So viel ungelebtes Leben

Reportage |
  • Trauernde am Tag danach an jener Stelle in der Wiener City, wo Binali I. am 31. August 2002 von einem Polizisten erschossen wurde.
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    foto: privat

    Trauernde am Tag danach an jener Stelle in der Wiener City, wo Binali I. am 31. August 2002 von einem Polizisten erschossen wurde.

  • Lieblingsfoto der Familie I.: Binali, sonnig, charmant, lebenslustig.
    foto: privat

    Lieblingsfoto der Familie I.: Binali, sonnig, charmant, lebenslustig.

  • Bild aus glücklicher Zeit: Binali (re.) mit Freundin, Mutter Ruike, Schwester Hatice (li.), ihr Baby.
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    Bild aus glücklicher Zeit: Binali (re.) mit Freundin, Mutter Ruike, Schwester Hatice (li.), ihr Baby.

Vor zehn Jahren erschoss ein Polizist in der Wiener Innenstadt einen psychisch kranken Mann. Niemand hat sich jemals für diese Tat entschuldigt. Seine Familie leidet bis heute. Eine Spurensuche

"Gerechtigkeit", sagt Ismail I., und zum ersten Mal an diesem langen Nachmittag voll quälender Erzählungen verstummt er für kurze Zeit - als würde er diesem Wort hinterherhorchen. Nach einer Weile spricht er weiter: "Gerechtigkeit wäre, wenn der Polizist, der das getan hat, nicht mehr im Staatsdienst bleiben dürfte." "Und wenn endlich jemand sagen würde, dass es ihnen leidtut. Am besten die Ministerin", ergänzt Hatice und knetet ihr Taschentuch. Dann wird es wieder still.

Ismail und Hatice I., zwei Mittvierziger, er drei Jahre jünger als sie, könnten bestens das verkörpern, was es über Bruno Kreiskys Gastarbeiterpolitik zu sagen gibt. Sie sind dynamische, in ihren Berufen erfolgreiche, gut angezogene österreichische Staatsbürger mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Sie könnten sich hier in Wien sehr wohlfühlen, wenn nicht ... Ja. Wenn. Nicht.

Erschossen mitten in Wien

Seit zehn Jahren ringen die Geschwister nun schon mit dieser Unmöglichkeitsform. Seit diesem Tag, an dem sich alles verdrehte und nichts mehr stimmte. Diesem Tag, der alles zusammenstürzen ließ und der sie zwang, ihre Leben neu zu beginnen. Irgendwie. Ohne ihn, Binali, ihren kleinen Bruder, der so viel Zuwendung brauchte, die sie ihm nicht mehr geben können.

In Ismails italienischem Restaurant im zweiten Bezirk erzählen er, ein Gastronom, und Hatice, muttersprachliche Beraterin in einem Wiener Krankenhaus, dem STANDARD einen Nachmittag lang ihre Geschichte von jenem 31. August 2002. Als Binali starb. Mitten in der Wiener Innenstadt.

Ein Albtraum ohne Ende

Ein Polizist erschoss ihn. "Einfach so", sagen die Geschwister. Binali litt an schizoaffektiver Psychose, war verwirrt und habe gar keine Chance gehabt, sagen die Geschwister. "Ein Albtraum, der kein Ende hat", sagt Ismail. Erst vor kurzem, Anfang September, brachen die alten Wunden wieder auf. Die Familie organisierte eine Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnten Todestages von Binali. Heinz Patzelt von Amnesty International war da, die Volksanwältin Terezija Stoisits, der Anwalt der Familie, Richard Soyer, und der ehemalige SPÖ-Menschenrechtssprecher Walter Posch. Von der Polizei kam niemand.

Schwester Hatice hielt eine emotionale Rede über Krankheit und Tod, Fehler und Verantwortung. Sie zeigte Fotos von Binali, Kinderfotos, Familienbilder bis hin zur letzten Aufnahme, auf der Binali nicht mehr zu sehen ist. Stattdessen seine Mutter Ruike, wie sie an der Stelle zusammenbricht, an der ihr Sohn gestorben ist, Ecke Stubenbastei, Zedlitzgasse. Vor ihr ein Meer von Blumen und Kerzen. Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit.

