Für Kinderrechte fehlen in Österreich Geld und Gesetz

Thomas Neuhold
23. November 2012, 18:01
  • Das Horror-Heim Wilhelminenberg ist Geschichte. Die Fremdunterbringung bleibt aber Thema.
    foto: der standard/corn

    Das Horror-Heim Wilhelminenberg ist Geschichte. Die Fremdunterbringung bleibt aber Thema.

Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen eine Betreuung durch die Jugendwohlfahrt. Die finanzielle Ausstattung, aber auch die gesetzlichen Standards hinken dieser Entwicklung hinterher, warnen die Kinderanwälte

Salzburg - Die Kinder- und Jugendanwaltschaften (Kija) schlagen Alarm: In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die zwar bei ihren Eltern wohnen, für die aber die Jugendwohlfahrt begleitende Erziehungsmaßnahmen organisieren muss, auf derzeit etwa 28.000 verdoppelt.

Gleiche Ressourcen, mehr Bedarf

Dazu kämen 11.300 Kinder und Jugendliche, die bei Pflegeeltern, in Heimen oder betreuten WGs "fremduntergebracht" sind. "Die Ressourcen sind aber gleich geblieben, das kann sich nicht ausgehen", sagte die Salzburger Kinder- und Jugendanwältin Andrea Holz-Dahrenstaedt am Rande einer Kija-Fachtagung.

"Es gibt mehr Trennungen, wachsende Armut, eine Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse", erläutert Holz-Dahrenstaedt die Zunahme des Betreuungsbedarfes. Dass es um die Fremdunterbringung in Österreich nicht besonders gut bestellt sei, habe sogar der Uno-Kinderrechtsausschuss festgestellt.

Es fehle beispielsweise an Qualitätsstandards - wie etwa dem Vier-Augen-Prinzip bei Entscheidungen der Jugendwohlfahrt, ob das Kind der Familie abgenommen werden müsse.

Bundesjugend- und Kinderhilfegesetz gefordert

Um solche Standards festzuschreiben, verlangen die Kinderanwälte ein Bundesjugend- und Kinderhilfegesetz. Dieses würde aber seit 2008 am Veto einzelner Bundesländer scheitern, kritisiert Holz-Dahrenstaedt.

Auch externe Vertrauenspersonen, die fremduntergebrachten Kindern mit Rat und Tat - etwa bei Loyalitätskonflikten zur Herkunftsfamilie - beistehen, scheiterten vorerst am Geld. In Summe würden für die Jugendwohlfahrt österreichweit rund 500 zusätzliche Planposten benötigt.

Kritik an Besuchszeiten

Kritik gibt es auch bezüglich der Besuchszeiten. Regelungen, wo Kinder ihre leiblichen Eltern nur einmal im Monat sehen dürfen, wären sicher zu wenig, sagt die Vorsitzende der Familienrichter Doris Täubl-Weinreich. Sie sieht auch positive Veränderungen: Mit dem neuen Kindschaftsrechtsgesetz (derzeit in Begutachtung) werde die Abnahme eines Kindes in einer mündlichen Verhandlung entschieden, die binnen vier Wochen stattfinden muss. Lange, belastende Verfahren würden vermieden. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

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Vier-Augen-Prinzip

In jedem dieser Jugendamts-Werbeartikel kommt das Vier-Augen-Prinzip vor, das angeblich zur Sicherung der Qualitätsstandards unbedingt notwendig ist.
Was damit aber wirklich erreicht werden soll, ist, dass das Jugendamt nur ja nicht in die Gefahr kommt, korrekt arbeiten zu müssen. Das berühmte Vier-Augen-Prinzip ist die primitivste Form der internen Kontrolle und hat auf einer Behörde eines zivilisierten Staates nichts verloren.
Richtig wäre, jede Entscheidung zu begründen, dabei bei der Wahrheit zu bleiben oder zumindest nicht allzu grob davon abzuweichen und für die Folgen die volle Verantwortung zu übernehmen. Aber das ist am Jugendamt denkunmöglich; da wären sie handlungsunfähig. Die werden ja schon rot, wenn sie eine Mini-Kamera sehen.

Die brauchen das Geld wohl für Schadenersatzzahlungen und gehen jetzt schon dafür betteln.

lügenpropaganda "kein geld"

es wird das zehnfache für die staatbetreuung ausgegeben ! wenn man den eltern 1/5 davon gäb, könnten sie sich schön erfangen und in ein normales leben kommen. statt dessen bereichert sich der beamtenapparat und befriedigt nur sich selbst.

Stimmt.

