klischees vor sich hertrugen wie Vertreter. Auf Knopfdruck präsentieren sie, was man erwartete. Für mich war das nicht mehr lebendig."

Eine erhellende Zuspitzung. Koglmann selbst hat von der freien Gedankenproduktion in Echtzeit allerdings nie ganz Abschied genommen. " Es macht natürlich Spaß. Wenn ich an einer Komposition arbeite, tritt das Instrument in den Hintergrund. Aber nur zu Hause in sich komponierend herumgraben - da will man schon wieder unter die Leute. Der soziale Aspekt ist ein wichtiger Punkt", sagt der Wiener, der international für die subtile Verbindung von Klassik und Jazz steht.

Die Distanz zur obligaten Jazzszene hat natürlich auch damit zu tun, " dass ich nicht so ein Sessionmusiker war, eher ein Konzeptualist. Mich hat es in Richtung Komposition getrieben. Das schließt natürlich die Improvisation nicht aus, aber ich wollte diese typische Jazzmusikerclubtour nicht absolvieren." Zurzeit übt er jedenfalls wieder, geht unter Leute: Am Samstag wird im Radiokulturhaus der 30. Geburtstag der Wiener Musikgalerie mit Uraufführungen und Koglmann als Instrumentalist gefeiert.

Die Musikgalerie ist jene Institution, die mit Festivals für Impulse gesorgt hat. "Als wir begannen, gab es ja wenig in Wien. Wir haben als erste einen Derek Bailey nach Wien geholt, hatten Workshops mit Gil Evans und John Zorn. Es gab Bedarf. Heute ist das Tagesgeschäft, es gibt das Porgy & Bess und das Blue Tomato. Wir sind da ein bisschen überflüssig geworden." Ist kein Malheur: "Ich bemerke ja, dass ich mich ohnedies immer mehr auf meine Sachen konzentriere - aufs Komponieren. Ich habe ja Pläne, Aufträge bis ins Jahr 2014."

Das Börsenkonzert

Bei der Musikgalerie-Feier werden Stücke uraufgeführt, die Koglmanns Vorliebe für Textvertonungen zeigen. Da hört man etwa das Börsenkonzert (Text Alfred Zellinger) und Bix and The Boys (Text Ronald Pohl): "Texte zu vertonen war mir von Anfang an wichtig - Literatur sitzt in mir drin. Bei den Texten von Pohl, die von Martina Claussen gesungen werden, gab es sozusagen einige Entwürfe, aus denen ich auswählen durfte. Pohl hat mir da freie Hand gelassen." Bei Alfred Zellingers Börsenkonzert geht es natürlich um die Wirtschaft: "Er war ja Marketing-Manager bei einer Bank. Er hat das Börsenkonzert vorgeschlagen, das eine Art innerer Monolog eines Traders ist, den Markus Hering wahrscheinlich hervorragend geben wird. Da geht es um drei Börsenabstürze - in Tokio, Frankfurt und London. Es ist kein Wutbürgerstück, sondern ein Wutbankerstück. Wobei Börsenkurven eine Rolle als Improvisationsgrundlagen spielen. Wir werden sehen, wie das wird."

Beim Komponieren, rekapituliert Koglmann, habe es eigentlich fast immer Auftraggeber gegeben. "Ich habe selten etwas gemacht, nur weil mir fad war. Das ist zwar vorgekommen, aber nicht oft." Drängt es einen nicht manchmal, etwas einfach aus innerem Antrieb zu entwickeln? " Selbstbeauftragungen soll es natürlich auch geben. So eine künstlerische Arbeit vollbringt man ja doch in erster Linien, um sich zu entwickeln. Wer nicht an sich arbeitet, bleibt banal."

Hierzu ein Gedanke von Michel Foucault: "Er hat das so gesagt: ,Es geht nicht darum, herauszufinden, wer man ist, sondern wer man wird.' Mit der Arbeit verändert man sich. Und diesen Prozess an sich selber zu beobachten, das halte ich für sehr interessant. Der Prozess läuft natürlich unabhängig davon ab, ob es eine Auftragsarbeit ist oder nicht. Man macht schon immer das, was man will. Die Auftraggeber erwarten ja auch eine gewisse Querulanz. Sie erwarten, dass es einen Krach gibt!" (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

24.11., Radiokulturhaus, 20.00

  • Komponist und Trompeter Franz Koglmann: "Die Auftraggeber erwarten, dass 
es einen Krach gibt!"
    foto: elfi semotan

    Komponist und Trompeter Franz Koglmann: "Die Auftraggeber erwarten, dass es einen Krach gibt!"

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