Böse Vorahnungen

Am Morgen des 31. August 2002, es war ein strahlender Samstag, an dem das Thermometer noch auf 31 Grad klettern sollte, war der 28-jährige Binali I. aus der Wohnung der Mutter in Wien-Simmering verschwunden. Ruike war beunruhigt. Seit Tagen schon hatte sich ein psychotischer Schub bei ihrem Sohn angekündigt. Er war fahrig, unruhig, wollte sich nicht beruhigen lassen. Frau I. rief ihre Tochter Hatice an, die meist sofort zur Stelle war, wenn es Binali schlecht ging. Doch Hatice war mit ihrem Mann und der kleinen Tochter in Deutschland zu Besuch bei den Schwiegereltern.

Ismail, damals Inhaber einer kleinen IT-Firma und Eissalonbesitzer in Ottakring, war auch gerade beschäftigt. Er versprach der Mutter, später vorbeizukommen, und riet ihr, inzwischen die Polizei zu informieren. Das tat Frau I. auch, doch als sie mit den Beamten zur Wohnung zurückkehrte, stand die Tür offen - und Binali war verschwunden.

Nuancen mit wesentlichen Unterschieden

Was danach geschah, findet sich detailliert in der Urteilsbegründung 034 E Hv /48/04g zum Freispruch des Streifenpolizisten Thomas S. vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen wieder. Oder auch nicht. Denn auch die I.s haben das Geschehene penibel rekonstruiert. Ihre Schilderung unterscheidet sich nur in Nuancen von jener im Gerichtsakt. Aber es sind entscheidende Nuancen, die dem einen den Freispruch und den anderen die bittere Erkenntnis brachten, dass der Tod ihres Bruders wohl nie gesühnt wird.

Gegen Mittag an diesem letzten Tag im August 2002 hatte sich Binali ohne Schuhe, ohne Geld, ohne Ausweis in der Himmelpfortgasse in der Wiener Innenstadt in einem Kindermodengeschäft aufgepflanzt und erst den Autoschlüssel der Besitzerin, dann Geld gefordert. Die schrie ihn an, er stieß sie rüde nieder und flüchtete. Unterwegs schnorrte er barsch eine Passantin um drei Euro an, wollte ihre Handtasche. Als sie ihn ebenfalls anschrie, flüchtete er weiter. Auch diese Zeugin sagte später, Binali habe zwar aggressiv, vor allem aber schwer verwirrt gewirkt.

Da lief schon über Funk die Fahndung nach einer "unbekannten männlichen Person, vermutlich Araber, bekleidet mit dunklem T-Shirt und dunkler Hose, mit dem besonderen Kennzeichen: keine Schuhe, lediglich schwarze Socken". Er sollte versucht haben, eine Geschäftsfrau und eine Passantin zu berauben.

Polizisten fühlten sich bedroht

Zwei Polizisten waren Binali auf den Fersen, gaben einen Warnschuss ab. Er rannte weiter. An der Ecke Stubenbastei/Zedlitzgasse stieß ein Streifenwagen mit zwei weiteren Beamten dazu. Zu viert umzingelten sie Binali. Es begann ein tödliches Spiel: Binali zeigte keine Reaktion, er schien die Beamten sogar zu foppen - zwei Schritte vor, dann wieder zurück, angedeutete Wurfbewegungen. Er hatte nichts in der Hand als zwei kleine grüne Mineralwasserflaschen. Eine warf er den Polizisten entgegen, angeblich zerschmetterte die Flasche die Windschutzscheibe des Streifenwagens.

Die Polizisten sagten später aus, ihr Kollege Thomas S. hätte einen Pfefferspray eingesetzt, der habe aber wegen aufkommenden Windes seine Wirkung verfehlt. Thomas S. zog seine Waffe. Binali I., so steht es im Gerichtsurteil, soll dennoch auf den Streifenpolizisten zugelaufen sein, "unartikuliert brüllend". Thomas S. schoss, angeblich aus 2,5 Metern Entfernung, zweimal - in den Bauch und in die Brust. Er hatte sich durch den Unbewaffneten bedroht gefühlt. Trotz Erstversorgung durch einen zufällig anwesenden Arzt starb Binali I. an seinen Wunden und dem Blutverlust.

