Kulturschock in der Sauna

Kolumne23. November 2012, 17:04
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Unerhebliches im Wochenüberblick

Schön, dass es in politisch ungemütlichen Zeiten wie diesen immer noch Raum für harmlos- unerhebliche Meldungen gibt. Vollkommen unerheblich war zum Beispiel diese Woche die Nachricht, dass das britische Küchenwunder Jamie Oliver ("The Naked Chef") noch nie in seinem Leben ein Buch fertiggelesen hat, mithin also auch literarisch ein Nackerpatzerl ist.

Unerheblich ist die Meldung deswegen, weil man von einem Koch ja keine einschlägige Bildung erwartet. Wenn die Spiegeleier gut gebraten sind und der Kalbjus perfekt an den Kroketten klebt, wird man es ihm nachsehen, dass er sich die Lektüre des Ulysses verkniffen hat. Umgekehrt tröstet auch das Wissen, dass der Koch nebenher über die Suche nach der verlorenen Zeit dissertiert, nicht über eine versalzene Suppe oder einen angekokelten Braten hinweg.

Ebenfalls unerheblich, aber doch auch irgendwie bedenkenswert die News von dem Kulturschock, den Jessica Biel kürzlich in einer Alpensauna erlitten hat. Die US-Mimin hatte es sich gerade im Bikini auf der Holzbank gemütlich gemacht, als sie sich plötzlich mit zwei "älteren österreichischen Männern" konfrontiert sah, die, "butt naked", ihre blanken Euro-Gemächte vor sich herschoben. So sind wir Europäer: Eine Währung kriegen wir nur unter den größten Scherereien zustande, aber in der Sauna zeigen wir her, was wir haben. Kein Wunder, dass sich Frau Biel in der Letterman-Show fast fünf Minuten lang nicht mehr einkriegte (und David Letterman einen "Balls on Wood"-Witz nach dem andern riss).

Die Sauna ist ja überhaupt ein Ort, wo sich gern Culture Clashes abspielen. Ich erinnere mich an einen stark behaarten Herrn mit türkischem Migrationshintergrund, der in einer voll besetzten öffentlichen Döblinger Sauna wie von Geisterhand eine Rasierklinge hervorzauberte und sich damit in Windeseile so energisch zu enthaaren begann, dass die anatolischen Borsten bis in die letzten Saunawinkel stoben. Zu zitieren, mit welchen Worten die versammelte Saunabelegschaft den Herrn zur Ordnung rief, verbietet mir die Höflichkeit.

Solche unangenehmen Szenen ließen sich mit etwas mehr Feingefühl für kulturelle Eigenheiten vermeiden. Also zum Beispiel: Wenn Sie in einer amerikanischen Sauna einen Schnapsaufguss machen, dann immer die Flasche in einem braunen Papiersackerl mitbringen. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

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