Der Kampf gegen das Einweg-Diktat bei Getränken

23. November 2012, 18:29
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Der Getränkemarkt war verpackungsmäßig eigentlich recht nachhaltig - bis die Pfandflaschen aus den Regalen verbannt wurden. Die Konsumenten wollen kein Mehrweg, heißt es seitens des Handels. Nur: Die Konsumenten haben gar keine Wahl mehr

Wien - Die Bierflasche ist die letzte standhafte Pfand-Bastion. Weil Bier in Plastikflaschen schlicht und einfach ein No-Go ist. Aber auch die klassische "Hülsen", wie sie in Wien genannt wird, kommt in Bedrängnis. Durch Dosenbier - und neuerdings auch durch Einweg-Glasflaschen.

Abgesehen vom bierigen Pfand ist der Getränkesektor aus ökologischer Sicht ein einziges Trauerspiel. Wo sind sie hin, die gläsernen Limoflaschen und die Mehrweg-Milchflaschen unserer Jugend? Nur in ländlichen Gebieten gibt es noch vereinzelt Abfüllstationen. Oder im ausgewählten Bioläden eine Rohmilch im gläsernen Pfandglas.

Seit 20 Jahren rasselt der Anteil der Mehrwegflaschen von einem sehr hohen Niveau in den Keller. Auch die Mehrweg-Kunststoffflaschen sind inzwischen wieder aus den Regalen verschwunden. Um gegenzusteuern, war seitens des Bundes die "Selbstverpflichtung des Handels" erfunden worden: Demnach sollte sich die Wirtschaft selbst Mehrweg-Ziele setzen und diese erreichen. Ein Modell, das glorios scheiterte.

Bonus-Malus-Belohnung

"Im Grunde wäre es natürlich die Aufgabe des Ministers, sich etwas zu überlegen", betont Gerald Kroneder, stellvertretender Abteilungsleiter der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 im Gespräch mit dem Standard. Es war aber eine Länder-Initiative, auf deren Anregung das "Ökobonus-Modell" entwickelt wurde.

Demnach sollte der Handel in einem Bonus-Malus-System für mehr Mehrweg belohnt werden - für zu viele Einwegflaschen sollte eine Abgabe eingehoben werden. Dazu gibt es einen fix und fertigen Gesetzesentwurf, der von den Grünen im Parlament eingebracht wurde. Der aber auch mit den Stimmen der ÖVP abgelehnt wurde. Allerdings: Genau dieser Entwurf war eigentlich von Experten des Umweltministeriums erarbeitet worden.

Die erfolgreichen Proteste des Handels gegen Pfandsysteme werden immer wieder mit dem Argument bekräftet, dass die Konsumenten keine Mehrwegflaschen wünschen würden. Allerdings: "Die Konsumenten können sich derzeit gar nichts wünschen - weil sie keine Alternative mehr haben", kontert Kroneder.

Gegenmodelle

Und er kann auf ein Gegenmodell verweisen: In einer Novelle des Wiener Veranstaltungsgesetzes war einfach vorgeschrieben worden, dass bei Veranstaltungen mit über 2000 Besuchern Mehrweg Pflicht ist - sowohl beim Antransport als auch bei Ausschank und Ausgabe. Zunächst hatte es heftige Proteste gegeben - doch nach der ersten Filmfestival-Saison auf dem Rathausplatz mit Mehrwegbechern, -gläsern und -besteck im verwichenen Sommer gibt es fast nur noch positive Rückmeldungen. Weil das Mehrwegsystem einfach mehr hermacht als Holz- oder Plastikbesteck mit Pappbechern.

Ein weiteres Gegenmodell gibt es in der Steiermark, wo gemeinsam mit den Winzern die "Allwegflasche" entwickelt wurde. Eine wieder befüllbare Weinflasche, auf die sich vor einem Jahr Landesregierung, Landwirtschaftskammer und die steirische Spar-Zentrale geeinigt hatten. Das System ist einfach: Wer seine leere Weinflasche bei einer Sammelstelle abgibt, bekommt einen Rabatt beim nächsten Weinkauf. Zwei Jahre soll das Pilotprojekt laufen mit dem Ziel, den Anteil der wiederbefüllten steirischen Allwegflaschen von heute 35 auf 50 Prozent zu steigern.

Ein Modell, das nun abgekupfert wird: Die Verhandlungen der Stadt Wien mit der Landwirtschaftskammer Wien über die Einführung einer Mehrweg-Weinflasche bei Heurigenwinzern sind bereits im Laufen. (Roman David-Freihsl, ÖKO-STANDARD, 24./25.11.2012)

Wissen: Mehrwegflaschen sind auf der Liste der gefährdeten Arten

"Die Wirtschaft optimiert aus Kostengründen. Bei den Konsumenten siegt die Bequemlichkeit. Und die Umwelt bleibt auf der Strecke." Das sagte Berthold Schleich, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Abfallvermeidung, im Dezember 2011 im Standard-Gespräch. "Daran hat sich leider nichts geändert", sagt Schleich gut ein Jahr später. Der Niedergang der Mehrwegflaschen am heimischen Getränkemarkt wird prolongiert.

Vor 18 Jahren lag der Anteil an Pfandflaschen bei Mineralwasser noch bei überragenden 96 Prozent. 2011 waren es nur noch 16,2 Prozent - nach 17,3 im Jahr 2010. Bei Limonaden war im Vorjahr nur jede zwanzigste gekaufte Flasche aus Glas. Vor 17 Jahren war es noch jede zweite.

Die 1984 wiedereingeführte Mehrwegflasche für Milch ist praktisch vom Markt verschwunden (1,6 Prozent). Einzig Bier hält dem Mehrweggebinde bei einem konstanten Marktanteil von rund 70 Prozent die Stange. Der gesamte Glasanteil bei Getränkeverpackungen ist 2011 auf 16,6 Prozent geschrumpft. (krud)

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    "Mei Bier is' net deppat", wusste schon Mundl Sackbauer. Und er hatte recht - was die "Hülsen" betrifft: Bierflaschen sind die letzte Bastion der Pfandflaschen im Handel.

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