Polizei lancierte gezielte Meldungen

Der Fall fand, wenig überraschend, sofort seinen Weg in die Medien - und die Polizei startete eine bemerkenswerte Desinformationskampagne: Der Kranke Binali I. wurde den Boulevardmedien als "Räuber" verkauft, der stadtbekannt gefährlich gewesen sei. Bei Mutter Ruike standen am nächsten Tag Polizisten der Sondereinheit Wega vor der Tür, die Binali verdächtigten, an einer Messerstecherei beteiligt gewesen zu sein. Da war Binali bereits seit 27 Stunden tot.

Der "Fall Binali I." ging in die Annalen der österreichischen Chronik-Berichterstattung ein - als ein Fall von besonders krassem polizeilichem Fehlverhalten mit besonders tragischen Folgen. Aber auch als der erste derartige Fall, in dem der Polizist, der geschossen hatte, sich vor Gericht verantworten musste.

Das immerhin sieht der Anwalt der Familie I., Richard Soyer, als Erfolg an: "Die Zeit war damals reif." Aber Thomas S. wurde bis in die höchste Instanz freigesprochen - zur nachhaltigen Verbitterung von Binalis Hinterbliebenen.

Kein Kommentar des Schützen

Bis heute ist S. Beamter im Innenministerium - im Innendienst. Mit dem STANDARD wollte er nicht sprechen - weder darüber, was damals geschah, noch darüber, wie es ihm heute damit geht, dass er mit dem ersten Schuss, den er mit seiner Glock-17-Dienstwaffe abgab, einen Menschen tötete.

Das versucht Elisabeth Schneider zu beantworten, Mitarbeiterin des Psychologischen Dienstes bei der Polizei und Projektleiterin des internen Betreuungssystems "Peer-Support". Sie sagt, ihr sei noch nie untergekommen, "dass es einem Beamten gleichgültig ist, wenn er auf jemanden geschossen hat". Viele litten an ihrem ersten Schuss: "Es kommt ihnen so vor, als hätten sie ihre Unschuld dahingehend verloren, dass dieses Erlebnis im Widerspruch mit der Grundmotivation des Polizisten steht - anderen Menschen eigentlich helfen zu wollen."

Kaum Zeit für Einzelbetreuung

In den letzten Jahren werden der Psychologische Dienst und das von diesem entwickelte interne Betreuungssystem, bestehend aus rund 60 psychologisch ausgebildeten Polizeibeamten, viel häufiger als früher frequentiert - mit Nebenwirkungen: 6,5 psychologische Planstellen für 23.000 Polizeibeamte in Österreich - da bleibt für Einzelbetreuung kaum Zeit. Therapiert wird bei der Polizei nicht - "wenn es nötig ist, vermitteln wir die Leute an externe Therapieeinrichtungen weiter", sagt Schneider.

Ob das bei Thomas S. nötig war? Schweigen. Der Freispruch war für den jungen Streifenpolizisten jedenfalls kein Kompliment. Die Richterin attestierte ihm, ein "durchschnittlich engagierter Sicherheitswachebeamte mit einem durchschnittlichen Wissensstand" zu sein - der sich nach eigener Aussage auch eher durchschnittlich ausgebildet betrachtete. Und diese Ausbildung, darauf kommt das Urteil gleich mehrfach zurück, sei nicht gut genug gewesen, man habe unter diesen Voraussetzungen von Thomas S. einfach nicht verlangen können, die Situation besser zu meistern.

So wurde in der Ausbildung nur geübt, in Notwehrsituationen auf die Körpermitte statt auf die Extremitäten zu zielen. Zudem wurden damals andere Verteidigungsstrategien, wie sie jeder durchschnittliche Hobby-Judoka beherrscht, nur den "Eliteeinheiten" der Polizei beigebracht.