Es ist ein gigantisches Beschäftigungsprogramm für übergriffige Frauen, die keinen anderen Beruf finden konnten, eigentlich eine Versorgungseinrichtung. Dieses Geld wären direkt bei den Familien besser investiert. Die sind nämlich in der Regel einfach nur arm und verzweifelt.

aber geld für korrupte bankster ist genug da.

Keine Angst, das Jugendamt hat genug Geld. Die haben eher große Not, ihre Arbeitsplätze zu rechtfertigen, und müssen den ganzen Tag Kunden hinterherrennen, denn sie ihre Hilfä und Untastüzzung aufdrängen können, wenn's notwendig ist, auch mit massivem Druck und Drohungen.
Bei diesen Geld-Jammereien geht es um nichts weiter als um Arbeitsplatzsicherung. Das ist zwar schon in Ordnung, aber dann sollen sie bitte die Kinder in Ruhe lassen. Denen geht es eh gut; die haben Eltern, die sich um sie kümmern, und die kriegen kein Geld dafür.

kinder haben in österreich keine lobby. zum schämen.

Keine Angst, Kinder haben eine Lobby, und das sind ihre Eltern. Die kümmern sich um sie, lieben sie und beschützen sie vor dem Jugendamt.

offensichtlich hat sich das aber noch nicht zu allen kindern und deren eltern herumgesprochen.

Ja. leider.

War es nicht die ÖVP, die eine weitreichende Änderung der gesetzlichen Kinderrechte verhindert hat? Wenn ich mich recht erinnere, war das so vor 2 Jahren...

Wären das Tiere, würde ganz Österreich aufheulen, die "armen Viecherln". Aber bei Kindern... meine Güte... tsss...

Was waren das konkret für Änderungen?

Unter anderem das Recht auf Bildung.
Zur Zeit müssen die Eltern die Kinder 9 Jahre in die Schule schicken. Wenn sie das danach nicht mehr tun wollen, kann sie niemand daran hindern, egal welche Fähigkeiten das Kind hat, auch wenn sich die Eltern weitere Ausbildung auch leisten können.

Das ist mir in besonderer Erinnerung geblieben weil es mich seinerzeit vor Jahrzehnten auch betroffen hat.

Es waren noch einige Sachen, aber da müsste man genauer recherchieren.
Kannst ja machen.

Die Eltern haben schon durchs ABGB die Verpflichtung, das Kind nach seinen Fähigkeiten und ihren Möglichkeiten zu fördern. Da hapert es nur mehr an der Umsetzung.

Das Kind müsste klagen.
Welches 15-jährige Kind das in der Abhängigkeit der Eltern ist, klagt die Eltern?

Und wie würde eine gesetzliche Änderung ausschauen, die dieses Problem löst?

Wenn es eine außergerichtliche Schlichtungsstelle für Mieter und Vermieter gibt, dann wird das ja wohl auch für Unmündige möglich sein.

Geld fehlt!

Was machen schlaue Österreicher, wenn Geld für eine wichtige Sache fehlt? Sparen und spenden ;)

Das muss man einsehen:

Die Kinder bringen einfach keine guten Leistungsträger-Gegengeschäfte.

Dochdoch!

Kinder sichern vielen netten jungen Frauen, die einen Sozialberuf gelernt haben, ein regelmäßiges Einkommen. Deswegen betreibt man den ganzen Aufwand ja. Eigentlich sollten die Eltern Provision kriegen, wenn sie ihre Kinder für sowas hergeben.

7.000 Euro pro Ankerkind und Monat

so sind die aktuellen Kosten.
"derzeit würden sieben Kinder in Görtschach betreut, zuständig dafür seien 13 Beamte und acht Verwaltungseinheiten. Die Kosten dafür betragen 50.000 Euro pro Monat."
http://kaernten.orf.at/news/stor... s/2560071/
Kosten für medizinische Versorgung, Asylverfahren und Schulunterricht sind da noch nicht dabei.

...aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat...

wieviel gewalt gegen kinder von seiten des jugendamtes muss noch unterstützt werden? die kinder haben rechte wie jeder mensch, nur müssten sie edlich auch exekutiert werden.

Stimmt.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs "Kinderrechte" entlarvt den Emittenten eindeutig als jemand, der der Meinung ist, dass Kinder nicht sowieso schon Menschenrechte haben.
Die freie Interpretation der neu definierten Kinderrechte erlaubt im Gegenteil sogar die Abschaffung der Menschenrechte für Kinder.
Die Tafel am Platz der Kinderrechte im 20. Bezirk ist regelrecht eine Werbung für staatliche Übergriffe in Familien. Da sollen offenbar schon die Kleinsten in kindgerechter Sprache lernen, dass es schon in Ordnung ist, wenn sie verhaftet werden.

Kinder exekutieren? Na sie haben seltsame Forderungen.

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