Papa liebt so sehr die Klopchiki

23. November 2012, 18:13
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Eine Komödie mit integrierter Knödelkunde: Bei der Uraufführung von Lily Bretts "Chuzpe" erweist sich Otto Schenk als graziler Tänzer mit Vorliebe für polnische Küche. Sehr nett

Wien - Das Delikatessengeschäft Noah's Ark gibt es in New York, auch das Caffee Dante in der MacDougal Street. Ob ein Lokal mit Namen "You gotta have balls" an der Lower East Side existiert, ist nicht sicher. Aber es wäre keine schlechte Idee.

Vorerst gibt es einen Roman, der den zweideutigen, auf das Knödelessen gleichermaßen wie auf den jenseits der Gürtellinie lokalisierten Mut verweisenden Titel trägt: You gotta have balls (2005) von Lily Brett heißt auf Deutsch Chuzpe. Darin wird eine an sich sattelfeste New Yorkerin von der Geschäftsidee ihres 87-jährigen Vaters aus der Ruhe gebracht.

Die Bühnenfassung von Regisseur Dieter Berner (nach einer Dramatisierung von Eva Demski) hatte am Donnerstag ihre Uraufführung in den Kammerspielen. Lily Brett kam aus New York angereist, ihr wurde heftig applaudiert, und sie wird am Montag auch im Literaturhaus Salzburg aus ihrem neuesten Buch Lola Bensky lesen. In den Kammerspielen bekam man inzwischen schon einmal Hunger auf den Big Apple. Bunte Restaurantschilder und eine von Klarinetten à la Woody Allen beschwingte Musik des österreichischen Musikers Parov Stelar machten den Schauspielern richtig Beine.

Also: Der alte Papa (Otto Schenk) übersiedelt für eine letzte aufregende Lebensetappe von Australien zu seiner Tochter Ruth (Sandra Cervik) nach New York. Seine Freunde sind gestorben, also sucht er sich neue. So gelassen wie er sein neues Leben in der Second Avenue angeht, so hektisch reagiert die Tochter auf jede Handlung ihres Daddys. Er checkt billiges Klopapier, billige Kartons für ihre Briefschreibefirma und erweist sich auch sonst dem Klischee eines Juden entsprechend geschäftssinnig. Er hat das Konzentrationslager überlebt, und jetzt, im hohen Alter, holt er sich ein Stück Leben zurück.

Zwei polnische Witwen hat er bei einem Auschwitz-Besuch (!) kennengelernt und ihnen eine Green Card verschafft. Eine raffinierte Verkehrung von "Schicksal". Mit ihnen will er ein polnisches Restaurant eröffnen, in dem es vor allem eines gibt: Klopchiki, Fleischbällchen, Meatballs! In schriller Ostblocktracht stehen Zofia (Grazyna Dylag) und Walentyna (Gabriele Schuchter) in New York vor der Tür.

Kostümtechnisch ist das allerdings übers Ziel geschossen. Die beiden sind schlechte Karikaturen von Sexyness, Geschmacklosigkeit und Hinterwäldlertum. Das beraubt sie ihrer Wirkung. Auch den New Yorker Ladys (neben Cervik: Daniela Golpashin und Alexandra Krismer) wird übel mitgespielt: dürre Leiber in Schwarz, die ihre Low-Carb-Ernährung mit spitzen Fingern zelebrieren.

Wo New York ist, muss auch ein Tablet leuchten: Videotelefonie-Gesichter werden auf Leinwand projiziert. Dieter Berner greift das Spiel mit neuen Kommunikationstechnologien auf; er hat sehr einfach und nett inszeniert. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

  • Edek (Otto Schenk) ist angesichts seiner Geschäftsidee wonniglich gestimmt 
- im Unterschied zu seiner Tochter Ruth (Sandra Cervik): " Chuzpe" von Lily 
Brett an den Wiener Kammerspielen.
    foto: sepp gallauer

    Edek (Otto Schenk) ist angesichts seiner Geschäftsidee wonniglich gestimmt - im Unterschied zu seiner Tochter Ruth (Sandra Cervik): " Chuzpe" von Lily Brett an den Wiener Kammerspielen.

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