Neue Techniken im Einsatz

Zumindest das ist heute anders. Seit 2004 bekommen alle angehenden Polizisten rund 320 Stunden Einsatztraining in ihrer Grundausbildung. Die jungen Beamten lernen nicht nur zu schießen, sondern auch wie man einen Schulterhebel oder andere Wurftechniken richtig einsetzt und einen potenziellen Gegner zu Fall bringt, ohne ihn zu verletzen. Nach der Grundausbildung gibt es, verpflichtend, 21 Stunden pro Jahr Weiterbildung in den Bereichen Schießausbildung, Einsatztechniken, Einsatztaktik sowie "interaktives Szenarientraining".

Mit der Frage, ob ein "Fall Binali I." wieder passieren könnte, tut sich Bundeseinsatztrainer Martin Hollunder-Hollunder sichtlich schwer: "Wir haben schon viel getan seither in der Ausbildung, wir setzen jährliche Schulungsschwerpunkte, bei denen die Polizisten und Polizistinnen umfassend fortgebildet werden. Ich würde sagen: Die Wahrscheinlichkeit sinkt."

Aber nicht gegen null: Vor einigen Monaten erst hat ein Polizist auf eine tobende Frau in ihrer Wohnung neunmal geschossen - weil sie mit zwei Messern auf seinen Kollegen losgegangen war und er in der Enge des Flurs nicht ausweichen konnte. Ob er, wie Hollunder-Hollunder sagt, in diesem Fall "gar keine andere Chance hatte", wird demnächst ein Gerichtsverfahren klären. Dem Image der Polizei sind solche Vorfälle nie zuträglich. Das weiß auch er.

Schuld und Staat

Binalis hinterbliebenen Geschwistern fällt es schwer, die Ausbildungsmängel nicht als Ausrede zu sehen - und als Selbstschutz des Staates vor weiterem Ungemach durch Hinterbliebene.

Ismail: "Wenn tatsächlich die Mängel in der Ausbildung so gravierend waren, dann trägt der Staat die Schuld am Tod unseres Bruders. Doch der Staat hat das nie auf sich genommen." Der Prozess sei, so meinen die Geschwister, eine "Farce" gewesen, der Freispruch für Thomas S. "programmiert".

Reinhard Kreissl, Polizeiwissenschafter an der Hochschule der Polizei in Hamburg, sieht das Problem nüchtern: "Wir werden solche Fälle immer wieder haben, wenn wir die Kinder nicht entwaffnen." Wenn (die meist sehr jungen) Polizisten auf der Straße ihren Dienst tun, sollten sie "das tun, was wir ihnen im Wesentlichen beibringen können: Helfen und ordnend eingreifen, wenn es eine Ordnungswidrigkeit gibt." In allen übrigen Fällen, wenn Eskalation drohe, sollten Spezialeinheiten gerufen werden.

Weg von der "cop culture"

Kreissl vertritt die nicht unumstrittene These, die Polizei müsse weg von ihrer "cop culture", hin zu einem neuen Selbstverständnis: Es müsse weniger um Obrigkeitsdenken, mehr um soziale Kompetenz gehen - schon bei der Rekrutierung von jungem Personal. Das Positive daran: Kreissl beeinflusste entscheidend das neue Handbuch Sicher mit Bildung, das seit 2011 das Berufsbild der österreichischen Polizei umreißt. Das Negative: Es wird wohl Jahrzehnte dauern, bis eine solche Umstellung das System tatsächlich durchdringt und flächendeckend wirkt.

An Familie I. sind diese Veränderung im Innenleben der Polizei vorbeigegangen. Vor ihnen steht noch immer das Bild eines schießwütigen Beamten, der den kranken Bruder umgebracht hat - und eines Systems, das diesen Mann schützt.

"Sonnig, charmant, lebenslustig"

Die I.s haben ihren Bruder nicht so in Erinnerung, wie es im Akt steht: als einen Mann mit "aggressivem Verhalten", einen, der bei früheren Schüben sogar schon mal die Mutter verletzt und den Bruder bedroht habe. Stattdessen sei er so gewesen, sagt Hatice: "sonnig, charmant, lebenslustig." Wenn seine "Schübe" auftraten, habe er sich maximal selbst verletzt. Wenn es besonders schlimm war, holten die I.s die Polizei und verständigten den Amtsarzt.

Binali kam dann für einige Tage "auf die Baumgartner Höhe", das Psychiatrische Krankenhaus der Stadt Wien. "Dann haben sie ihn mit Medikamenten vollgestopft, er wurde ganz steif und konnte sich nicht rühren", erzählt Isamail. "Wie ein Zombie" sei der Bruder gewesen, einmal habe er geflüstert: "Die machen mich kaputt." Man merkt Ismail an, dass er auch Binalis Ärzte meint, wenn er "das System" anprangert.

Ein "fast normales" Leben

Hatice sieht das anders. Sie habe von Beginn an die Krankheit ihres kleinen Bruders anders annehmen können als der Rest der Familie, sagt sie. "Ich habe ihn in seiner Krankheit akzeptiert", sagt sie. Die Schwester denkt fast täglich an das viele ungelebte Leben, ein Leben, das ihrem kleinen Bruder verwehrt wurde. In ihrem Beruf, erzählt sie, sehe sie viele Patienten, die mit Binalis Krankheit "fast normal" leben können. Das hätte sie Binali so sehr gewünscht und ihm auch zugetraut, dass er das - mit Medikamenten - schafft, eine Frau findet, Kinder bekommt: "Die hätte ich gerne kennengelernt."

Hatices eigene Ehe ging bald nach dem Tod Binalis in die Brüche. Heute ist sie alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter, sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, engagiert sich in einem Aleviten-Verein und bei den Josefstädter Grünen. "Es musste ja weitergehen", sagt sie. "Du kannst nicht einfach stehenbleiben im Leben."

Polizeispitzel mit dubiosen Hinweisen

Ismail sieht das ähnlich: Auch seine erste Ehe ging nach Binalis Tod in die Brüche, sein heute elfähriger Sohn lebt bei seiner Exfrau. Doch er konnte sich wieder verlieben und auch beruflich, als Gastwirt mit südländischem Flair, neu erfinden. Den Italiener nehmen ihm die Restaurantbesucher locker ab: Dass sich hinter lachenden Augen viel persönliches Drama verbirgt, wissen wenige. Für Ismail sollte es nach Binalis Tod noch einmal dick kommen.

Im Dezember 2004, er saß gerade über der Buchhaltung für seine IT-Firma, wurde er verhaftet. Der Vorwurf: Er sollte sich "zur Tötung eines Polizeibeamten" verabredet haben - jenes Thomas S., der drei Jahre zuvor seinen Bruder erschossen hatte. Wie Ismail erst später erfuhr, hatte dies ein Polizeispitzel behauptet, der ihn gar nicht kannte, und dem hatte man im Wiener Sicherheitsbüro nur zu gerne geglaubt. Ismail verbrachte eine Nacht in der Zelle, Beweise gab es nicht. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt.

"Ich helfe dir"

Viele Geschäftskunden ließen sich trotzdem nicht mehr blicken. Ismail erzählt von Monaten, in denen er nicht schlafen konnte, seine Nächte vor dem Fernseher verbrachte, kaum sprach - bis sein zweieinhalbjähriger Sohn zu ihm sagte: "Papa, du bist traurig. Aber ich helfe dir." Heute noch kommen ihm die Tränen, wenn er davon erzählt: "Es war wohl der Stoß, den ich brauchte, um wieder ins Leben zu finden."

Was den Geschwistern trotz allem gelang, schafft die Mutter bis heute nicht: Ruike hadert mit dem Schicksal, das ihr das jüngste Kind nahm - und manchmal auch mit ihren lebenden Kindern. In ihren dunkelsten Momenten wirft sie ihnen vor, sie hätten nicht genug gekämpft, um Gerechtigkeit für Binalis Tod zu erreichen. Das wollen die beiden nicht auf sich sitzen lassen. Ihr Ziel: Eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Thomas S., den Polizisten, der ihren Bruder tötete. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Album, 24./25.11.2012)

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